Beachvolleyball:"Da werden wir ordentlich dran zu knabbern haben"

Beachvolleyball: Schwer enttäuscht: Julius Thole (links) und Clemens Wickler sind raus in Tokio.

Schwer enttäuscht: Julius Thole (links) und Clemens Wickler sind raus in Tokio.

(Foto: Martin Bernetti/AFP)

Julius Thole und Clemens Wickler sind raus - die deutschen Beachvolleyballer bleiben in Tokio damit ohne Medaille. Es ist die schwächste Bilanz seit Langem.

Von Sebastian Winter

Dieser 7. Juli 2019 hat sich tief in ihr Gedächtnis eingebrannt, die überwältigende Atmosphäre im Tennisstadion am Hamburger Rothenbaum sowieso. 13 000 Zuschauer waren zum Finale der Beachvolleyball-WM gekommen, sie alle wollten zwei junge Männer antreiben, die ein paar Kilometer östlich vom Stadion am Bundesstützpunkt trainieren, den Starnberger Clemens Wickler und den Hamburger Julius Thole. Der Stern der beiden war in diesem Turnier aufgegangen, sie hatten vor der Heimkulisse Erfolg an Erfolg gereiht, doch nun warteten im Duell um den WM-Titel Wjatscheslaw Krasilnikov und Oleg Stojanovski auf das deutsche Duo. Und nach dem Matchball wurde es ganz still in der zuvor lärmenden Arena. Die Russen waren Weltmeister. Thole und Wickler verloren im selben Jahr auch die anderen drei Duelle, inklusive des World-Tour-Finales in Rom. Bezwungen haben sie sie noch nie.

So sind Krasilnikov und Stojanovski, die Weltranglistenzweiten, zu Angstgegnern für Thole und Wickler geworden, und genau das war die Prämisse für das olympische Beachvolleyball-Viertelfinale in Tokio am späten Mittwochabend: diese Unglücksserie, die einen ja fürchterlich lähmen kann, zu durchbrechen. Doch nun steht es 0:5 in diesem Vergleich, nach Laura Ludwig und Margareta Kozuch sind auch die deutschen Männer in der Runde der letzten Acht ausgeschieden. Ziemlich chancenlos waren sie beim 0:2 (16:21, 19:21).

Ludwig war noch einen Tag in Tokio geblieben, um sich die Partie auf der Tribüne anzuschauen, nach ihrem eigenen verlorenen Spiel hatte sie noch gesagt: "Echt Respekt. Clemens und Julius sind der Wahnsinn, gerade auch in ihren jungen Jahren. Was die für eine Coolness mitbringen." Doch ihre Miene wurde dann von Punkt zu Punkt sorgenvoller. Denn cool war das falsche Attribut für Thole und Wickler an diesem Abend, vor allem Thole wirkte eher verkrampft, zu mutlos, wie gelähmt, im Aufschlag, im Angriff, im Block. Cool, das waren nur die beiden Athleten des russischen olympischen Komitees.

7:5 führten sie im ersten Satz, und ihr Vorsprung wuchs, als Thole einen gefühlvollen Shot ins Aus setzte, da stand es dann 18:15. Die Deutschen fanden kaum Mittel gegen den 2,07 Meter großen Blocker Stojanovski, der nur einen Zentimeter kleinere Thole suchte andauernd seinen Sideout, wie man in der Sprache des Sandsports sagt, er brachte also seine Angriffe nicht an dieser hoch am Netz aufragenden Wand vorbei. Eine schlechte Annahme noch von Thole, und der Satz war weg. 20 Minuten hatte er nur gedauert.

"Wir wollten eine Medaille erreichen, das haben wir nicht geschafft", sagt Sportdirektor Niclas Hildebrand

Nach dem 15:18 im zweiten Satz fasste sich Wickler endlich ein Herz und versuchte jene Risiko-Sprungaufschläge, die eigentlich von Anfang an ein gutes Mittel gewesen wären. 16:18, 17:18, 18:18. Sie hatten nun ihre Chance. Doch dann griff Thole zum 19:20 ins Netz und spielte beim gegnerischen Matchball den Ball zu schlecht zu Wickler. Wieder war die Wand da, Stojanovski schlug den von seinen eigenen Blockerhänden abgeprallten Ball direkt zum Sieg zwischen Thole und Wickler in den Sand. Das ist erlaubt im Sand. Wickler warf im Angesicht der Niederlage wütend seine Mütze auf den Boden.

"Wir sind nicht ganz an unser Leistungsmaximum gekommen", sagte Thole später, der wusste, dass er sogar ziemlich weit weg war von seinem Leistungsmaximum in diesem Spiel. Aber er war auch nicht fit gewesen, der schwarze Tapeverband, der seinen linken Knöchel bandagierte, verdeutlichte das wieder. Auch Wickler war dick bandagiert, an der Schulter, vor allem aber hatte er sich im Frühjahr einer dringlichen Blinddarm-Operation unterziehen müssen. So spielte das Duo in diesem Jahr vor Tokio nur in drei gemeinsamen Turnieren zusammen. Und für diese "Katastrophensaison", wie sie die vergangenen Monate vor dem Abflug nach Tokio bezeichneten, ist Platz fünf nicht wirklich schlecht.

Nur ist dieses Abschneiden in der Gesamtbetrachtung eben auch nicht wirklich herzerwärmend. Das Ziel des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV), dessen Hallenteams beide knapp die Olympia-Qualifikation verpasst hatten, war Edelmetall gewesen. Wenn nicht Gold, wie 2012 durch Julius Brink und Jonas Reckermann und 2016 durch Laura Ludwig und Kira Walkenhorst, dann zumindest Bronze. Nun sind es zwei fünfte Plätze geworden und das Vorrunden-Aus von Julia Sude und Karla Borger - die schwächste Bilanz seit 2008. "Wir wollten eine Medaille erreichen, das haben wir nicht geschafft. Das werden wir in Ruhe analysieren", sagte DVV-Sportdirektor Niclas Hildebrand in Tokio und fügte hinzu: "Da werden wir ordentlich dran zu knabbern haben." Zumal bei den Frauen - die vier in Tokio sind alle jenseits der 30 Jahre - ein Generationswechsel bewältigt werden muss und bei den Männern neben Thole und Wickler kein weiteres Weltklasse-Duo in Sicht ist.

Immerhin: Thole ist 24, Wickler 26, sie machen sich jetzt auf den Weg zu den Olympischen Spielen nach Paris. Und grübeln weiter, wie sie ihre Angstgegner endlich bezwingen können.

© SZ/pps/lib
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