Novak Djokovic:Spiderman ist zurück

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Novak Djokovic: Die Geste des Turniersiegers: Novak Djokovic zeigte im Finale von Turin auch dem Norweger Casper Ruud die Grenzen auf.

Die Geste des Turniersiegers: Novak Djokovic zeigte im Finale von Turin auch dem Norweger Casper Ruud die Grenzen auf.

(Foto: Marco Bertorello/AFP)

Kein Zutritt, keine Punkte: Novak Djokovic hat ein schwieriges und doch extrem erfolgreiches Jahr hinter sich. Nun gewinnt er auch noch die ATP Finals - schwere Zeiten fordern ihn heraus.

Von Gerald Kleffmann, Turin/München

Anfang dieses Jahres war Novak Djokovic nach Australien gereist, im Internet veröffentlichte er noch voller Vorfreude ein Foto von sich vor dem Besteigen des Flugzeuges. Der Profi aus Belgrad wollte in Melbourne um seinen zehnten Titel bei den Australian Open kämpfen. Aber es kam anders. Die Motive, die die Öffentlichkeit zu sehen bekam, hatten nichts mit Tennis zu tun. Stattdessen wurde Djokovic abgelichtet, wie er bei der Einreise verhört wurde. Wie er in einem abgedunkelten Auto in ein heruntergewirtschaftetes Hotel transportiert wurde. Wie vor seiner Bleibe seine Anhänger für ihn demonstrierten, sangen, Kerzen anzündeten.

Für einen Moment durfte er hoffen, denn aufgrund eines Verfahrensfehlers wurde ein Gerichtsprozess angesetzt, er trainierte sogar ein paar Mal. Doch letztlich nützte ihm alles nichts. Djokovic war nicht gegen das Coronavirus geimpft. Damals durfte man so nicht ins Land einreisen. Djokovic wurde nach Hause geschickt. Er verpasste nicht nur dieses Grand-Slam-Turnier. Auch bei den US Open fehlte er, auch die USA durfte er nicht betreten aufgrund seiner Anti-Vakzin-Haltung. Nur elf Turniere bestritt er 2022. Er gewann zwar in Wimbledon, doch es gab keine Weltranglistenpunkte dafür, eine Maßnahme, die mit dem Ausschluss russischer Profis im Zuge des Ukraine-Krieges zu tun hatte. Djokovic hatte eindeutig einen Wettbewerbsnachteil gegenüber allen anderen Spitzenspielern. Aber er hat so ziemlich das Optimale aus seiner Lage gemacht, und es ist bezeichnend, dass nun, nach diesen beeindruckenden Tagen von Turin, im Internet bereits eine Umfrage auftauchte zur Frage: Wie viele Grand-Slam-Titel wird Djokovic 2023 gewinnen? Fast ein Drittel der knapp 4000 abgegebenen Stimmen glauben: mindestens drei oder gar alle vier.

"In meinem Geiste betrachte ich mich immer als der beste Spieler der Welt."

Die Saison begann zweifellos niederschmetternd für Djokovic. Sie endete aber nun mit einem sportlichen Triumph, der ihn sogar wieder auf den fünften Weltranglistenplatz hievte. Und hätte es Punkte in Wimbledon gegeben, hätte er fast den jetzigen Ersten Carlos Alcaraz aus Spanien überholt. Against all odds, gegen jede Chance, diese Situationen mochte Djokovic immer. Sie fordern ihn heraus. Und so losgelöst und beschwingt, wie er nach dem Gewinn der ATP-Finals in Italien reagierte und auftrat, wurde auch klar: Er wollte sich und der Tennisbranche zeigen, dass er der Beste ist. Es gelang ihm.

Djokovic besiegte in der Gruppenphase den Griechen Stefanos Tsitsipas sowie die Russen Andrej Rublew und Daniil Medwedew, im Halbfinale den Amerikaner Taylor Fritz, und im Finale zeigte er mit seinem Spiderman-Tennis dem Norweger Casper Ruud, immerhin Finalist bei den French Open und den US Open gewesen, deutlich die Grenzen auf, 7:5, 6:3. Das Match war einseitiger als das Ergebnis. Ruud sprach danach auch nicht davon, wie knapp es war. Sondern er zählte auf, in welchen Bereichen er besser werden müsse. Das war zum einen höchst ehrenwert, zum anderen - im Gegenschnitt zu Djokovic - aber auch bezeichnend für die Machtverhältnisse. Djokovic machte sich auch in Worten nicht kleiner. Er drückt vielmehr aus, wie groß sein Selbstbewusstsein wieder ist.

"In meinem Geiste betrachte ich mich selbst immer als der beste Spieler der Welt, natürlich", sagte er nach seinem Finalerfolg. "Es ist egal, wer auf der anderen Seite des Netzes ist, der Belag ist egal, die Saison ist egal, es ist immer gleich. Die Ambitionen sind so hoch, wie es möglich ist." Ehe diese Sätze als Hochmut ausgelegt werden: Die Statistiken sprechen für ihn. Er spielt so, wie er denkt, und wenn es heißt, Tennis werde zu einem Großteil im Kopf entschieden, ist Djokovic das treffendste Beispiel dafür. Ruud etwa kann die Vorhand mit 170 km/h beschleunigen. Taylor Fritz schlug im Halbfinale 15 Asse. Daniil Medwedew gelangen 47 direkte Gewinnschläge. Dass sich diese Könner trotz ihrer Fähigkeiten nicht gegen Djokovic behaupten konnten, zeigt, wie zäh, ausdauernd und stabil sein Spiel ist.

Seine alten Gegner sind zurückgetreten oder verwundbar - doch Djokovic hat immer noch großen Hunger

Er hat in Turin nun seinen sechsten Titel bei den ATP-Finals errungen, seinen fünften in diesem Jahr (Rom, Wimbledon, Tel Aviv, Astana, Turin), seinen 91. Turniersieg insgesamt, er hat nun als erster Spieler überhaupt die Marke von erspielten 160 Millionen Dollar Preisgeld erreicht. 35 Jahre ist er alt, und am Ende jenes Jahres, in dem sein großer Widersacher Roger Federer, 41, aus der Schweiz die Karriere beendete und der Spanier Rafael Nadal, 36, der mit 22 Grand-Slam-Trophäen noch um eine vor Djokovic liegt, doch verwundbarer wirkt, strahlt Djokovic eine Gier auf Erfolge aus. "Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt, aber ich weiß, dass ich immer noch einen großen Hunger habe, Trophäen zu gewinnen", sagte er und nannte sein Ziel: "Ich möchte in die Geschichte dieses Sports eingehen, auf höchstem Niveau auf der ganzen Welt antreten und den Tennisfans gute Momente schenken. Das ist es, was mich sehr antreibt."

Aus Turin verabschiedete sich Djokovic erst mal in eine Pause. Sichtlich genoss er den Moment. Es folgten 1000 Umarmungen mit seinem Team. Töchterchen Tara, 5, setzte sich in den Pokal und der Papa stemmte beide hoch. Der Fußballer Zlatan Ibrahimovic bog ums Eck, sie plauderten lächelnd. Die Unbeschwertheit hat sich Novak Djokovic auch zurückerkämpft. Ein Sieg auch dies für ihn, wenngleich er in keiner Statistik Eingang finden wird.

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