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US-Open-Sieger Rafael Nadal:Diese eine Vorhand im Training - er spielt sie wieder und wieder und wieder

Vom Platz auf der Tribüne über Court 4 kann man in aller Ruhe Trainingseinheiten angucken, und wer sich Zeit nimmt, der bemerkt geradezu groteske Unterschiede. Manche feilen etwas an ihrer Technik, manche lockern ihre Muskeln am Tag nach einer schweren Partie, andere blödeln rum wie Nick Kyrgios, der sich bewusst nicht bemüht im Training, damit er ja nie erfahren muss, dass er, würde er sich anstrengen, vielleicht doch nicht so talentiert ist, wie er glaubt. Nadal dagegen prügelt eine Stunde lang unbarmherzig auf den Ball ein. Kein Lächeln, kein Abklatschen mit Trainer Carlos Moya, kein Gruß an die Fans.

Er knallt eine Vorhand von der Rückhandseite aus quer über den Platz, mit diesem unfassbaren Topspin, wie er ihn auch während der Ballwechsel im Finale immer präsentiert. Er übt nicht so lange, wie Moya es vorgibt oder wie zuvor vereinbart. Es sieht vielmehr so aus, als würde er so lange weitermachen, bis er nicht mehr kann; so wie der Bodybuilder, der so lange Liegestütze macht, bis er nicht mehr nach oben kommt. Kurze Pause, dann geht es von vorne los. Bis zur völligen Erschöpfung. Und wieder. Und wieder, und irgendwann weiß der Beobachter auf der Tribüne über Court 4, dass er zwar gerne so gut Tennis spielen können würde wie Nadal, dass er aber keinesfalls bereit wäre, sich selbst derart zu quälen. Wieder. Und wieder. Und wieder.

Das führt zu diesem Moment im fünften Satz im Finale am Sonntagabend. Medwedew hatte aufgeholt, er hatte die Partie gedreht und nun gleich beim ersten Aufschlagspiel von Nadal drei Breakbälle. Er hatte Nadal in den Seilen, er benötigte diesen einen Schlag, um seinen Gegner in den Ringstaub zu schicken. "Ich war in Schwierigkeiten, aber ich habe Gedanken an eine Niederlage sofort verdrängt", sagte Nadal später: "Ich weiß, dass ich immer meine Chancen bekomme, wenn ich einfach weitermache." Also so lange, bis er nicht mehr kann - oder bis der Gegner nicht mehr kann. Er konnte weitermachen, weil er genau das im Training geübt hatte.

Nadal wehrte die Breakbälle ab, doch das war nur der Beginn eines unvergesslichen fünften Durchgangs: Er schaffte zwei Breaks, immer wieder verwendete er diese Vorhand aus dem Training, doch Medwedew, der sich auf den Trainingsplätzen (er wählte meist Practice Court 4) ähnlich quälen kann wie Nadal, kam zurück, schaffte ein Break und hatte bei 4:5 einen Breakball für ein zweites Comeback in diesem Endspiel. Nur: Nadal machte weiter, bis Medwedew nicht mehr konnte, und nach knapp fünf Stunden und 6678 gelaufenen Metern war Schluss.

Nadal bedankte sich bei Medwedew: "So ein Kampf macht so ein Finale noch bedeutsamer." Dann schickte er eine Botschaft an alle anderen: "Natürlich wäre ich gerne der, der einen Titel mehr gewinnt. Aber ich trainiere nicht jeden Tag, um das zu erreichen. Ich mache das, weil ich es liebe, Tennis zu spielen." Er quält sich also auf diesem Practice Court 5, weil ihm das auch noch Spaß macht. Als Nadal, weit nach Mitternacht, die Anlage durch den Spielergarten verließ, da weinte er nicht mehr. Er lächelte zufrieden.

© SZ vom 10.09.2019/chge
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