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Sieben Kurven zur Formel 1:Schumachers erstklassiges Überholmanöver

F1 Grand Prix of Portugal

Mick Schumacher greift an: Gegen Nicholas Latifi gelang ihm eine vielversprechende Aktion kurz vor Ende.

(Foto: Lars Baron/Getty Images)

Trotz Platz 17 zeigt der junge Deutsche gute Ansätze in seinem dritten Rennen. Hamilton ist plötzlich selbst der Jäger und Vettel findet: "Es gibt noch viel zu lernen." Die Höhepunkte des F1-Wochenendes.

Von Elmar Brümmer, Portimão

Lewis Hamilton

*** BESTPIX *** F1 Grand Prix of Portugal
(Foto: Lars Baron/Getty Images)

Jeder Sieg fühle sich an wie neu, und jeder anders. Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton weiß nach 97 Grand-Prix-Erfolgen, wovon er spricht. Den Triumph beim GP von Portugal mit einer halben Minute Vorsprung vor seinem Titelrivalen Verstappen bezeichnet der Brite als "sehr anders". Das Besondere daran: der Brite war nicht wie so oft der Gejagte, sondern selbst der Jäger - seine Paraderolle. Zweiter am Start, Dritter nach dem Re-Start, weil er sich statt auf den vor ihm liegenden Teamkollegen Bottas für eine Millisekunde auf den hinter ihm lauernden Verstappen konzentriert hatte.

Die innere Wut ist seine eigentliche Magie, sie macht ihn nicht blind, sondern nur hungrig. Es dauerte kaum zehn Runden, da hatte er beide wieder eingeholt und überholt. Es sah allerdings eher so aus, als hätte er sie stehen lassen. "Es hat sich fantastisch angefühlt", sagte er am Abend eines weiteren historischen Tages. Zum 122. Mal nach einem Grand Prix verlässt er die Rennstrecke als WM-Führender, damit muss er sich diesen Rekord nicht mehr mit Michael Schumacher teilen. Das Duell mit Verstappen treibt ihn schon jetzt dazu, auch für die nächste Saison zu planen. Teamchef Toto Wolff bestätigt, dass es gerade bei Mercedes so viel Spaß macht wie noch nie. Ein Grund sei: "Lewis hat uns Beine gemacht. Jetzt sind die Segel gesetzt."

Fernando Alonso

F1 Grand Prix of Portugal
(Foto: Bryn Lennon/Getty Images)

Das falsche Timing bei der Arbeitsplatzwahl hat dafür gesorgt, dass Fernando Alonso in seiner F1-Karriere erst zwei und nicht schon fünf Weltmeistertitel hat. Beim Neuanfang im Renault-Werksteam namens Alpine hat er nach seiner langen Pause und zwei eher durchwachsenen Anläufen jetzt zu rechten Zeit ein erstes Erfolgserlebnis. Eine Woche vor seinem Heimspiel beim GP von Spanien hat der 39-Jährige wenig verwöhnten Mittelklasse-Team und sich selbst ein paar Punkte beschert.

Nur von Rang 13 gestartet, hat er nach dem Reifenwechsel am Ende Domino mit den Fahrern vor ihm gespielt, einer nach dem anderen fiel ihm zum Opfer, im Ziel war der Asturier Achter. Der alte Instinkt bei dem Mann, der als "Pate" verpflichtet wurde, ist zurück. So definiert sich auch sein Stolz: "Mit den Ferrari und McLaren zu kämpfen, das ist eben schon etwas anderes." Dass er dabei seinen Landsmann Carlos Sainz jr. düpieren konnte, gibt einen mentalen Extra-Zähler.

Max Verstappen

F1 Grand Prix of Portugal
(Foto: Mark Thompson/Getty Images)

Wie oft sich der Kronprinz der Königsklasse wohl in seinen Träumen breitere Rennstrecken wünscht? Der Niederländer ist der Pilot in diesem Jahr, der den höchsten Preis für das überfahren der Streckenbegrenzung mit allen vier Rädern zu zahlen hat, weshalb Red-Bull-Berater Helmut Marko schon wieder Verschwörungen zu wittern beginnt. Auf dem rutschigen und windigen Kurs in Portimão kosteten die Ausritte Verstappen erst die Pole-Position in der Qualifikation und ganz zum Schluss im Rennen auch den Extra-Punkt für die schnellste Runde.

Die kleinen Abweichungen kommen vom großen Drang, jetzt wo sein Dienstwagen endlich auf Augenhöhe mit dem Mercedes funktioniert: "Ich habe alles probiert, was ging." Auf Dauer muss Verstappen präziser fahren, denn diese Kleinigkeiten können sich in einem schon jetzt zugespitzten Titelkampf schnell zu einem Rückstand addieren. Der 23-Jährige muss beweisen, wie reif er schon ist. Noch beruhigt Teamchef Christian Horner: "Die WM ist ein Marathon, kein Sprint."

Mick Schumacher

Großen Preis von Portugal
(Foto: Manu Fernandez/dpa)

In seinen ersten beiden Formel-1-Rennen wurde er jeweils auf Rang 16 gewertet, und trotzdem ist der 17. Platz in Portugal ein noch besserer für den Debütanten. In der drittletzten Runde ist dem Formel-2-Champion sein erstes erstklassiges Überholmanöver gelungen - er konnte einen Fehler des Williams-Piloten Nicholas Latifi gnadenlos ausnutzen. Ein paar Mal zuvor war er knapp gescheitert, aber die Vorgehensweise von Schumacher junior zeigt seine Lernkurve.

Statt es ungestüm noch einmal zu probieren, hat sich Mick Schumacher den Gegner zurechtgelegt und den Gegner unter Druck gesetzt. Anders Kollege Nikita Mazepin, der bislang nur ein Verkehrshindernis ist. Schumachers analytische Vorgehensweise bringt seinen Teamchef Günther Haas regelmäßig ins Schwärmen, und Schumacher selbst fühlt sich immer wohler: "Es ist nicht mehr fremd für mich, in ein Formel-1-Auto zu steigen. Das ist mein neues Zuhause, ich bin es gewohnt. Ich weiß, wie ich ans Limit gehen kann." Die Situation für ihn im Haas-Ferrari, O-Ton: "Ein geiles Gefühl!"

Andreas Seidl

F1 Grand Prix of France - Final Practice
(Foto: Dan Istitene/Getty Images)

Der McLaren-Teamchef ist der Deutsche in der Formel 1, der am häufigsten im Bild ist. Ständig schalten die übertragenden Fernsehsender an den McLaren-Kommandostand. Wer als Bayer ein britisches Dickschiff wieder zum Schnellboot macht, der kann nebenher auch live kommentieren. Die Leistung leidet nicht darunter. McLaren ist Dritter in der Konstrukteurs-WM, diesen Platz hält auch das Talent Lando Norris in der Fahrerwertung. Noch mehr Freude aber machte in Portimão der Neuzugang Daniel Riccardo.

Dem Australier vergeht selten das breite Grinsen, nachdem er jedoch in der ersten Qualifikationsrunde samstags ausgeschieden war, steckte er in einer echten Sinnkrise. Von Rang 16 dann noch auf Platz neun im Rennen zu fahren, das gibt jetzt mehr Selbstsicherheit: "Es klappt noch nicht alles so, wie ich will. Aber langsam spüre ich das Auto besser." Seidl quittiert den Eindruck mit einem zufriedenen Kopfnicken: "Das war eine großartige Wiedergutmachung."

Valtteri Bottas

F1 Grand Prix of Portugal
(Foto: Getty Images/Getty Images)

Ein kaputter Sensor im Auspuff. Ja, das ist Pech, das kostet Power. Aber ist es wirklich der einzige Grund, warum Valtteri Bottas nach seiner überraschenden Pole-Position in Portugal deutlich weniger überraschend am Ende nur Dritter wurde? Sprich: den Doppel-Erfolg von Mercedes in diesem engen Titelrennen nicht wie gewünscht und geplant absichern konnte? Die Selbstzweifel nach dem bitteren Crash in Imola sind noch da, da hilft es offenbar auch wenig, wenn sich sogar Teamchef Toto Wolff in den Funkverkehr einschaltet: "Du bist der schnellste Mann im Feld!"

Das war er dann tatsächlich, kurz vor Schluss, nachdem er noch einmal frische Reifen für die schnellste Rennrunde bekommen hatte. Das Extra-Pünktchen behielt der Finne aber nur, nachdem Verstappen seinen Versuch verpatzte. Bottas bleibt in der strahlenden Mercedes-Aufholjagd derjenige mit dem traurigen Gesicht. Ein Wort reicht ihm zur Bilanz von 66 Runden: "Enttäuschend."

Sebastian Vettel

F1 Grand Prix of Portugal
(Foto: Lars Baron/Getty Images)

Nach dem Rennen ist vor dem Rennen, und deshalb kommt der vierfache Weltmeister nach dem dritten Einsatz im Aston Martin über das ganze Wochenende mit einer Formulierung aus: "Es gibt noch sehr viel zu lernen für uns." Sich zum ersten Mal seit 15 Rennen wieder in den Top Ten qualifiziert zu haben, das ist tatsächlich ein Erfolgserlebnis, sogar noch deutlich vor dem Teamkollegen Lance Stroll - obwohl dieser schon neue Teile am Auto hatte, Vettel nicht.

Trotzdem ist das Mercedes-Kundenauto im Rennen immer noch zu langsam, um weiter nach vorn zu kommen oder nicht zurückzufallen. Gewertet wird der Heppenheimer auf Position 13, immerhin vor Stroll. Den musste er zwischenzeitlich durchlassen, weil dem jungen Kanadier die besseren Chancen auf Punkte eingeräumt werden. Als das nicht klappte, gab Stroll den Platz fair wieder an Vettel zurück. Ein geschenktes Überholmanöver, aber ein verschenktes Wochenende.

© SZ/bek
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