Nachwuchs-Handel im Fußball:Juwele im Schaufenster

Bayer Leverkusen's Wendell tackles Hazard of Borussia Moenchengladbach during their German first division Bundesliga soccer match in Leverkusen

Talent von Chelsea: Thorgan Hazard (links) hat sich in Gladbach fast unentbehrlich gemacht.

(Foto: REUTERS)

Der FC Chelsea handelt mit verliehenen Talenten und verdient gutes Geld damit. In England ist das Profitsystem umstritten, die Bundesliga profitiert wie im Fall von Mönchengladbachs Thorgan Hazard aber davon.

Von Philipp Selldorf, Mönchengladbach

Ein wenig voreilig wurde zuletzt die frohe Kunde verbreitet, dass Borussia Mönchengladbach einen Transfercoup gelandet hätte. Demnach habe man mit dem FC Chelsea zum Preis von acht Millionen Euro die Übernahme des geliehenen Offensivmanns Thorgan Hazard verabredet, was manchen Borussia-Fan zum Jahreswechsel zwischen Schwindelanfällen - acht Millionen! - und Glücksgefühlen schwanken ließ.

Denn der 21-jährige Belgier hat in der Hinrunde eine Menge ausbaufähiges Potenzial offenbart. Hazard ist einer der vielen jungen Fußballer, die zwar einen Arbeitsvertrag mit Chelsea geschlossen, aber noch keine Partie an der Stamford Bridge bestritten haben. Seitdem ihn der Londoner Spitzenklub vor zweieinhalb Jahren für eine Million Euro beim RC Lens in Frankreich auslöste, verdingte sich Hazard leihweise bei Zulte Waregem in seiner Heimat, bevor er im Sommer an den Niederrhein über- siedelte. Dort soll er nach dem Willen der Borussia lange bleiben - insofern enthielt die vermeintliche Erfolgsmeldung nicht nur einen wahren Kern, sondern womöglich auch eine realistische Tendenz.

Mit dem Bruder in Chelsea spielen oder doch in Gladbach bleiben?

"Es ist unser Bestreben, dass Thorgan auf Dauer bei uns bleibt", sagt der aus den Skiferien heimgekehrte Manager Max Eberl, ein Abkommen mit den Engländern will er aber noch nicht vermelden: "Im Moment kann ich nur sagen, dass wir in Gesprächen mit Chelsea sind, und dass diese nicht schlecht laufen." Auch eine erweiterte Form des Leihgeschäfts, zum Beispiel mit Kaufoption, sei "generell denkbar".

Das nächste Gespräch wird Eberl aber erst mal mit Hazard selbst führen, um zu ermitteln, ob er sich tatsächlich verbindlich der Borussia anschließen möchte. Von seinem Herzenswunsch, an der Seite seines prominenten Bruders Eden für Chelsea zu spielen, müsste er sich dann für eine Weile verabschieden. Eden Hazard, 23, gehört in José Mourinhos Team zu den besonders respektierten Stars, das Vermögen des jüngeren Bruders scheint man in London nicht so hoch einzuschätzen, wie Eberl aus Gesprächen mit dem zuständigen Manager Michael Emenalo erfuhr: "Sie wissen, dass Thorgan kein Chelsea-Player ist - oder zumindest: noch nicht ist."

Nicht gut genug für das großmächtige Chelsea, aber gut genug für zahlungsfähige Klubs, die in einer kleineren Gewichtsklasse antreten - so sieht das Investitionsmodell aus, das die Londoner seit Jahren zur Geschäftsidee entwickelt haben. Die kapitalstarken Engländer kaufen Talente auf dem heimischen und europäischen Markt und bringen sie umgehend bei kleineren Vereinen als Gastarbeiter unter, um sie später entweder mit Gewinn zu verkaufen oder ins eigene Team zu integrieren.

Chelsea macht mit dem Handel ein gutes Geschäft

27 Leihspieler führt Chelsea auf seiner Homepage auf, die jungen Profis werden dort profiliert vorgestellt wie in einem Verkaufskatalog, nur Preisangaben fehlen. Aus dem Bestand haben sich außer der Borussia im Sommer auch andere Bundesligaklubs bedient: Während es Oriol Romeu in Stuttgart zum Stammspieler und Lukas Piazon in Frankfurt zum brauchbaren Reservisten brachte, wird der 1. FC Köln den Verteidiger Tomas Kalas demnächst wohl unverwendet zurückreichen.

Auch deshalb, weil sich die an Chelsea zu entrichtende Leihgebühr an den Einsätzen bemisst - höher ist der Preis, wenn der Spieler nicht spielt. Die jungen Talente müssen Praxiserfahrung sammeln, und ihre Auftritte sollen einen Schaufenstereffekt haben.

In England ist Chelseas Profitsystem nicht unumstritten, die Liga hat darüber beraten, dem verschärften Londoner Kapitalismus Grenzen zu setzen, die zur Regulierung nötige Zwei-Drittel-Mehrheit zeichnete sich jedoch nicht ab. Eberl sieht keinen Grund zur Klage: "Sie machen das mit Plan und auf eine faire und verantwortungsvolle Art." Manchen Treffer hat Chelsea schon gelandet, besonders auf dem derzeit so gefragten belgischen Markt: Thibaut Courtois etwa hat sich über sein Gastspiel bei Atlético Madrid zum Stammtorwart des FC Chelsea entwickelt, Kevin de Bruyne und Romelu Lukaku wurden mit stattlichen Renditen an Wolfsburg und Everton weiterveräußert.

Wettrennen um Talente aus Belgien

Europas Spitzenklubs liefern sich daher in Belgien ein Wettrennen um die begabtesten Junioren. "Der belgische Fußball bildet generell sehr gut aus, ob das in Brügge ist, in Genk, Anderlecht oder bei Standard Lüttich. Und diese Jungs sind auch charakterlich richtig geprägt: Sie wissen, was sie wollen und was sie erreichen können", erklärt Eberl. Rivale Dortmund soll zum Beispiel Anderlechts Juwel Dennis Praet begehren.

Thorgan Hazard repräsentiert nicht nur wegen seiner starken Technik das hohe Niveau der belgischen Schule. Borussia-Trainer Lucien Favre konnte ihn in der Offensive auf allen Positionen einsetzen. "Er war in allen Bereichen eine Verstärkung, und es macht ihm keinen Druck, dass sein älterer Bruder schon ein Star bei Chelsea ist", sagt Eberl. Hazards Bruder Kylian, 19, spielt bei Zulte Waregem - noch ohne Chelsea-Vertrag.

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