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Formel 1 in Portugal:Mick Schumacher öffnet seinen Schutzpanzer

F1 Grand Prix of Portugal - Qualifying

Mick Schumacher auf dem Autódromo Internacional do Algarve - hier gelang ihm seine erste richtig starke Aktion als Fahrer in der F1.

(Foto: Bryn Lennon/Getty Images)

Der junge Deutsche fristet in der F1 ein qualvolles Dasein im unterlegenen Haas. Dass ihm im dritten Rennen sein erstes Überholmanöver gelingt, wird zu Recht gefeiert - und schon tut sich bei ihm Erstaunliches.

Von Philipp Schneider

Jetzt, da es geschehen ist, interessieren selbstverständlich sämtliche Details. Diese müssen nun niedergeschrieben werden, die Geschichte wandert danach ins Archiv. Und weil das Wissen der Menschheit heutzutage nicht mehr allein in der Bibliothek von Alexandria zu finden ist, die vor ihrer bis heute rätselhaften Zerstörung - irgendwann zwischen dem Jahr 48 v. Chr. und dem 7. Jahrhundert - rund 400 000 Schriftrollen beherbergt haben soll, sondern ins digitale Archiv übergeht, so bleibt die Episode hoffentlich für immer.

Die Erzählung, wie Mick Schumacher, der 22-jährige Sohn des Rekordweltmeisters, in seinem erst dritten Formel-1-Rennen erstmals ein Auto überholte, das nicht baugleich war mit seinem. Nicht baugleich bedeutet im Falle von Mick Schumacher und seinem Haas stets: besser.

Zu den Details.

Die Strecke? Das Autódromo Internacional do Algarve, 2008 eröffnet, doch erst zum zweiten Mal Austragungsort eines Grand Prix der Formel 1 (was ausschließlich der Pandemie zu verdanken ist), eingebettet in die hügelige Landschaft Südportugals, wo der Wind gerne in steifen Böen vom Atlantik herüberweht und so die Haftung der Rennwagen auf dem ohnehin rutschigen Asphalt unterwandert.

Ort und Zeitpunkt? Die viertletzte Runde, auf der kurzen Gerade zwischen der namenlosen Kurve 3 und Kurve 4, die "Lagos" getauft wurde. Der Gegner? Ein Williams. Chauffiert vom Kanadier Nicholas Latifi, 25, Sohn des Milliardärs Michael Latifi, geboren in Iran, reich geworden mit Sofina Foods Inc., einem in Ontario ansässigen Hersteller von Produkten aus Schweinefleisch, Rindfleisch, Pute, Huhn und Fisch; bekannt geworden als Miteigentümer von McLaren und Förderer seines Sohns, dessen Rennfahrerkarriere erst im für Rennfahrerkarrieren biblischen Alter von 14 Jahren begann. Das Manöver? Exzellent. Makellos. Resultat von Rennfahrergeduld.

Schon ab Runde 36 von 66 hing Schumacher dem Sohn des Fleischproduzenten praktisch im Getriebe und startete wiederholt Angriffsversuche, die allerdings meist an der mangelhaften Geschwindigkeit seines Autos scheiterten. Diese Phase des Leidens sei "zum Verrücktwerden" gewesen, befand Schumacher später. Er blieb geduldig, wartete ab, trieb den Milliardärssohn in einen Fehler: Latifi verbremste sich, Schumacher zog vorbei.

Seine Bilanz? "Ich glaube, wir können ganz happy mit dem sein, was wir erreicht haben. Wir hatten ein gutes Rennen, wenige Fehler und natürlich die Zielflagge wieder gesehen." So ist es. Nüchtern betrachtet.

FORMULA 1 HEINEKEN PORTUGUESE GRAND PRIX 2021 / 02.05.2021, Autodromo Internacional do Algarve, Portimao, FORMULA 1 HEI

Immer im Austausch mit den Technikern: Mick Schumacher in Portugal.

(Foto: Bratic / nordphoto/Imago)

Es gehört ja zu den einzigartigen Umständen von Mick Schumachers Rennfahrerkarriere, dass Nüchternheit nicht vorgesehen ist im Drehbuch, das die Öffentlichkeit herausgegeben hat. Weil sein Vater als aktiver Fahrer zu viel Aufregung erzeugt hat bei den Menschen, als dass nicht viele von ihnen auf eine Wiederkehr der alten Hochstimmung hoffen. Schumachers erste Meisterschaft, seine zweite, seine dritte, dann seine erste Testfahrt im Formel-1-Auto, das erste Rennen, die erste Zielflagge, nun also sein erstes Überholmanöver - alles muss dokumentiert werden. Aber Schumacher junior wäre der Letzte, der sich das wünscht. Wenig Fehler. Die Zielflagge. Ganz happy. That's it.

Schumacher senior stieg 1991 in Spa in einen Jordan. Er war gerade losgefahren, da blieb der Wagen mit der legendären grünen Lackierung einer Limonade liegen. Kupplung kaputt. Zwei Wochen später saß er in Monza schon im Benetton mit der legendären gelben Lackierung einer Zigarettenmarke. Er wurde sogleich Fünfter. Hinter Mansell, Senna, Prost und Berger. Er war so schnell, dass niemand auf die Idee kam, seine Überholmanöver zu zählen. Andere Zeiten waren das. Ein besseres Auto war das. Kein Vergleich möglich.

Schumacher ist zweimal 16. geworden, diesmal 17. Wobei die Rechnung täuscht, weil auch die Ausfälle der anderen eingerechnet werden sollten in Schumachers Bilanz, und diesmal ließ er erstmals zwei Autos hinter sich, die die volle Renndistanz schafften. Es gibt Gründe, weswegen er sich als Rookie über die Zielflagge freuen darf.

Beim Auftakt in Bahrain drehte er sich, in Imola bohrte er den Frontflügel in eine Barrikade, nun rollte er nicht nur zum ersten Überholmanöver. Fast schon beiläufig distanzierte er auch mal wieder seinen Teamkollegen Nikita Mazepin, der nur noch mit prolligen Sprüchen im Funk auffällt und schlechter Haltung beim Überrundetwerden: in allen Trainingseinheiten, im Qualifying und im Rennen um mehr als eine Minute.

Und das Publikum sieht Schumacher dabei zu, wie er mit anwachsendem sportlichen Erfolg auch den Schutzpanzer immer weiter öffnet, der um sein Inneres geschmiedet wurde, weil er ja doch der Sohn seines Vaters bleiben wird. Es sei "eine Qual, hinten zu fahren, ohne echte Chance, vorne mitzuspielen", hat er zugegeben, und einen Psychotrick zur Selbstmotivation kundgetan: "Wenn ich Latifi oder Russell (beide Williams-Piloten, Anm.d. Red.) vor mir habe, stelle ich sie mir als Führende vor und dass ich sie einholen muss."

So erklärt sich auch seine Renngeduld. Wer auf Position zwei kreist und um den Sieg fährt, riskiert keine überstürzten Überholmanöver. Der Fahrer auf Platz 18 schon eher. Als er Latifi hinter sich gelassen hatte, sprach Schumacher einen Satz, der herrlich war. Weil er endlich aussprach, was zuvor nur andere über ihn und sein Auto gesagt hatten: "Ich hatte so viel mehr Pace in mir!"

Das erste Überholmanöver vergisst man nie. Erritten auf einem lahmen Gaul, fühlt es sich noch viel schöner an.

© SZ/bek
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