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Covid-19 in der NBA:Steht die NBA-Saison vor dem Abbruch?

Phoenix Suns v Washington Wizards

Die NBA befindet sich beim Versuch, alles richtig zu machen, in einer Zwickmühle.

(Foto: AFP)

Nur drei Wochen nach Saisonbeginn gibt es in manchen US-Basketballteams so viele Corona-Infizierte, dass ein geregelter Spielplan kaum mehr möglich ist. In dieser Nacht stehen wichtige Gespräche an.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Es ist gerade mal einen Monat her, da plauderte Adam Silver recht gelassen am Telefon mit Journalisten. Der NBA-Chef hatte gerade ein Konzept für die neue Saison der nordamerikanischen Profiliga vorgestellt, das so penibel ausgetüftelt daherkam, dass Fragen wie Nörgelei wirkten und Silver wie ein deutscher Finanzbeamter, der den Ahnungslosen das Steuergesetz erklärt: alles geregelt, kein Schlupfloch, Stempel drauf! "Aber sie können sich vorstellen, dass wir einen ganzen Stapel an Alternativen in der Schublade haben", fügte er an: "Je nachdem, wie sich das entwickelt, können wir darauf zurückgreifen."

Am 22. Dezember begann die Saison, nicht einmal drei Wochen später muss Silver in besagte Schublade greifen. Es sind bislang vier NBA-Spiele verschoben worden, weil den Teams aufgrund der strengen Coronavirus-Regeln nicht mehr genug Profis zur Verfügung standen: Die Boston Celtics hätten sich am Sonntag zur Halbfinal-Revanche mit den Miami Heat messen sollen, allerdings fehlten neun Spieler. Es blieben acht gesunde Akteure, laut Reglement genug - nur hatte Miami lediglich sieben einsatzfähige Profis. Die für Dienstag angesetzte Partie der Celtics gegen Chicago (vier unabkömmliche Spieler wegen Covid) wurde ebenfalls abgesagt.

Die NBA befindet sich beim Versuch, alles richtig machen zu wollen, in einer Zwickmühle. Umgehend will der Liga-Vorstand darüber beraten, ob es nicht besser wäre, eine Pause einzulegen oder gar wieder eine Blase zu erschaffen, wie die Liga das Ende vergangene Saison im Bundesstaat Florida getan hatte. Damals musste kein einziger positiver Coronavirus-Test vermeldet werden.

Das Protokoll richtet sich nach einer Faustregel von US-Wissenschaftlern

Was aktuell passiert, zeigt der Fall von Celtics-Flügelspieler Jayson Tatum. Der begab sich nach einem positiven Test am Freitag in Quarantäne. Wegen des Kontakt-Protokolls wurde zunächst sein direkter Gegenspieler Bradley Beal von den Washington Wizards von seinen Kollegen isoliert, aufgrund zweier negativer Tests aber einen Tag später für gesund und einsetzbar erklärt. Das Protokoll richtet sich nach der Faustregel von US-Wissenschaftlern, der zufolge es als "Kontakt" gilt, wenn sich jemand länger als 15 Minuten näher als 1,80 Meter bei einer anderen Person befindet - also gegen ihn auf dem Parkett ringt.

Basketball ist nun mal eine Disziplin, bei der gerade direkte Gegenspieler, zum Beispiel die Aufbauspieler, permanent Kontakt zueinander haben und sich dauernd gegenseitig ins Gesicht brüllen. Es sei deshalb erwähnt, dass die Wissenschaftler, die die erwähnte Faustregel festgelegt haben, zu dieser Disziplin grundsätzlich raten: keine Spiele, alleine dribbeln und auf den Korb werfen.

So bleibt nun die Frage: Warum wurde der deutsche Celtics-Center Daniel Theis nicht isoliert? Der spielt mit Tatum derart häufig Pick-and-Roll, dass er länger und intensiver Kontakt zu seinem Mitspieler hatte als Gegenspieler Beal? Was ist mit den anderen Kollegen, die neben Tatum auf der Ersatzbank sitzen, ihm in der Umkleidekabine begegnen oder mit ihm in Bussen und Flugzeugen reisen? Zur Erinnerung die Reiseroute der Celtics seit Neujahr: Detroit, Toronto, Miami, Boston. Nun wäre es erst nach Chicago gegangen, später in diesem Monat nach Philadelphia und San Antonio - und immer wieder zurück nach Boston, wo Spieler ihre Familien treffen. Puh.

NBA: Boston Celtics gegen Miami Heat

Daniel Theis und seine Boston Celtics hatten in der NBA auch bereits mit Covid zu tun.

(Foto: Jasen Vinlove/USA TODAY Sports)

Die NBA hat seit der vergangenen Saison eine Vorbildfunktion inne. Sie war die erste US-Liga, die Anfang März den Spielbetrieb eingestellt hatte. Und die erfreuliche Abwicklung der Restsaison in Disneyworld (freilich hatte der Disney-Konzern, dessen Sender ESPN einen Großteil der Partien überträgt, ein Interesse an der Fortsetzung) rief nicht nur Lob hervor, sondern zog auch den Blick der Verantwortlichen anderer Profiligen auf die NBA.

Das Problem nun: Die NBA wollte eine zweite "Bubble" unbedingt verhindern - auch wegen der Aussicht auf Zuschauer im Laufe der Saison. Sie wollte allen Vereinen möglichst viele Spiele (derzeit sind mindestens 62 pro Team geplant) und damit die Einhaltung sämtlicher TV-Verträge ermöglichen, die derzeit pro Saison mehr als 2,1 Milliarden Dollar in die Kassen spülen. Sie wollte mit strengen Kontakt-Regeln für möglichst wenige Fälle sorgen, provozierte damit aber reduzierte Kader und damit mögliche Verletzungen wegen Überlastung. Philadelphia-76ers-Trainer Doc Rivers sagte bereits: "Die letzten Tage waren verrückt. Ich glaube nicht, dass wir spielen sollten." Corona-Fälle gibt es dennoch, weil sich Spieler nicht an die Regeln halten; James Harden (Houston Rockets) wurde kurz vor Saisonbeginn ohne Maske auf einer Party im Club erwischt.

Die Spieler müssen Armbänder zur besseren Kontaktverfolgung tragen

Die NBA wirkt angesichts der gehäuften Probleme zunehmend überfordert. "Wir sind bereit für Einzelfälle, und nach dem, was wir in der Vorbereitung oder auch anhand anderen Ligen außerhalb einer Bubble gesehen haben, wird sich das nicht vermeiden lassen", hatte Silver vor der Saison gesagt: "Wir werden nur eine Pause einlegen, wenn wir eine Ausbreitung innerhalb eines Teams oder gar auf andere Teams feststellen." Genau das ist bereits in den ersten drei Wochen passiert. Was nun?

Der NBA-Vorstand will sich am Dienstag treffen, um über die Lage zu beraten. Es heißt, eine Rückkehr in eine Blase für die noch sehr lange Restsaison (die Finalserie ist für Juli angesetzt) gilt als völlig unrealistisch, denkbar ist eher eine Pause von einer oder zwei Wochen und eine Rückkehr mit verändertem Reglement - was auch ohne Pause noch denkbar zu sein scheint.

Die NBA hat die Regeln bereits angepasst, die Spieler müssen nun Armbänder zur besseren Kontaktverfolgung tragen. Wenn die NBA zuletzt eines bewiesen hat, dann dies: Sie kann auf schwierige Situationen und Veränderungen rasch und effizient reagieren. Andere Profiligen werden gespannt verfolgen, was diese Liga in dieser Woche und auch für den Rest der Saison aus der Schublade ziehen wird.

© SZ/bek/hoe
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