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Olympia:Brasiliens Präsident kneift

Olympia Brasilien

Drei Stunden Wartezeit für eine Dreiminutenrede: Interimspräsident Michel Temer bei seinem Kurzbesuch im Pressezentrum.

(Foto: Regina Schmeken)

Was bleibt Rio von diesen Spielen? Vor allem leere Kassen und die Frage, wer die Paralympics bezahlen soll. Logisch, dass sich Interimspräsident Temer vor der Schlussfeier drückt.

Von Boris Herrmann, Rio de Janeiro

In einem der kleinsten Räume, der im olympischen Pressezentrum von Barra da Tijuca verfügbar war, wurde am Donnerstag ein schweres Gatter aufgebaut. Es sah aus wie ein Raubtiergehege. Nach dem Zwischenfall mit einem Jaguar namens "Juma", der vor Wochen bei einer Zeremonie der Olympiafackel ausgebüxt war, hatten die Organisatoren versprochen, von weiteren Präsentationsformen mit wildlebenden Tieren abzusehen. Daran hielten sie sich auch.

Der eiserne Käfig im Pressezentrum stellte sich schließlich als eine bizarre Bühnenkonstruktion für einen ebenso bizarren Auftritt heraus. Es sprach eines der scheuesten Wesen im gegenwärtigen Brasilien, Michel Temer, der Interimspräsident.

Wäre er bei der Eröffnung nicht ausgepfiffen worden, hätte man seinen Gruß gar nicht bemerkt

Knapp drei Stunden hatte er sein Publikum warten lassen, nach knapp drei Minuten war er wieder weg. Temer lobte in dieser Zeit die "absolute Sicherheit" und die "absolute Ruhe" bei diesen ersten Olympischen Spielen in Südamerika. Vor allem aber teilte er mit, dass die Paralympischen Spiele, die vom 7. bis 18. September geplant sind, tatsächlich stattfinden sollen. Das muss im Krisenland Brasilien inzwischen ausdrücklich betont werden. Temer sagte, gerade die erfolgreiche Ausrichtung der Paralympics sei ihm ein Herzensanliegen. Er wünsche sich für diese Veranstaltung "den gleichen Enthusiasmus, den die Brasilianer während der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele gezeigt haben".

Rätselhaft blieb, ob das noch eine diplomatische Floskel war oder doch schon Slapstick. Zu den enthusiastischen Momenten der Eröffnungsfeier im Maracanã gehörte ja unter anderem ein kräftiges Pfeifkonzert - eben gegen Temer. Wohl genau deshalb wird er auch die Schlussfeier am Sonntagabend schwänzen. Wie offiziell bestätigt ist, wird der Parlamentspräsident Rodrigo Maia für ihn einspringen. Ein freier Stuhl in der Ehrenloge neben IOC-Boss Thomas Bach und Japans Premier Shinzō Abe, dessen Land die Spiele 2020 ausrichtet, wäre doch zu peinlich gewesen.

Temer soll Ende vergangener Woche gegenüber brasilianischen Journalisten noch erklärt haben, dass ihm wohl nichts anderes übrig bleibe, als zu dieser Schlussfeier zu erscheinen. Nach Rücksprache mit dem Außenministerium fand sich dann offenbar doch ein Schlupfloch. Laut der Nachrichtenagentur Agencia Brasil wurde Temer von dort unterrichtet, es sei keine "gängige Praxis", dass die Regierungschefs der Ausrichterländer an olympischen Schlussfeiern teilnähmen. Nun: Die ersten Spiele der Neuzeit 1896 in Athen wurden vom griechischen König Georg I. höchstpersönlich für beendet erklärt. Selbstverständlich saß auch der chinesische Staatspräsident Hu Jintao 2008 in Peking auf der Ehrentribüne, genau wie David Cameron 2012 in London und zuletzt auch Wladimir Putin bei den subtropischen Winterspielen in Sotschi.

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Solche Anlässe wurden immer gerne genutzt, um den Sport in den Dienst der Politik zu stellen. Bislang ging es für die weltlichen Herrscher meist darum, sich im Glanz der Spiele zu sonnen. In Brasilien ist Olympia nun auf ganz neuartige Weise politisch. Der höchste Repräsentant des Staates unternimmt alles, um nicht gesehen zu werden. Im Grunde war Temer ja schon bei der Eröffnungsfeier nicht wirklich anwesend. Wäre er nicht ausgepfiffen worden, hätte man seinen hingehuschten Gruß vermutlich gar nicht bemerkt.

Diese Spiele von Rio, das ging in all den Debatten über leere Ränge, dopende Russen und lügende US-Schwimmer fast ein wenig unter, fanden vor dem Hintergrund einer beispiellosen politischen Tragikomödie statt; in einem Land, in dem die gewählte Präsidentin Dilma Rousseff noch nicht endgültig abgesetzt ist und der Übergangspräsident Temer noch nicht endgültig an der Macht. Der 75-jährige Jurist ist im Volk mindestens genau so unbeliebt wie die Frau, die er in einem dubiosen Verfahren aus dem Amt drängen will.

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