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Basketball-Liga WNBA:Atlanta Dream vs. Loeffler

Engagement über die Seitenlinien hinaus: A'ja Wilson von den Las Vegas Aces' und Betnijah Laney(rechts) von den Atlanta Dream bei einer Partie der WNBA.

(Foto: Mike Carlson/AP)

Während des Senat-Wahlkampfs in Georgia stellten sich die Spielerinnen gegen die republikanische Miteigentümerin des Teams. Es ist ein Beispiel für den politischen Einfluss der WNBA-Athletinnen.

Von Lukas Brems

Ihren wichtigsten Sieg feierten die Basketballerinnen von Atlanta Dream erst, als die Saison schon lange vorbei war. Vergangene Woche wurde Raphael Warnock zum ersten schwarzen Senator des US-Bundesstaats Georgia gewählt. Ein historisches wie richtungsweisendes Ereignis, denn weil sich in Warnock und Jon Ossoff zwei Politiker der Demokraten bei der Stichwahl durchsetzten, können Gesetze fortan nicht mehr von einer republikanischen Mehrheit im Senat geblockt werden. Aber was hat ein Basketball-Team aus der Frauen-Profiliga WNBA damit zu tun?

Wenn es nach Kelly Loeffler ginge, dann überhaupt nichts. Die Republikanerin und treue Anhängerin von Noch-Präsident Trump vertrat Georgia ein Jahr lang im Senat. Nun unterlag sie dem Demokraten Warnock in einer Stichwahl. Wie sie zu politisch aktiven Sportlerinnen steht, das machte sie im Juli klar, als die Black-Lives-Matter-Proteste im US-Sport immer prominenter wurden: "Wir müssen uns jetzt mehr denn je in dem Ziel einig sein, die Politik aus dem Sport zu entfernen", sagte sie. Ein halbes Jahr später wurde bei der Senatswahl nicht die Politik aus dem Sport, sondern Loeffler aus der Politik vertrieben. Und das mit kräftiger Unterstützung ihres eigenen Teams Atlanta Dream, bei dem sie seit 2011 Miteigentümerin ist.

Auslöser für die Kampagne der Basketballerinnen gegen Loeffler war sie selbst. Die Black-Lives-Matter-Bewegung bezeichnete sie als eine "sehr spalterische Organisation", die "Gewalt und Zerstörung im ganzen Land" vorantreibe. In einem Brief an WNBA-Chefin Cathy Engelbert schlug sie vor, die Black-Lives-Matter-Schriftzüge auf den Aufwärmtrikots durch US-Flaggen zu ersetzen. Die Spielerinnengewerkschaft forderte Loefflers Rauswurf.

In den Wochen danach änderte sich jedoch die Herangehensweise der Athletinnen, der Name "Loeffler" wurde zum Tabu-Wort. So sollte verhindert werden, der Senatorin eine nationale Plattform zu geben. Eine kluge Entscheidung, wie Angele Delevoye vom Institut für Politikwissenschaft der Yale University am Telefon erklärt: "Als die WNBA-Spielerinnen Loeffler kritisierten, machten sie das Senatsrennen landesweit bekannt. Also hat jeder in dem Rennen davon profitiert, weil auf einmal Großspender aufmerksam wurden."

Bereits 2016 protestierten Spielerinnen gegen Polizeigewalt

Die Spielerinnen begaben sich auf die Suche nach einem passenden demokratischen Gegenkandidaten, um diesen zu unterstützen. Die Wahl fiel auf Warnock, Pastor an der Ebenezer Baptist Church, wo Martin Luther King predigte. Dem Sender ESPN zufolge befragten die Basketballerinnen Warnock in einem Zoom-Meeting zu Themen, die ihnen am Herzen lagen: soziale Gerechtigkeit, Reform des Strafjustizsystems, LGBTQ- und Abtreibungsrechte.

Als die Spielerinnen von Atlanta Dream am 4. August aus dem Bus stiegen, um zur Arena zu laufen, trugen sie T-Shirts mit der Aufschrift "Vote Warnock". Andere Teams taten es ihnen gleich. Die WNBA-Klubs protestierten nicht mehr nur - sie beteiligten sich aktiv am Wahlkampf. Für Warnocks Kampagne war die Aktion nach eigenen Aussagen ein "Wendepunkt". Dass ein Team Wahlkampf gegen seine Eigentümerin führt, ist laut der New York Times im Profisport "praktisch beispiellos". Doch wer die WNBA verfolgt, den überrascht das Verhalten der Spielerinnen nicht. Die Liga gilt als die progressivste der Welt und hat großen Anteil daran, dass Proteste von US-Sportlerinnen und Sportlern inzwischen selbstverständlich sind.

2020 erhielten die Männerteams der NBA viel Aufmerksamkeit für ihren Aktivismus, der nun, aufgrund der Ausschreitungen rund um das Kapitol, fließend ins neue Jahr übergegangen ist. "Wir leben in zwei Amerikas, und gestern war ein Paradebeispiel dafür", sagte Ausnahmekönner und Wortführer LeBron James am Tag danach. Er spielte darauf an, wie ungleich Black-Lives-Matter-Demonstranten und Trump-Anhänger von den Sicherheitskräften behandelt wurden. Andere Spieler und Trainer äußerten sich ähnlich. Der US-Sport, vor allem die NBA, ist politisch wie nie. Vorreiter waren aber die WNBA-Profis.

Auch die Deutsche Satou Sabally ist im Social Justice Council

Bereits 2016, Wochen vor dem ersten Kniefall des Footballers Colin Kaepernicks bei der US-Hymne, trugen Spielerinnen der Minnesota Lynx schwarze T-Shirts, um an die Opfer von Polizeigewalt zu erinnern. Inzwischen hat die WNBA sogar einen eigenen "Social Justice Council", dem auch die Deutsche Satou Sabally angehört. Natasha Cloud von den Washington Mystics verzichtet auf den Versuch, ihren Meistertitel zu verteidigen, und pausiert, um sich Projekten für soziale Gerechtigkeit anzuschließen.

Die WNBA-Teams machen vor, wie organisierter Protest aussehen kann und beeindrucken mit Geschlossenheit. "Das war wirklich die Blaupause für einige der gemeinsamen Aktionen, die wir jetzt sehen. Ich denke, es ist wichtig, das in der Diskussion nicht untergehen zu lassen", sagte Amira Davis, Professorin für Afroamerikanische Geschichte, dem National Public Radio. Die Rolle schwarzer Athletinnen finde zu wenig Beachtung, obwohl es eine lange Tradition politisch engagierter schwarzer Sportlerinnen gebe, so Davis. Hochspringerin Rose Robinson weigerte sich schon 1959 bei den Panamerikanischen Spielen, bei der US-Hymne aufzustehen. "Es gab zu viele Fälle, in denen schwarze Frauen als Führungspersönlichkeiten übersehen wurden, als politische Anführerinnen, als Aktivistinnen, als Organisatorinnen, als Sportlerinnen", sagte Davis.

Der politische Einfluss der Spielerinnen, von denen sich 70 Prozent als schwarz identifizieren, lässt sich längst nicht mehr leugnen. "Der Strategiewechsel ging ganz klar auf", sagt Politikwissenschaftlerin Angele Delevoye über die T-Shirt-Aktion der Basketballerinnen im August. "Sie hat das Momentum des Rennens eindeutig verändert, und das genau im richtigen Moment." Warnocks Kampagne profitierte in den Tagen danach von mehr Spenden und Aufmerksamkeit, eine wichtige Initialzündung für den weiteren Verlauf des Senatsrennens. Vor der Unterstützung durch die Basketballerinnen lag Warnock in den Umfragen klar hinter Loeffler und war nicht einmal der aussichtsreichste Kandidat der Demokraten. Erst im August stiegen seine Umfragewerte dann deutlich an. "Es ist nicht alles auf die WNBA zurückzuführen, aber es gibt Belege dafür, dass die WNBA dabei geholfen hat", erklärt Delevoye.

Loeffler muss sich jetzt fragen, ob sie weiterhin einen Klub besitzen möchte, der für ihre Wahlniederlage mitverantwortlich war. Geäußert hat sie sich dazu noch nicht. Einen neuen Miteigentümer zu finden, wäre wohl kein Problem. LeBron James twitterte bereits, dass er einen Kauf in Erwägung ziehe.

© SZ/bkl
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