American Football:Skurrilität in all ihrer Pracht

Sport Bilder des Tages Baltimore Ravens running back J.K. Dobbins (27) stretches across the goal line for a 2-yard touch

Wieder nix: Die New York Giants können Baltimores Runningback J.K. Dobbins nicht vom Touchdown abhalten.

(Foto: DAVID TULIS/UPI/Imago)

Das wundersame Regelwerk der NFL dürfte dafür sorgen, dass ein schwaches Team die Playoffs erreicht - und sich ein paar Vereine am letzten Spieltag über Niederlagen freuen.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Fünf Siege, zehn Niederlagen. Das ist die traurige Bilanz des NFL-Klubs New York Giants vor dem letzten Spieltag der regulären Saison. In der Fußball-Bundesliga wäre ein Verein mit solchen Ergebnissen ein Abstiegskandidat, auch in der US-Footballliga ist das kein toller Zwischenstand, und doch können sich die Giants noch immer für die Playoffs qualifizieren: Sie liegen auf Platz drei der NFC East, nur knapp hinter den Dallas Cowboys und dem Footballteam aus Washington, deren Bilanzen nur ein klein wenig besser (jeweils 6:9) sind.

Die skurrile Situation liegt am bisweilen wundersamen Regelwerk der NFL, das sich in dieser Saison in all seiner Pracht entfaltet. Es gibt anders als im europäischen Fußball keinen Auf- und Abstieg im US-Sport; der Protagonist der Comedy-Fernsehserie Ted Lasso über einen amerikanischen Football-Trainer bei einem englischen Fußballklub beschreibt die Lage für schlechte Teams am Ende der regulären Spielzeit so: "Sie treten zu bedeutungslosen Partien in halbvollen Stadien ohne Stimmung an - und so ziemlich jeder findet das völlig in Ordnung."

In Wahrheit ist es noch schlimmer: Vereine werden für schreckliche Bilanzen nämlich damit belohnt, dass sie bei der jährlichen Talentbörse eher wählen dürfen. In diesem Jahr steht zum Beispiel Trevor Lawrence von der Clemson University zur Wahl, der Quarterback wird schon jetzt als Heilsbringer für jene Franchise gefeiert, die ihn am 29. April an erster Stelle aussuchen dürfte. Das war auch der Grund, warum Zuschauer der Jacksonville Jaguars am vergangenen Wochenende im eigenen Stadion (es sind 16791 erlaubt) einen Touchdown der Chicago Bears frenetisch bejubelten: Die Jaguars (1:14) sind nach der Niederlage schlechter als die New York Jets (2:13), die zuletzt überraschend und zum Unmut vieler Jets-Fans zwei Mal nacheinander gewonnen haben. Sowohl die Anhänger der Jets (bei den New England Patriots) als auch der Jaguars (bei den Indianapolis Colts) dürften nun auf Niederlagen ihres Vereins hoffen.

Die NFL sieht in all dem einen Sinn

Klingt völlig verrückt? Ist es auch, und weil es so verrückt ist, gibt es auch Fans der New York Giants, die am letzten Spieltag über eine Niederlage im direkten Duell mit den Cowboys nicht unglücklich wären (der Sieger ist für die Playoffs qualifiziert, falls Washington gleichzeitig gegen die Philadelphia Eagles verliert). Warum? Weil sie das bei einem Sieg von Washington für das langfristig bessere Ergebnis hielten. Die Chance auf eine Playoff-Teilnahme und die Meisterschaft will allerdings kein Giants-Fan aufgeben, es gilt vielmehr: Wenn schon scheitern, dann mit möglichst vielen Niederlagen.

Der Hintergrund ist folgender: Die NFL setzt sich aus den beiden Conferences AFC und NFC zusammen, die jeweils in vier regionale Divisionen unterteilt sind. Für die Playoffs qualifizieren sich die Sieger der acht Divisionen, dazu seit dieser Saison die drei Vereine mit den jeweils besten Bilanzen einer Conference. 14 von 32 Vereinen erreichen die Ausscheidungsrunde, die beiden mit der jeweils besten Bilanz einer Conference haben in der ersten Runde ein Freilos.

Es kann deshalb vorkommen, dass ein Team mit schwächerer Bilanz die Ausscheidungsrunde erreicht. Die Seattle Seahawks waren 2010 der erste Klub, der sich mit mehr Niederlagen als Siegen (7:9) qualifizierte - die New York Giants (10:6) hingegen fehlten damals. 2014 waren die Carolina Panthers das zweite und bislang letzte Team der NFL-Geschichte mit negativer Bilanz (7:8:1), der Sieg gegen die Arizona Cardinals in der ersten Playoff-Runde gilt bis heute als die schrecklichste Partie der NFL-Playoff-Geschichte.

Es kommt nicht besonders häufig zu diesen Konstellationen, das liegt am Spielplan der NFL. Jeder Verein absolviert in der regulären Saison 16 Partien: jeweils zwei gegen die Vereine aus der eigenen Division (also sechs Spiele insgesamt), jeweils eine gegen alle Teams aus einer Division der eigenen und der anderen Conference (insgesamt acht Spiele) und jeweils eine Partie gegen ein Team aus den verbliebenen beiden Divisionen der eigenen Conference.

Für die NFC-East-Vereine gibt es einen neuen Spitznamen

Das klingt kompliziert, die NFL sieht darin aber einen Sinn. Er liegt darin, dass jede Franchise alle drei Jahre gegen alle Teams der eigenen Conference und mindestens alle vier Jahre gegen alle NFL-Klubs spielt, wegen der Duelle innerhalb der Divisionen gibt es diese erbitterten Rivalitäten, weil es eben auch stets um die Playoffs geht: Green Bay Packers gegen Chicago Bears. Pittsburgh Steelers gegen Baltimore Ravens. Cowboys gegen Giants. Und es führt dazu, dass die Bilanz der Divisions-Sieger meist ordentlich ist, weil die ja wenigstens gegen die regionalen Konkurrenten gewonnen haben. In dieser Saison allerdings sind die NFC-East-Vereine derart schlecht, dass es einen Spitznamen gibt: NFC Least - die mit den wenigsten Siegen.

Zurück zu den Argumenten der Giants-Fans, bei einem Sieg von Washington auf eine Niederlage zu hoffen: Bei der Talentbörse wird stets in umgekehrter Reihenfolge zum Ergebnis der vergangenen Saison gewählt; das Team mit der schlechtesten Bilanz wählt zuerst, der Super-Bowl-Sieger zuletzt. Es gibt jedoch zwei Gruppen: Playoff-Teilnehmer und Gescheiterte. Von der Bilanz her würden die Giants nach jetzigem Stand auf Platz sieben geführt, ein Sieg könnte sie in allen sieben Draft-Runden auf Rang zwölf abrutschen lassen.

Eine Playoff-Teilnahme würde die Giants mindestens auf Platz 19 fallen lassen, aber das wäre es freilich wert für die Chance, mit vier Siegen nacheinander den Titel zu holen; zumal sie dann in den Genuss einer weiteren Reglement-Eigenheit kämen.

Die Gesamtbilanz der NFC-East-Vereine in dieser Saison bislang (21 Siege, 38 Niederlagen, ein Unentschieden) ist die schlechteste einer Division in der NFL-Geschichte. Das ist mit Beginn der Ausscheidungsrunde jedoch völlig egal: Es geht zwischen den drei Divisions-Siegern mit der schlechtesten Bilanz (das beste Team hat ja ein Freilos) und drei über die meisten Siege Qualifizierten um einen Platz im Viertelfinale. Die Divisions-Sieger haben dabei, unabhängig von der eigenen Bilanz oder der des Gegners, also auch der Gewinner der NFC Least: Heimrecht.

© SZ/bkl
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