Novak Djokovic:The Big One

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Wimbledon

Ist ist Tradition, die Trophäe zu küssen: Novak Djokovic erledigt es pflichtbewusst.

(Foto: PAUL CHILDS/REUTERS)

Eine Ein-Mann-Ära: Novak Djokovic gewinnt in unnachahmlicher Manier auch in Wimbledon und hofft nun auf den letzten Coup. Bei den US Open könnte der Serbe tatsächlich den Saison-Grand-Slam schaffen.

Von Gerald Kleffmann

Hat Goran Ivanisevic überlebt? Was ist mit Edoardo Artaldi? Ulises Badio? Was hat Novak Djokovic sie doch alle gedrückt, es sah bedrohlich aus! Wie ein Catcher hatte er sie im Schwitzkasten, die Fernsehkameras haben alles gefilmt und übertragen. Es war kurz nach halb sechs Ortszeit, also früher Abend in London, als wieder einmal ein besonderer Tag zu Ende ging im All England Club. Ein einmaliger, muss man betonen. Denn seit diesem 11. Juli 2021 ist Novak Djokovic, 34, gleichauf - mit Roger Federer, 39, und Rafael Nadal, 35.

Die großen Drei, wie der Schweizer, der Spanier, der Serbe genannt werden, weil sie seit fast zwei Dekaden das Tennis beherrschen, haben nun jeweils 20 Grand-Slam-Titel gewonnen. Djokovic, der ein bisschen wie der ungebetene dritte Gast zur Party der anderen beiden stieß, hat erstmals in diesem Wettkampf um die größte Hinterlassenschaft einen Gleichstand erzielt. Da darf man wohl tatsächlich nach dem verwandelten dritten Matchball in die Box auf dem Centre Court von Wimbledon hochsteigen und seinen Trainer Ivanisevic, seinen Manager Artaldi, seinen Physio Badio drücken. Im Übrigen: Sie haben überlebt. Bei der Siegerehrung standen sie fröhlich und klatschten.

Mit 6:7 (4), 6:4, 6:4, 6:3 hatte sich Djokovic an diesem Sonntag gegen Matteo Berrettini durchgesetzt. Der 25-jährige Römer, die Nummer neun der Welt, war als erster Italiener ins Finale des berühmten Rasenturniers vorgestoßen. Sein Oberkörper hat den Umfang eines Zehnkämpfers, die Waden die eines Hochspringers (worüber er sich selbst amüsiert), es war auch in diesem Endspiel oft faszinierend zu sehen, was der Rechtshänder aus dieser athletischen Komposition an Powerschlägen herausholt. Elf Siege in Serie auf Rasen hatte er zuletzt verbucht, in Queen's den Titel geholt. Aber Djokovic zeigte ihm die Grenzen auf. Natürlich er. Tennis bei den Männern, das sind gerade nicht mehr die Big Three. Es ist: The Big One.

"Ich spiele gerade mein bestes Tennis." Wer will das bestreiten?

Djokovic gewann im Februar die Australian Open. Er gewann im Juni die French Open. Nun Wimbledon. Nur die US Open fehlen, im September sind sie. Er kann den Saison-Grand-Slam schaffen, wie Steffi Graf 1988, die damals gar Olympia-Gold errang. Aber ja: Sogar das ginge auch noch. In Tokio wollte Djokovic eigentlich spielen, aber wie er nun verriet, überlegt er noch. Ohne Zuschauer dort fehle etwas Wichtiges. "Ich kann mir das vorstellen, ich hoffe es", sagte Djokovic beim Interview auf dem Platz vor den 15000 Zuschauern. Er traut sich, und das war hier gemeint, den Gewinn auch des vierten Grand Slams zu. "Ich spiele gerade mein bestes Tennis." Wer will das bestreiten?

Es ist immer wieder ein Rätsel, wie dieser Djokovic alles verarbeitet, was ihm da an Triumphen widerfährt. Er selbst, das fiel ihm beim Interview ein, hatte als Siebenjähriger sein Zimmer nur mit Tennis-Sachen geschmückt, es sei für ihn daher "ein großes Privileg", in Wimbledon zu siegen. Zum sechsten Mal tat er das, er freute sich wie beim ersten Mal. In den vergangenen zwölf Grand-Slam-Finals war er neun Mal dabei. "Die vergangenen Jahre", sagte er allgemein, "waren eine unglaubliche Reise, die heute und hier noch nicht beendet ist." Was es bedeute, dass Federer, Nadal und er jeweils 20 Slam-Titel innehaben, wurde Djokovic auch gefragt, da sagte er: "Es bedeutet, dass keiner von uns dreien aufhören wird." Gut möglich, dass seine Konkurrenten bei dieser Aussicht keine Luftsprünge machen. Sie wollen doch auch mal an die Trophäen, die Tsitsipas, Zverev, Medwedew & Co.

Novak Djokovic: Handschlag der Anerkennung: Matteo Berrettini (rechts) zollte Novak Djokovic mehrfach seinen Respekt.

Handschlag der Anerkennung: Matteo Berrettini (rechts) zollte Novak Djokovic mehrfach seinen Respekt.

(Foto: ADRIAN DENNIS/AFP)

Die Leistungen von Djokovic und insbesondere sein Auftritt in seinem 30. Grand-Slam-Finale (es gibt zu ihm sicher tausend Bestmarken) waren mal wieder bezeichnend für all das, was ihn abhebt von den anderen. Die Frühphase des Matches gegen Berrettini etwa: Erstes Aufschlagspiel Djokovic, 30:40, Breakball - Berrettini nutzt die Chance nicht. Zweites Aufschlagspiel Berrettini, zweiter Breakball - Djokovic nutzt die Chance, 3:1. Typisch.

Djokovic wird zu Recht nachgesagt, der beste Returnspieler der Branche zu sein. Dabei knallt er aber keineswegs die Bälle nach dem gegnerischen Aufschlag zurück. Boris Becker hatte diese geblockten Gewinnschläge damals etwa so genial beherrscht. Aber: Djokovic bringt die Bälle erst mal alle zurück. Oft so lang und knapp an die Grundlinie, dass sie auch Berrettini diesmal vor die Füße fielen. Gerade wähnt man sich nach einem Geschoss mit 200 Km/h im Vorteil, plötzlich weiß man mit dem zweiten Schlag wenig anzufangen.

Eine andere Stärke von Djokovic ist seine Athletik. Sie ermöglicht ihm das geniale Returnieren. Er zwingt seine Bewegungen jedem Belag auf, er rutscht auf dem Rasen, als sei es Sand, er grätscht spagatartig auf Hartplatz, als sei er Balletttänzer, als wäre es ihm egal, dass das alles so eigentlich nicht geht, als ignoriere er die physikalischen Gesetze des Reibungswiderstandes.

Vielleicht am Schlimmsten für seine Gegner ist, dass sie das Gefühl haben, alles zu geben, sie spielen wirklich gut, und Djokovic wankt doch manchmal auch, oder nicht? Er zeigt auch mal Perioden, in denen er verwundbar wirkt, ein Break hinnehmen muss, strauchelt, brüllt, fahrig agiert. Oder nicht? In der Summe sind das aber wohl doch Trugbilder. Denn was soll Berrettini jetzt sagen? Er hat ja Satz eins gewonnen, nach einem 2:5-Rückstand; in Satz zwei ein 1:5 fast aufgeholt; er sei auch in den Sätzen drei und vier nah dran gewesen, so nah! Für nah dran sein gibt es aber keine Titel. Berrettini, ein richtig netter kerniger Kerl, weiß das ja alles. "Novak schreibt Geschichte in diesem Sport", sagte er tapfer lächelnd bei der Siegerehrung.

Novak Djokovic: Eine nette Geste: Novak Djokovic verschenkte seinen Schläger an einen kleinen Fan - das hatte er bei den French Open auch schon gemacht.

Eine nette Geste: Novak Djokovic verschenkte seinen Schläger an einen kleinen Fan - das hatte er bei den French Open auch schon gemacht.

(Foto: Alberto Pezzali/AP)

Sogar der Flirt mit dem Publikum gelang Djokovic diesmal. Hartnäckig hält sich ja das Thema seit Jahren, er werde weniger gemocht als Federer und Nadal. Djokovic hatte Federer einmal in Wimbledon im Finale besiegt und musste trotzdem Pfiffe hinnehmen an diesem Ort, an dem sie sich ansonsten für ihr gutes Benehmen rühmen. An diesem Sonntag gab es auch einmal eine Interaktion mit dem Publikum. Zwischenzeitlich hatten die Fans laut "Matteo, Matteo" gerufen. Bei nächster Gelegenheit, als er gepunktet hatte, rief Djokovic: "Ich höre euch nicht! Ich höre euch nicht!" Da riefen die Fans: "Novak, Novak!" Und viele lachten.

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