Nations League Ein Bewährungsprogramm für Joachim Löw

Jürgen Klopp kritisiert den neuen Nations-League-Wettbewerb heftig. Doch er verkennt, dass die seltsame Schöpfung auch grundsätzliche Reize besitzt - und für das DFB-Team die Gefahr großer Peinlichkeit.

Kommentar von Philipp Selldorf

Bisher standen unter anderem der Fuji- und der Confed-Cup sowie der König-Fahd-Pokal unter dem dringenden Verdacht, die überflüssigsten Turnierveranstaltungen des Profifußballs zu sein, doch Jürgen Klopp hat jetzt einen brandneuen Favoriten. Als er am Sonntag nach dem Ligaspiel des FC Liverpool seinen Kandidaten vorstellte, hörte sich das nicht so an, als würde er noch andere Vorschläge erlauben. Die Nations League sei "der sinnloseste Wettbewerb in der Welt des Fußballs", erklärte Klopp mit einer autoritären Selbstverständlichkeit, als ob er das Ergebnis eines wissenschaftlichen Berichts wiedergebe.

Selbstredend gibt es diese Studie nicht, und Klopp hat sein Urteil auch nicht im Namen der Moral und der Millionen von Fußballfans gefällt, denen die Verbände ständig neue Wettbewerbe zumuteten, welche die Fans gar nicht haben wollen. Klopp hat bloß seine private Meinung geäußert und den Ärger darüber, dass die Mehrzahl seiner Spieler jetzt wieder mit den Nationalteams unterwegs ist. Was Klopp an der Nations League stört: Dass er nicht mehr wie bei gewöhnlichen Testspielen mit den Nationaltrainern darüber verhandeln kann, ob sie vielleicht den einen oder anderen seiner vielbelasteten FC-Liverpool-Profis schonen könnten. Geht leider nicht, sagten ihm dann die Kollegen: "Ich bin selbst unter Druck. Es gibt jetzt diese Nations League."

Die Beteiligten nehmen die Nations League ernst

Eher unbeabsichtigt hat Klopp damit Werbung für die ungeliebte Veranstaltung gemacht. Er hat verraten, dass die Beteiligten sie ernst nehmen. Wenn er über die undurchschaubaren Prozesse des neuen Wettbewerbs spottet ("ich weiß zwar nicht, was man da gewinnen kann, aber es gibt da irgendein Finale nächstes Jahr"), dann liegt er sicherlich richtig. Kein Mensch versteht das labyrinthische Regelwerk, das die Teilnehmer in eine Finalrunde, in Auf- und Abstieg oder die EM-Qualifikation führt. Doch Klopp verkennt, dass die auf den ersten Blick seltsame Schöpfung grundsätzliche Reize besitzt. Vor allem, weil sie Testspiele durch Wettbewerbsspiele ersetzt.

Für die Deutschen bietet die Nations League nicht nur Aussicht auf einen Pokal und Prestigegewinn, sie birgt auch die Gefahr großer Peinlichkeit. Erstens, weil man theoretisch und auch praktisch gegen den Abstieg spielt, und zweitens, weil man dabei gegen die Niederlande spielt. Im Nachbarland möchte man sich für die hämischen Gesänge revanchieren, die man aus deutschen Stadien oft schon hatte hören müssen - "ohne Holland fahr'n wir zur WM". Darüber hinaus ist die Nations League das angewandte Bewährungsprogramm für den Bundestrainer Jogi Löw, dessen Verantwortung fürs WM-Debakel nicht vergessen ist. Löw kann bei den Spielen in Amsterdam und Paris viel gewinnen - oder verlieren. Möglich also, dass am Samstag die holländischen Fans singen: "Ohne Jogi fahr'n wir zum Finale." Sie könnten das nicht singen, wenn es bloß ein Testspiel wäre.

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