Deutsche Olympia-Bilanz:Die Beute ist ungleich verteilt

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Deutsche Olympia-Bilanz: Im Zweierbob stellt das deutsche Team gleich das ganze Podest - in anderen Sportarten sieht es dagegen düster aus.

Im Zweierbob stellt das deutsche Team gleich das ganze Podest - in anderen Sportarten sieht es dagegen düster aus.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Ski und Rodel gut - aber was ist mit den anderen Sportarten? Die Bilanz des Deutschen Olympischen Sportbunds zeigt ein enormes Leistungsgefälle.

Von Barbara Klimke, Peking

Mit Bilanzen des Pandemiesports ist vorsichtig umzugehen. Unter Berücksichtigung der widrigen Umstände, Masken bis zur Startrampe, Wettkämpfe hinter Absperrgittern, hatte die deutsche Delegation in Peking vorab keine konkrete Zielsetzung gewagt. Umso erfreulicher war das Fazit, das nach zweieinhalb Wochen in Nordchinas kargen Ebenen und Bergen gezogen werden konnte. Es hieß, verkürzt gesagt: Ski und Rodel gut!

Zum Abschluss der Winterspiele in der Volksrepublik wurden, wie üblich, die Gewinnzahlen vorgestellt. Die Kombination lautete diesmal zwölf, zehn, fünf; Zusatzzahl zwei. Das bedeutete, dass die Athletinnen und Athleten des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) zwölf goldene, zehn silberne und fünf bronzene Medaillen erobert hatten und damit auf Platz zwei der Nationentabelle rangieren. Wenn man dem Ganzen eine historische Dimension verleihen wollte, was Dirk Schimmelpfennig in seiner Rolle als Leistungssportdirektor und damit gewissermaßen als Buchhalter zählbarer Erfolge umgehend unternahm, dann war das deutsche Team in den "Korridor der Spiele von 2014 und 2018 eingelaufen", wie er es formulierte: also nicht schlechter und nicht besser.

Mehr Spannung als dieser Korridor verhießen nun die weiteren Berechnungen, die Schimmelpfennig anstellte, jene, die Sportarten zueinander in Bezug setzten. Denn hier ergab sich der interessante Fakt, dass mehr als die Hälfte aller deutschen Plaketten die Athleten des Bob- und Schlittenverbandes abräumten. Den Rest konnte der Deutsche Skiverband für sich reklamieren mit seinen Langläufern, Skispringern, Biathleten, Freestylern, Nordischen Kombinierern und, am letzten Tag, auch noch den Alpinen.

Bei der Abschlussfeier trägt Bob-Anschieber Thorsten Margis die Fahne

Dass es eine dicke Goldspur war, die in den Eiskanal des National Sliding Centers von Yanqing gelegt wurde, diesen Bandwurm mit Holzdach im Gebirge, ist niemandem bei diesen Pekinger Spielen entgangen, schon gar nicht der internationalen Konkurrenz. Die deutschen Rekordolympioniken Natalie Geisenberger, Tobias Wendl, Tobias Arlt und Kollegen entschieden im Rennrodeln jeden Wettbewerb für sich. Das Ergebnis wurde sogar noch ausgebaut: Erstmals gab es zwei Siege im Skeleton durch Hannah Neise und Christopher Grotheer, die sich kopfüber in die Rinne stürzten. Um die nicht minder rasanten Bobfahrer zu würdigen, hat die deutsche Delegation den 32-jährigen Thorsten Margis aus Halle, den Anschieber des Piloten Francesco Friedrich (Gold im Zweier- und Viererbob), bei der Abschlussfeier am Sonntag mit der Fahne betraut.

Als nicht minder erfreulich werteten Schimmelpfennig und DOSB-Präsident Thomas Weikert den Fortschritt in der Sparte Langlauf. Hier zeigte ein junges Frauen-Team, wie weit man es mit Kollegialität und mannschaftlicher Geschlossenheit auch in der Loipe bringen kann.

Deutsche Olympia-Bilanz: "Wir haben es nicht geschafft, zusammen als Mannschaft zu spielen" - Die deutsche Auswahl war bei Olympia in Peking früh ausgeschieden.

"Wir haben es nicht geschafft, zusammen als Mannschaft zu spielen" - Die deutsche Auswahl war bei Olympia in Peking früh ausgeschieden.

(Foto: Laci Perenyi/Imago)

Wenn zwei Verbände die Beute unter sich aufteilen, heißt das jedoch, dass alle anderen leer ausgingen: Curling, Eishockey, Eiskunstlauf, Eisschnelllauf, Shorttrack. Dies ist die Glatteiszone des ansonsten recht winterfesten DOSB. Hier schlittert er in die Konkurrenzlosigkeit, zum Teil seit Jahren schon. "Sicherlich sind wir weniger breit aufgestellt als vor vier Jahren in Südkorea, wo sich fünf Verbände an der Medaillenbilanz beteiligen konnten", erklärte Schimmelpfennig. Die mit enormem Aufwand und mehr Fördergeld als je zuvor betriebene Spitzensportreform hat offensichtlich noch nicht zur angestrebten Wende geführt.

Eine bittere Bilanz für die DESG: 23 Entscheidungen, keine Medaillen

Die Eishockey-Auswahl der Männer, vor vier Jahren noch Olympia-Zweiter, gewann nur eines ihrer Spiele - gegen China. Das Frauenteam hatte sich zum wiederholten Mal nicht qualifiziert, ebenso wenig wie die Curler. Recht deutlich rechnete Schimmelpfennig den Eisschnellläufern und Shorttrackern aus dem Verband DESG ihre Bilanz vor: In 23 Entscheidungen gab es keine Medaille. Welche Auswirkungen dies auf die Förderung hat, blieb offen: Einerseits hat sich der DOSB auf eine "potenzialorientierte Förderung" festgelegt, andererseits will er die "Vielfalt der Sportarten" erhalten. "Wir sollten kritisch in unser Spitzenkonzept schauen und es fortschreiben", sagte Schimmelpfennig vage. Bis die Eisschnellläufer die Kurve kriegen, so hieß es, könne es bis 2026 oder sogar 2030 dauern.

Deutsche Olympia-Bilanz: Trotz großer Anstrengung läuft es auf dem Eis nicht für deutsche Athleten wie Eisschnellläufer Joel Dufter.

Trotz großer Anstrengung läuft es auf dem Eis nicht für deutsche Athleten wie Eisschnellläufer Joel Dufter.

(Foto: Ashley Landis/dpa)

Im DOSB haben die Verantwortlichen nun ohnehin die Zukunft fest im Blick nach dem Pandemiesport in Chinas frostiger Umgebung, dem vieles fehlte, nicht nur Zuschauer oder mitreisende Familienangehörige, sondern auch der Kontakt zu den Gastgebern und die Freizügigkeit der Bewegung. "Funktionale Spiele", nannte Schimmelpfennig die zum Teil seelenlose Veranstaltung.

Der neue Verbandspräsident Thomas Weikert hat die Zeit bei Olympia genutzt, Kontakte zu knüpfen. Nach der Ära seines Vorgängers Alfons Hörmann, dessen Beziehung zum IOC zuletzt strapaziert war, konnte er berichten, er habe allerseits Freude darüber festgestellt, "dass wir international ein Comeback feiern". Wohin das seiner Meinung nach führen könnte, ist ebenfalls klar. Er stellte erneut eine Bewerbung Deutschlands in Aussicht. "Es ist an der Zeit, vernünftig, langsam und sorgfältig heranzugehen, wie wir eine Bewerbung wieder auf den Weg bringen", erklärte er. Vielleicht sei 2030 noch zu früh, "aber danach steht alles offen".

Dafür ist nach sechs gescheiterten Versuchen die Unterstützung der Leute im Land nötig, das weiß auch Weikert. Die Zukunft des Ringe-Zirkus sieht er jedoch optimistisch, "weil die nächsten Spiele in demokratische Länder vergeben sind". Vier Jahre nach den Pandemiespielen in der Volksrepublik macht der Schneezirkus in Europa halt: in Cortina d'Ampezzo mit Basisstation Mailand.

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