NFL Jetzt verlieren, um in Las Vegas zu gewinnen

Seth Roberts (Nummer 10) von den Oakland Raiders im Duell mit Jahleel Addae von den Los Angeles Chargers.

(Foto: John Hefti/AP)
  • Die Oakland Raiders verlieren regelmäßig ihre Spiele in der NFL, doch der Misserfolg ist bewusst kalkuliert.
  • Die Raiders sparen derzeit viel Geld, um sich künftig junge, talentierte Spieler leisten zu können.
  • In naher Zukunft werden sie in einer neuen Arena in Las Vegas spielen.
Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Sie haben Atemschutzmasken verteilt im Coliseum von Oakland - nein, nicht weil dieses Stadion mittlerweile nur ein klein wenig baufälliger ist als das Original in Rom. Die Luft war wegen der schlimmen Brände in Kalifornien rauchig und stickig und deshalb gefährlich für die Lungen, doch hatten die Masken den Nebeneffekt, dass die entrüsteten Gesichter der Fans nicht zu sehen waren. Die Oakland Raiders spielten wieder mal unfasslich schlecht Football und verloren 6:20 gegen die Los Angeles Chargers.

"Das ist eine schreckliche und schmerzhafte Saison - eine, die wir niemals vergessen werden", sagte Raiders-Trainer Jon Gruden; es war erstaunlich, dass er dabei gar nicht entrüstet war. Gruden ähnelt ein wenig der Mörderpuppe Chucky aus der gleichnamigen Horrorfilmserie, ein treffender und amüsanter Vergleich, wie er selber findet. Wie er nach dieser Niederlage mit zusammengekniffenen Augen dastand, da wirkte er wie Chucky, der nun gerne die Journalisten im Raum von der Erde subtrahieren würde - weil die offensichtlich nicht kapieren, dass sie gerade eines der spannendsten Experimente in der Geschichte des American Football erleben. "Diese Saison ist das Fundament für diese Franchise", sagte Gruden. Angesichts der bisherigen Bilanz ist die Aussage bemerkenswert - 1:9 Siege.

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Gruden kann sich kurzfristigen Misserfolg erlauben

Gruden ist vielleicht schrullig, aber nicht verrückt; er weiß, was er tut. Seine Vereinbarung mit den Raiders erlaubt ihm im Gegensatz zu den meisten Kollegen, die kurzfristig Erfolg haben müssen, genau das zu tun, was er tun möchte. Der Vertrag garantiert ihm in den nächsten zehn Jahren insgesamt 100 Millionen Dollar, und er ist quasi unkündbar. Das gibt Gruden die Freiheit, auf die Gegenwart zu pfeifen.

In der Gegenwart spielen die Raiders in dieser und wohl auch der nächsten Saison in Oakland, danach werden sie umziehen nach Las Vegas, in eine 1,8-Milliarden-Dollar-Arena für 72 000 Zuschauer, die gerade neben der sündigen Meile dieser Stadt gebaut wird. Die Raiders sollen dann eine Attraktion werden, und Gruden - der Super-Bowl-Gewinner 2002 mit den Tampa Bay Buccaneers - scheint derzeit nicht nur absichtlich zu verlieren, er schwächt sein Team auch bewusst, um nach dem Umzug einen Titelkandidaten zu verantworten.

Bereits vor der Saison hat er einen der besten Verteidiger der Liga, Khalil Mack, zu den Chicago Bears geschickt, später hat er seinen talentiertesten Passempfänger, Amari Cooper, an die Dallas Cowboys abgegeben. Das ist kurzfristig zwar desaströs, beschert den Raiders aber grandiose Optionen und großen Spielraum im Umgang mit der Gehaltsobergrenze. Die Bears werden Mack in den kommenden sechs Spielzeiten 141 Millionen bezahlen; so viel hat in der US-Profiliga NFL noch kein Defensivspieler verdient, und es ist natürlich Geld, dass für Spieler auf anderen Positionen fehlt. Und Cooper dürfte von der kommenden Saison an etwa 14 Millionen Dollar verdienen - ein stattliches Gehalt für einen, der zuletzt viele schlechte Tage hatte. Die Raiders sparen nicht nur Geld, aufgrund dieser Tauschgeschäfte dürfen sie bei der Wahl der talentiertesten Nachwuchsspieler in der Sommerpause gleich drei Spieler in der ersten Runde verpflichten. Bleiben sie in dieser Saison weiter so erfolglos, dürfen sie aufgrund des Reglements (die Franchises mit der schlechtesten Vorjahresbilanz sind zuerst dran) sogar sehr früh wählen, und sollten die Bears und Cowboys die Playoffs verpassen, könnten es sogar drei Top-20-Spieler werden.

Es heißt nun, dass die Raiders bei einem adäquaten Angebot auch Spielmacher Derek Carr abgeben würden, die New York Giants sollen interessiert sein. So sparten sie weitere 15 Millionen Dollar Gehalt und bekämen wahrscheinlich noch einen Zweitrunden-Pick für die kommende Sommerpause. Im Jahr danach haben sie derzeit zwei Erstrunden-Picks.

"Die Saison dauert nur noch ein paar Wochen"

Die jungen Hochbegabten verdienen in den ersten vier Jahren ihrer Karriere oft viel weniger als die erfahrenen Kollegen. Den Raiders stehen, Stand jetzt, für kommende Saison noch 75 Millionen Dollar an Gehältern zur Verfügung, in der Saison danach 125,5 Millionen, sie können also auch auf dem Markt für vertragslose Spieler (wie Pittsburghs Laufspieler LeVeon Bell) zuschlagen, oder auch einen jungen Spielmacher (etwa Justin Herbert von der University of Oregon) wählen und ausbilden.

"Es macht keinen Spaß zu verlieren, wir müssen uns bei allen Raiders-Fans entschuldigen", sagt Gruden, der bereits mit Nachwuchsleuten wie den Verteidigern Maurice Hurst und Arden Key oder Punter Johnny Townsend experimentiert: "Die Saison dauert noch ein paar Wochen." Gruden sagte das nicht so, als habe er noch Hoffnung auf Erfolg in dieser Spielzeit - sondern eher so, als würde er seinem Arbeitgeber empfehlen, bei allen verbleibenden Heimspielen Atemschutzmasken zu verteilen. Die Buh-Rufe sind dann nicht ganz so laut.

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