Neuer Vertrag für Löw Bündnis mit Bedingungen

Joachim Löw wird demnächst ziemlich sicher seinen Vertrag als Bundestrainer verlängern, über das WM-Jahr 2014 hinaus. Dass er seine Ära unabhängig vom Ausgang des Turniers fortführt, ist aber unwahrscheinlich. Löw hat vom Einblick in seine Schwächen gelernt und die Konfliktscheue abgelegt.

Ein Kommentar von Philipp Selldorf

Falls nicht plötzlich das Jüngste Gericht über die Menschheit kommt, wird Joachim Löw in wenigen Tagen ein weiteres Mal seinen Vertrag als Bundestrainer verlängern. Mit Kundgebungen im Fußballland ist nicht zu rechnen. Weder werden die Leute spontan zusammenlaufen und Salutschüsse abgeben, noch werden sie Protestzüge formieren.

Die Zusage ergibt sich aus der Bilanz seiner aktuellen Arbeit und folgt einer realistischen Bewertung des großen Ganzen. Löw hat zwar unter den zig Millionen Bundestrainerkollegen unerbittliche Gegner, die wie Cato der Ältere ihren Glaubenssatz aufsagen - "im Übrigen bin ich der Meinung, dass wir mit Löw nie Weltmeister werden" -, aber er genießt auch hohe Achtung. Zum Beispiel bei den Spielern, beim DFB und in großen Teilen der Fußballbranche.

Dass die Fortsetzung der Ära Löw an Bedingungen geknüpft ist, hat deshalb nichts mit den Einwänden der Zweifler zu tun. Es ist auf banale Weise logisch. Wenn sein Team beim Turnier in Brasilien versagen sollte, wird er dafür die Verantwortung tragen, der DFB müsste ihn dann nicht gewaltsam aus dem Amt drängen. Er würde sich freiwillig zurückziehen.

Wie man ein mögliches Versagen definiert, hängt vom Grad der Enttäuschung ab. Löw bekäme Schwierigkeiten, wenn er den Luxus, den ihm sein Kader bietet, nicht zu nutzen wüsste. Sollte die Elf mit Glorie verlieren, könnte auch ein Ausscheiden im Viertelfinale verzeihlich sein. Sollte aber erneut das Gefühl bleiben, das Potenzial der Elf wäre nicht ausgeschöpft worden, könnte ihn auch eine Niederlage im Finale hinwegfegen.

Die Vorbehalte gegen Löw gehen vor allem auf das Halbfinale der EM 2012 zurück, als sein eitel anmutender strategischer Masterplan scheiterte und er tatenlos zusah, wie seine Irrtümer und Versäumnisse zur Niederlage gegen Italien führten. Löws lähmende Verzweiflung am Spielfeldrand schien den Verdacht zu bestätigen, der schon beim seltsam kraftlosen Auftritt gegen Spanien bei der WM 2010 aufkam: dass er kein guter Turnier-Trainer sei, der auf heikle Wendungen entschlossen und wirkungsvoll zu reagieren weiß.

Mit diesem Verdacht muss er vorerst leben, aber es gibt Zeichen, dass er aus der Einsicht in seine Schwächen gelernt hat. Das betrifft weniger die Ordnung des Teams im Spiel, sondern seine in früheren Jahren allzu verhaltene öffentliche Kommunikation, die oft den Anschein von Konfliktscheue und sogar Feigheit hatte. Hier ist Löw zuletzt - endlich auch im direkten Dialog - klarer und bestimmter aufgetreten, Mats Hummels hat es etwa erfahren müssen.

Natürlich hat Löw eine weitere Chance verdient. Die Vertragsverlängerung soll ihm dabei helfen. Ob der Kontrakt aber je in Kraft tritt, weiß keiner. Womöglich sieht er sich genötigt, 2014 zurückzutreten. Vielleicht sogar: als Weltmeister.