Nagelsmanns Start beim FC Bayern:Auf einen Espresso mit Brazzo

Trainingsauftakt FC Bayern München

Julian Nagelsmann bei seiner ersten Trainingseinheit in München.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Bei der Vorstellung von Julian Nagelsmann sind alle Beteiligten in München um ein Bild der Harmonie bemüht. Der neue Coach betont die Hoheit des Klubs in Transferfragen, spricht über seine taktischen Vorstellungen und ob er in Bayern-Bettwäsche schläft.

Von Sebastian Fischer

Julian Nagelsmann ist nicht falsch abgebogen auf seinem neuen Weg zur Arbeit, aus alter Gewohnheit hätte das durchaus passieren können. Als Jugendlicher hat er beim TSV 1860 gespielt, auf der anderen Seite der Grünwalder Straße in München, dort hat er auch seine ersten Erfahrungen als Trainer gesammelt. Dass er damals schon für den benachbarten Rivalen schwärmte, hat er im früheren Kollegenkreis angeblich geheim gehalten.

Am Mittwochnachmittag lief er in einer roten Trainingsjacke des FC Bayern auf den Platz an der Säbener Straße, zu seinem ersten Mannschaftstraining als Chefcoach des Rekordmeisters. Abzüglich der Nationalspieler, die noch im EM-Urlaub sind, versammelte Nagelsmann dort 19 Spieler inklusive des Zugangs Dayot Upamecano, der wie er selbst von RB Leipzig kam.

Am Vormittag wurde Nagelsmann vorgestellt, in einer Pressekonferenz mit Vorstandschef Oliver Kahn und Sportvorstand Hasan Salihamidzic. Es war Teil zwei eines Neubeginns: Am Montag hatte Kahn erstmals als Nachfolger von Karl-Heinz Rummenigge gesprochen. Kahn betonte seine Überzeugung, "dass wir mit Julian eine Ära prägen können". Und Ära, das solle in dem Fall nicht nur ein "Buzzword sein, was hier dauernd durch die Gegend fliegt".

Nagelsmann, 33, ist durch eine Ablöse in Höhe von mindestens 15, womöglich deutlich mehr als 20 Millionen Euro nun der teuerste Trainer der Welt. Noch nie zuvor hat ein Bayern-Trainer mit einem Fünfjahresvertrag begonnen. Er sei die "1a-Wunschlösung", sagte Salihamidzic.

Schon als Jugendtrainer war Nagelsmann bei Bayern im Gespräch

Nagelsmanns Start beim FC Bayern ist nicht nur deshalb ein besonderer, weil sich die Zusammenarbeit so lange angebahnt hat. Er habe als Kind in Bayern-Bettwäsche geschlafen, das hat er mehrmals erzählt, er bekam sie auch als Antrittsgeschenk. Er sagte: "Ich denke schon, dass ich mal die eine oder andere Nacht drin schlafen werde."

Nagelsmann war schon mal als Jugendtrainer zu einem letztlich gescheiterten Vertragsgespräch im Büro von Uli Hoeneß, er war schon jahrelang gerüchteweise der nächste Bayern-Coach. Er kommt aus dem nahen Landsberg am Lech. "Ich habe nicht jeden Abend gebetet, dass Bayern anruft", sagte er, aber: "Ich bin froh, dass es jetzt so weit ist."

Abseits der Folklore ist Nagelsmann ein neuer Trainer, der einen erfolgreichen Vorgänger in einem nicht ganz so einfachen Umfeld beerbt. Hansi Flick, der neue Bundestrainer und Gewinner von sieben Titeln in rund eineinhalb Jahren, hat den Klub ja nicht zuletzt wegen atmosphärischer Spannungen mit Salihamidzic verlassen, wegen unterschiedlicher Auffassungen über die Kompetenzen eines Trainers und anderslautender Bewertungen von Transfers.

Salihamidzic schien betonen zu wollen, dass solche Verstimmungen in der Vergangenheit liegen. Der Sportchef erzählte von der neuen Espresso-Maschine in seinem Büro, vom Kaffeetrinken mit den Vorstandskollegen, ab und zu komme auch Hoeneß vorbei. Er schwärmte vom Austausch mit Nagelsmann und von dessen hoher fußballerischer Kompetenz. "Julian ist Fußball pur", sagte er. Mit Hansi Flick habe es "ein paar Differenzen" gegeben, gab er zu. Flicks ebenfalls verabschiedeter Co-Trainer Miroslav Klose hatte die Kommunikationskultur im Verein kritisiert. Salihamidzic sagte: "Wir wollen eine 1a-reine Kommunikation haben."

Nagelsmann soll nicht nur ein Trainer sein, der möglichst bald möglichst viele Titel gewinnt. Das natürlich auch: Er werde sich den Weg zum Rathausbalkon zeigen lassen, wo der Klub im nächsten Sommer wieder vor Fans mindestens die Meisterschale präsentieren will, sagte er, "ich werde ihn hoffentlich auch finden". Doch er soll auch, mehr als es in der Vergangenheit geschah, Talente aus dem Nachwuchsleistungszentrum einbinden und Spieler entwickeln. Ihm soll die Mischung gelingen aus etwas pandemiebedingter Sparsamkeit und großen Ambitionen. Und so soll er auch zum Frieden auf den zumindest in der Vergangenheit berüchtigten Fluren der Geschäftsstelle beitragen.

"Brazzo", so nannte er Salihamidzic, "hat mehrfach betont, dass wir uns täglich austauschen", sagte Nagelsmann, als er gefragt wurde, wie sein Mitspracherecht in Fragen der Kaderplanung aussehe. Flick hatte einst ein Vetorecht eingefordert, Nagelsmann gab die denkbar diplomatischste Antwort. Er sei ein Trainer, "der alle finanziellen Seiten immer mitberücksichtigt". Er sei "der Überzeugung, dass ein Klub den Hut aufhaben sollte".

Die Abwehr der Bayern wird sich neu aufstellen

Die Bayern halten sich in diesem Sommer bewusst auf dem Transfermarkt zurück, wenn man davon absieht, dass sie bereits so viel Geld wie noch nie für einen Trainer und mehr als 40 Millionen Euro für Verteidiger Upamecano bezahlt haben. Darüber hinaus sollen es junge Spieler wie der nach seiner Leihe aus Hoffenheim zurückgekehrte Chris Richards, 21, oder der ablösefrei verpflichtete Omar Richards, 23, sein, die den Kader ergänzen.

Die Abwehr ohne David Alaba und Jérôme Boateng ist im Grunde der einzige stark veränderte Mannschaftsteil. Auch die Zukunft von Innenverteidiger und Nationalspieler Niklas Süle scheint noch nicht klar zu sein. "Wir sind froh, dass er gesund zurückkommt. Dann werden wir mit dem Trainer besprechen, wie es weitergeht", sagte Salihamidzic. Nagelsmann schwärmte von Tanguy Nianzou, 19, Bundesliga-Debütant in der vergangenen Saison. Er habe ihn "ewig beobachtet": Nianzou bringe "alle Fähigkeiten mit, ein herausragender Spieler zu werden".

Neuer bleibt Kapitän

Allerdings: Über eine neue Abwehr, taktische Flexibilität und unterhaltsame Pressekonferenzen, für die er bekannt ist, hinaus, will Nagelsmann so viel auf Anhieb wohl auch nicht verändern, zumindest nicht grundsätzlich. Er werde nicht "alles auf den Kopf stellen", sagte er. Manuel Neuer bleibe Kapitän. Und er selbst werde auch nicht, wie vielleicht zu Beginn seiner Trainerkarriere, "sieben Mal im Spiel die Grundordnung wechseln".

Verstellen werde er sich allerdings auch nicht. Er sei eben "ein emotionaler Trainer, das weiß der Klub, und das wissen die Spieler". Keine Stunde seines ersten Trainings war vorbei am Mittwoch, da unterbrach er zum ersten Mal als Bayern-Coach eine Spielform: Der ballferne Außenverteidiger war nicht weit genug eingerückt.

© SZ/pps/mok
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