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Nations League:Deutschland vergisst das Verteidigen

Germany v Switzerland - UEFA Nations League

Frechheit trifft: Der dreiste Schweizer Remo Freuler (rechts) lupft den Ball über Manuel Neuer zum 2:0 für die Gäste ins deutsche Tor.

(Foto: Martin Rose/Getty Images)

Die deutsche Nationalmannschaft zeigt beim 3:3 gegen die Schweiz phasenweise feinen Offensivfußball. Allerdings unterlaufen der von Löw umgebauten Defensive zahlreiche Fehler.

Von Sebastian Fischer

Es sollte um ein anderes Auftreten seiner Abwehrspieler gehen an diesem Abend, aber so hatte sich Joachim Löw das vermutlich nicht gedacht. 26 Minuten waren gespielt in Köln, da stand der Bundestrainer von seinem Platz am Seitenrand auf, missmutig und nachdenklich. Auf dem Rasen sah er Antonio Rüdiger, einen seiner Verteidiger, im eigenen Tor liegen. Außerdem lag darin schon zum zweiten Mal der Ball.

Es sind nicht gerade einfache Zeiten für die deutsche Nationalmannschaft, das ist das Thema dieser Länderspielepisode, die in der vergangenen Woche mit einem 3:3 im Testspiel gegen die Türkei begann, als zahlreiche Stammspieler geschont wurden. Ein mühsames 2:1 gegen die Ukraine am Samstag, als alle Stammspieler wieder dabei waren, sollte eigentlich einen Wendepunkt darstellen. Doch die turbulente Begegnung mit der Schweiz, die mit dem nächsten 3:3 (1:2) zu Ende ging, zeigte erneut, wie schwierig das erfolgreiche Fußballspielen der Nationalelf gerade fällt, besonders in der Defensive.

"Wir lassen uns von unserem Weg nicht abbringen", sagte Kai Havertz, der seinerseits für eine teils hervorragende Offensivleistung verantwortlich und an allen drei Toren beteiligt war. Doch der 21-Jährige sagte auch: "Wir müssen in der einen oder anderen Situation erwachsener verteidigen." Joachim Löw hob die Moral der Mannschaft hervor, nach zwei Rückständen nicht zu verlieren. "Aber nach hinten haben wir dann schon auch Fehler gemacht." Löw hatte die Mannschaft auf interessante Art und Weise umgebaut.

Nach dem 1:2 gegen die Ukraine war mal wieder Kritik an seiner Aufstellung aufgekommen. Diesmal ging es dabei aber anders als in der Vorwoche nicht um Löws Rotation, sondern um Taktik, um die Dreierkette, für die sich der Bundestrainer auch gegen einen vermeintlich schwächeren Gegner in Kiew entschieden hatte. "Für unsere Spielidee spielt das System keine Rolle", sagte Löw dazu, Variabilität sei notwendig. Doch dass er sich unter anderem von einem anderen System Veränderung erhoffte, zeigte die Ausrichtung gegen die Schweiz: Diesmal verteidigte eine Viererkette, mit Rüdiger und Matthias Ginter in der Mitte, Lukas Klostermann rechts und Robin Gosens links. "Von hinten raus", sagte Löw vor dem Spiel, habe die Mannschaft gegen die Ukraine "viel zu langsam gespielt" und "keine Dynamik aufgebaut".

Der Wille, diese Dynamik in dem wegen hoher Corona-Infektionszahlen leeren Kölner Stadion zu zeigen, war gleich zu sehen, Rüdiger spielte schon in den ersten Minuten zwei mutige Pässe, um das Spiel zu beschleunigen. Doch es wirkte ein wenig so, als würden die Verteidiger vor lauter Bemühen, das Spiel von hinten dynamisch aufzubauen, das seriöse Verteidigen vergessen.

Fünf Minuten waren gespielt, da stand der Schweizer Xherdan Shaqiri frei vor dem Tor. Nach einem Fehlpass tief in der eigenen Hälfte hatte die Viererkette eifrig nach links verschoben, dabei aber Shaqiri aus den Augen verloren. Manuel Neuer hielt dessen Schuss, doch nach der anschließenden Ecke passierte den Deutschen der nächste Fehler: Sie rückten sorglos nach vorne, während der Schweizer Remo Freuler den abgewehrten Ball per Kopf wieder in den Strafraum brachte. Mario Gavranovic stand frei und traf.

Nach 20 Minuten war es dann Toni Kroos in seinem 100. Länderspiel, der mit einem Fehlpass einen Konter einleitete, den die starken Schweizer perfekt ausspielten und Freuler mit einem Chip über Neuer perfekt vollendete. Rüdiger sprang beim Versuch einer Kopfballabwehr auf der Linie daneben, das 0:2.

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