Olympia Warum die Brasilianer buhen und pfeifen

Wenn Rios Sportfans einheimische Athleten anfeuern, wird es wild.

(Foto: dpa)

Sie kommen bei Olympia nicht ins Stadion, und wenn doch, dann verhalten sie sich unfair. Dieses Bild der Brasilianer geht um die Welt. Die Wahrheit ist komplizierter.

Von Boris Herrmann, Rio de Janeiro

In Kooperation mit der Abfallentsorgungs- und Verwertungsgesellschaft Köln (AVG) wird in Rio eine moderne Kompostierungsanlage eröffnet. Rios Fußball-Erstligist Fluminense hat am 20. Spieltag gegen América aus Belo Horizonte 1:0 gewonnen. Am Mittwochmorgen schien die Sonne. Die Aktien des Ölkonzerns Petrobras sind seit Jahresbeginn kräftig gestiegen. Am Sonntag feiert der in Bremen und Wolfsburg gut bekannte Fußballer Diego sein Debüt im Trikot von Fluminenses Stadtrivalen Flamengo. Das sind, nur mal so zur Auflockerung, fünf tendenziell positive Nachrichten aus der Olympiastadt. So was gibt es tatsächlich noch.

Natürlich findet man, ohne lange zu suchen, auch fünf traurige Meldungen: Im Olympiapark stürzt eine an Seilen laufende Hängekamera ab und verletzt sieben Besucher. Bei der neuen U-Bahn-Linie kommt es zu großen Verspätungen. Das Geld für die Paralympics ist schon aufgebraucht, ehe sie begonnen haben; was das heißt für die Spiele der Behinderten, weiß niemand. Für Donnerstag ist schlechtes Wetter angekündigt. Im hügeligen Teil der Copacabana wird ein Mensch erschossen.

Olympia Wer besiegt Michael Phelps?
Quiz
Olympische Spiele in Rio de Janeiro

Wer besiegt Michael Phelps?

Die jüngste Teilnehmerin, der ewige Rekord und ein Schwimmer, der sein Idol besiegt: Olympia in Rio hat viele Geschichten geschrieben. Stellen Sie Ihr Wissen unter Beweis.

Rio wird bis zum Ende dieser Spiele Rio bleiben. Ein unerhörtes Chaos, so liebenswürdig wie unmenschlich. Eine Stadt, die wie kaum eine andere ihre Widersprüche zur Schau stellt. Die Antwort auf die Frage, ob hier etwas gut oder schlecht läuft, hängt immer davon ab, wo man hinschaut. Meistens genügt es, den Kopf zu drehen.

Die Blicke des globalen Fernsehpublikums werden in diesen Tagen nicht ohne Spott auf grün gefärbte Schwimmbecken sowie leere Zuschauerränge gelenkt. Das grüne Wasser bleibt eines der Bilder dieser Spiele. Nach gegenwärtigem Stand der Ermittlungen hatte ein Reinigungstrupp in besten Desinfektions-Absichten größere Mengen von Wasserstoffperoxid in die Becken der Synchronschwimmer und Turmspringer gekippt. Dabei sind offenbar die chemischen Reinigungskräfte des Chlors zu Schaden gekommen, worüber sich wiederum die Algen freuten.

Das Wasser der Synchronschwimmer wurde komplett abgepumpt und durch 3,7 Millionen Liter der blauen Sorte ersetzt. Im Pool der Turmspringer wird weiterhin fleißig nach Algen gefiltert. Sofern es stimmt, was die Offiziellen sagen, und es keinerlei gesundheitliche Risiken für die Sportler gibt, bleibt das wohl eine besonders bunte Meldung.

Favoriten haben es schwer in Rio

Die oft halbleeren Ränge sind aus Sicht vieler internationaler Beobachter die größte Enttäuschung dieser Spiele. Selbst bei Medaillenentscheidungen der Leichtathletik oder beim Frauenfinale im Tennis kam man sich mitunter vor wie auf einem Provinzsportfest. Die Brasilianer, so wird daraus geschlossen, interessierten sich weniger für den olympischen Sportgeist als für die Helden ihrer Nation. Das mag stimmen, aber ist das spezifisch brasilianisch?

Olympia Lavillenie erlebt Unfairness in einer neuen Dimension
Olympia

Lavillenie erlebt Unfairness in einer neuen Dimension

Der Stabhochspringer Lavillenie wird bei der Siegerehrung erneut ausgepfiffen und muss weinen. Das Verhalten des Publikums ist mehr als unsportlich.   Kommentar von Martin Schneider

Sehr brasilianisch und sicher gewöhnungsbedürftig ist das Verhalten der heimischen Zuschauer. Als der Stabhochspringer Thiago Braz am Montag Gold für Brasilien holte, wurde sein Kontrahent Renaud Lavillenie gnadenlos ausgebuht. Der Weltrekordhalter aus Frankreich war der Favorit in dieser Disziplin. Favoriten, die Brasilianern Medaillen wegschnappen wollen, haben es schwer in Rio. Das zieht sich schon durch die gesamte Veranstaltung. Auch beim Tennis, Tischtennis, Fechten und Turmspringen war das zu beobachten, wo es so etwas wie einen Fan-Knigge gibt.