bedeckt München
vgwortpixel

Rassismus im Fußball:Münster macht Mut

v.li.: Leroy Kwadwo (FC Würzburger Kickers) auf der Tribüne nach Spielende, Einzelbild, 14.02.2020, Münster (Deutschland; Kwadwo

Leroy Kwadwo nach Spielende auf der Tribüne.

(Foto: imago images/foto2press)

Die Reaktion auf den rassistischen Vorfall gegen den Drittligafußballer Leroy Kwadwo zeigt, dass die Mehrheit nicht erstarren muss, wenn eine Minderheit sie zu tyrannisieren versucht.

Tröstlich, dass es jetzt in all dem Negativen mal wieder ein Beispiel gibt, das positiv bewertet werden muss. Eine starke Reaktion auf rassistische Beleidigung und billige Provokation. Den öffentlichen Beleg dafür, dass der Dreiklang aus Zivilcourage, Ordnungsdienst und (Sport-)Justiz doch so einiges bewirken kann. Dass die Mehrheit nicht erstarren muss, wenn eine verschwindend kleine Minderheit sie zu tyrannisieren versucht. In Münster war es ein Einzelner, ein 29-Jähriger, der sich am Wochenende mit seinen Ausfällen gegen den Würzburger Leroy Kwadwo bundesweit in die Nachrichten krakeelte. Er wurde vom Publikum identifiziert, abgeführt, wegen Volksverhetzung angeklagt und mit einem dreijährigen bundesweiten Stadionverbot belegt.

Es war nur ein Drittliga-Spiel, Freitagabend, Preußen Münster gegen Würzburger Kickers, Endstand 0:0, offiziell 5457 Zuschauer. Da lässt sich ein Schreihals sicher leichter von der Tribüne fischen als beispielsweise Anfang Februar im DFB-Pokal auf Schalke. Nachdem er sich dort aufs Übelste beleidigt gefühlt hatte, stellte Jordan Torunarigha von Hertha BSC eine Strafanzeige gegen Unbekannt. Da keine Ton- und Videoaufnahmen vorlagen, da sich die feigen Hetzer in der Masse der 53 525 versteckten, ging das DFB-Sportgericht über das pauschale Strafmaß von 50 000 Euro für Schalke nicht hinaus. "Wahrscheinlich schwierig" sei es, erklärte dazu der einstige deutsche Nationalspieler Cacau, den Rassismus "komplett zu verbannen", aber man müsse "diesem Phänomen die rote Karte zeigen".

Münster hat Mut gemacht - und vielleicht hat Münster perspektivisch die Aufgabe von Cacau, des Integrationsbeauftragten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), sogar etwas erleichtert. Denn im Nachhinein wirkt der Umgang mit der beschämenden Affäre fast wie eine Übung für ähnliche Vorfälle in den viel größeren Arenen. Alle Betroffenen verhielten sich vorbildlich, besonders Kwadwo, 23, der die Beleidigungen bei einem Einwurf kurz vor Spielende bei Schiedsrichterin Katrin Rafalski anzeigte.

Null Toleranz ist bei diesem Thema die einzig richtige Linie

Später reagierte er nicht nur mit einer persönlichen Presseerklärung, sondern am Samstagabend auch mit einem Auftritt im höchst aktuellen Sportstudio. Bei aller Wut, erklärte Kwadwo im ZDF, habe er dank der solidarischen Aktion auf Münsters Tribüne "fast eine Genugtuung verspürt". Das habe ihm geholfen, im Stadion ruhiger zu bleiben, generell fordert Kwadwo ein konsequentes Handeln ein: "Der Fußball hat eine große Macht. Wir sollten alle zusammenrücken, sagen, so geht es nicht weiter, dann spielen wir nicht."

Null Toleranz - das ist bei diesem Thema die einzig richtige Linie. Allerdings hat der Fußball für die Reaktion auf Vorfälle im Stadion verständlicherweise Eskalationsstufen eingebaut. Gefolgt wird einem Drei-Stufen-Plan, nach dem erst in letzter Konsequenz ein Spiel abgebrochen werden darf. Ohne Eskalationsstufen könnte ein Abbruch zu leicht von außen zu erzwingen sein. Von Schiedsrichterin Rafalski wurde in Münster nach Stufe zwei vorschriftsgemäß noch einmal angepfiffen: Sie hatte zunächst versucht, Kwadwo zu beruhigen, sie hatte eine Stadiondurchsage veranlasst, dann war ihre Mediation erfolgreich beendet.

Was bleibt, ist immer die Frage nach der Wettbewerbsverzerrung. Ein paar rassistische Krakeeler können ja nicht nur einen Spieler, sie können eine ganze Mannschaft aus dem Rhythmus bringen. Hätte Hertha BSC nicht vielleicht im Pokal auf Schalke noch gewonnen, Würzburg nicht vielleicht in Münster, wären Torunarigha und Kwadwo nicht massiv beleidigt worden? Verständlicherweise sind solche Fragen nicht zufriedenstellend zu klären. An Abenden wie in Münster wird die Reaktion wichtiger als das Resultat.

© SZ vom 17.02.2020/schm
Fußball Affen auf der Tribüne

Rassismus im Fussball

Affen auf der Tribüne

Die Mehrheit der Anständigen verurteilt die Schmähungen gegen Hertha-Spieler Jordan Torunarigha. Vieles, was früher zum Stadionalltag gehörte, wird heute nicht mehr toleriert.   Kommentar von Claudio Catuogno

Zur SZ-Startseite