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Massenproteste und Sport:Wenn Brot und Spiele nicht mehr ablenken

Protests In Rio De Janeiro

Am Donnerstag haben die Brasilianer erneut landesweit gegen Korruption und Verschwendung protestiert.

(Foto: dpa)

Sport als Vehikel, um den wirtschaftlichen Aufstieg zu demonstrieren und weiter voranzutreiben? Die Beispiele Brasilien und Türkei zeigen, dass es künftig ganz anders laufen könnte. Doch die Fifa und das IOC sind unfähig, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

Ein Kommentar von René Hofmann

Es wirkt wie eine Themenreise. Sepp Blatter hat Brasilien am Donnerstag verlassen. Der Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa flog in die Türkei, wo am Freitag die Weltmeisterschaft der U20-Mannschaften begann. Von einem Großereignis zum nächsten, aus einer Boom-Nation in eine andere - so war der Trip angelegt.

So, wie sich die Lage in den beiden Ländern in den vergangenen Tagen entwickelt hat, ist das Motto nun aber ein ganz anderes. In Brasilien, wo gerade der Confederations Cup gespielt wird, der als Generalprobe für die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 dient, musste Blatter Massenproteste erleben, die sich auch gegen den Gigantismus richten, die seine Organisation dem Land oktroyiert hat. Und in der Türkei erwartet ihn ebenfalls eine angespannte Lage, welche die gewaltigen sportpolitischen Ambitionen des Landes erschüttern könnte.

Die Parallelen sind verblüffend: In der Welt des Sports ist Brasilien bereits dort, wo die Türkei hinstrebt. 2016 finden die Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro statt. 2020 soll die große, bunte Ringe-Show in Istanbul gastieren. Unterliegen die Türken mit ihrer Bewerbung den Konkurrenten aus Tokio oder Madrid, sollen zumindest die entscheidenden Spiele der Fußball-EM 2020 in dem Land stattfinden. Sport als Vehikel, um den wirtschaftlichen Aufstieg zu demonstrieren und weiter voranzutreiben - so lief das bisher oft. Die Beispiele Brasilien und Türkei zeigen nun, dass es künftig ganz anders laufen könnte. Ein Kipp-Punkt ist erreicht.

Die Massenproteste rund um den Confed Cup richten sich nicht gegen den Sport als solchen. Sie richten sich keineswegs gegen den Fußball oder die üppig bezahlten Spieler. Aber das WM-Vorspiel bietet einen Anlass, gesamtgesellschaftliche Fragen zu stellen: Ist so ein Turnier den Aufwand wert? Ließe sich das viele Geld nicht andernorts klüger investieren? Wieso dürfen die internationalen Sportverbände bei der Vergabe ihrer Großereignisse so viele Bedingungen diktieren? Und wieso gelten für die Besteuerung ihrer Einnahmen so oft Sonderregeln?

Es sind gar keine unverschämten Fragen, die da gestellt werden. Sie liegen auf der Hand, und von einigen Kritikern werden sie lange schon immer wieder vorgebracht. Neu ist, dass sie nun auf die Straße getragen werden. Und dass die Fragen nicht verschwinden, wenn der Spaß beginnt. Im Gegenteil: Die Proteste wachsen. Panem et circenses, die alte Ablenkungsformel von Brot und Spielen - sie wirkt nicht mehr. Für die Global Player der Sportindustrie bedeutet das eine einschneidende Veränderung. Als Monopolisten konnten sie sich lange fast alles erlauben. Nun müssen sie reagieren.

Damit ihre Veranstaltungen für Länder attraktiv bleiben, in denen freiheitliche Grundordnungen gelten, müssen sie sich wandeln, sich an Werten orientieren, die in den meisten Unternehmen mit globalem Anspruch in den vergangenen Jahren selbstverständlich wurden: Transparenz, Compliance, Nachhaltigkeit. Um als modern zu gelten und eine breite gesellschaftliche Akzeptanz zu ernten, reicht es eben nicht mehr, ein tolles Produkt im Angebot zu haben. Es sollte auch fair produziert worden sein und fair gehandelt werden.

Mit diesen Ansprüchen aber tun sich die Sportverbände schwer. Die Machtstrukturen, die in der Fifa und im Internationalen Olympischen Komitee herrschen, blockieren Erneuerungsprozesse. Und das althergebrachte Personal ist offenbar unfähig, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Vor seiner Abreise hat Sepp Blatter, 77, den Brasilianern ausgerichtet, er verstehe all ihre Proteste schlicht nicht. Der "gute Fußball und die hervorragenden Stadien" seien doch nur dazu da, "zu unterhalten und Emotionen zu geben".

© SZ vom 22.06.2013
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