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NBA:Superteam für ein Jahr

NBA: James Harden im Trikot der Housten Rockets

James Harden hat gerne den Ball in den Händen - das gilt auch für seine neuen Kollegen bei den Nets, Kyrie Irving und Kevin Durant.

(Foto: Carmen Mandato/AP)

James Harden, der berühmteste Rauschebart des Basketballs, wechselt von den Houston Rockets zu den Brooklyn Nets. Dort hat sein Trainer nun die schwere Aufgabe, aus hochbegabten Egomanen eine Meistermannschaft zu formen.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Der Transfer hatte sich ja seit Wochen abgezeichnet, weniger als 24 Stunden vor dem Vollzug hatte Basketball-Profi James Harden den Leuten mitgeteilt: "Das ist eine verrückte Situation." Es ist also keine Überraschung, dass Harden nach mehr als acht Spielzeiten seinen Weggang von den Houston Rockets erzwang. Und es dürfte auch niemanden verblüffen, dass er nun für die Brooklyn Nets auflaufen wird - die einzige Mannschaft in der nordamerikanischen Basketballliga NBA, die ernsthaft an einem Wechsel während dieser Saison interessiert und annähernd bereit war, die Forderungen der Rockets zu erfüllen.

Bei einem Deal dieser Größenordnung sind in der NBA oft nicht nur zwei Unternehmen beteiligt, weil es beinahe unmöglich ist, beide Franchises zufrieden zu stellen und gleichzeitig sämtliche Nuancen des Reglements zu berücksichtigen. So ist es auch diesmal: Die Indiana Pacers und Cleveland Cavaliers sind ebenfalls in das Tauschgeschäft involviert, und viel spannender als die Vollzugsmeldung ist die Frage, was alle Beteiligten nun bekommen haben, was sie aufzugeben bereit gewesen sind - und was das fürs kommende Jahrzehnt in der NBA bedeuten dürfte. Ja, schon richtig gelesen: Dieser Transfer hat Auswirkungen auf mindestens die nächsten sieben Jahre.

Die Nets zum Beispiel: Die haben ihr Erstrunden-Wahlrecht bei der Talentbörse in den Jahren 2022, 2024 und 2026 an die Rockets abgetreten. Sie haben zudem zugestimmt, dass die Rockets ihren Platz in der Reihenfolge in den Jahren 2021, 2023, 2025 und 2027 mit anderen Teams tauschen dürfen. Den NBA-Regeln zufolge wird diese Reihenfolge, wer sich wann ein Talent sichern darf, ausgelost zwischen den Teams, die sich nicht für die Playoffs qualifiziert haben; wobei die drei Vereine mit der schlechtesten Bilanz dabei bevorzugt werden. Das klingt kompliziert, ist es aber letztlich nicht: Die Nets sind in den kommenden sieben Spielzeiten schlechter dran, als sie es vor dem Transfer gewesen sind, die Rockets können für eine ganze Weile leichter auf die begehrten Nachwuchsprofis zugreifen.

Das ist jedoch nicht alles: Brooklyn gibt Flügelspieler Rodions Kurucs und Aufbauspieler Caris LeVert an die Rockets ab. Letzterer wurde von Houston sogleich nach Indiana geschickt im Tausch für Victor Oladipo. Die Nets wiederum verlieren Center Jarrett Allen und Flügelspieler Taurean Prince an die Cavaliers. Sie bekommen dafür neben einem Zweitrunden-Pick im Jahr 2024: James Harden, 31 Jahre alt und bekannt dafür, einer der besten Einzelkönner der Liga zu sein. Gleichzeitig ist er dafür bekannt, in elf Spielzeiten trotz geradezu grotesk begabter Mitspieler wie Kevin Durant, Russell Westbrook oder Chris Paul keinen Titel gewonnen zu haben.

Die Nets opfern also ihre mittelfristige Zukunft für die Chance, um Harden, Durant und Kyrie Irving in der Gegenwart ein so genanntes Superteam zu formen. Wobei die Gegenwart nur bis 2022 gilt, so lange sind die Verträge von Harden, Irving und Durant gültig, ehe diese sich entscheiden können, ob weiterziehen oder noch ein Jahr bleiben. Dem Reglement nach dürfen die Nets nun noch drei Spieler verpflichten, von denen, vereinfacht ausgedrückt, nicht gerade grotesk begabt sind.

Zugegeben, die Stammformation der Nets - zu den drei Allstars gesellen sich noch Center DeAndre Jordan und Wurfkünstler Joe Harris - klingt grandios. Doch, und das sind die Worte von Nets-Trainer Steve Nash am Mittwochabend: "Es geht beim Basketball darum, als Team zu funktionieren." Dazu ist zu erwähnen: Alle drei von Nashs Anführern gelten als ausgewiesene Egomanen, die gerne alleine losdribbeln - und Irving, der zu Saisonbeginn mal vor einem Spiel das Parkett mit Salbei beweihräucherte, fehlt derzeit ohne Angabe von Gründen.

Das führt direkt zu den Rockets: Die haben ihren zuletzt lustlos aufspielenden Dauerscorer, mit dem sie in dieser Spielzeit sowieso nicht um den Titel gespielt hätten, auf dessen Wunsch hin fortgeschickt. Sie bekommen nun nicht nur die oben aufgeführten Profis, sondern auch das Aufbautalent Dante Exum aus Cleveland sowie diverse Wahlrechte bei kommenden Talentbörsen.

Klar ist also: Houston hat das Haus, das man nur für Harden errichtet hatte, eingerissen. Die Texaner können sich nun ein neues Haus bauen oder ihr frisches Tafelsilber gegen aktuelle Größen tauschen. Inwieweit sich das lohnt, wird sich erst zeigen, wenn bekannt ist, was Manager Rafael Stone damit anstellt. Die Experten sind sich einig: Ja, die Rockets haben einen der fünf besten Basketballer des Planeten verloren; aber sie haben mehr bekommen, als normalerweise für einen 31-Jährigen zu kriegen ist.

Bleiben noch zwei Teams: Die Cleveland Cavaliers haben ihren Center der Zukunft bekommen, den erst 22 Jahre alten Jarrett Allen, einen gestandenen Profi mit Potenzial. Und die Indiana Pacers geben den ohnehin wechselwilligen Oladipo ab, sie erhalten dafür in LeVert einen Spielmacher, der sich unbedingt als Stammkraft beweisen will. Hinzu kommt ein Zweitrunden-Wahlrecht im Draft 2023, womit der Klub seine Verjüngungskur fortführt.

Es mag verrückt klingen, aber es ist ein Mega-Deal, der tatsächlich alle Beteiligten zufrieden stimmen dürfte, fürs Erste zumindest. So kompliziert geht es bisweilen zu in der NBA, nur damit am Ende die Nachricht lautet: James Harden wechselt zu den Brooklyn Nets.

© SZ/bek/tbr/jkn
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