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Mario Götze:Götze ist in Bedrängnis der vermutlich ballsicherste Spieler der Liga

Inzwischen ist Favre sogar bereit, wie jüngst beim 4:0 in Freiburg, Götze im Zusammenspiel mit Reus zwischen der Neuner- und Zehner-Position pendeln zu lassen. Favre hat zugestanden, es sei ein Fehler gewesen, auf Götze ausgerechnet in München, beim 0:5-Debakel, verzichtet zu haben, weil der Trainer mehr "vertikale Geschwindigkeit" auf dem Feld haben wollte. Selten ging eine Entscheidung so daneben. Im Angriffswirbel, den Favre sich wünscht, ist Speed wichtig, aber unbedingte Ballsicherheit ebenso. Götze ist in Bedrängnis der vermutlich ballsicherste Spieler der Liga. Im "Footbonauten", dem digitalisierten Trainingskäfig, in dem die Profis von Robotern in Varianten mit Ball-Zuspielen befeuert werden, ist Götze noch immer das Nonplusultra. Ein Insider des Ballspielkäfigs sagt: Götze ist fast doppelt so gut wie der nächstbeste Spieler, Marco Reus. Ein Ballroboter ist kein Fußballspiel, aber nirgendwo zeigt sich so pur, dass Götzes Ballgenie immer noch da ist, auch wenn sich das Spiel auf dem Rasen zur ständigen Raserei entwickelt hat. Die Handlungsschnelligkeit aber ist der Vorteil von Götze. Seine Pässe kommen oft so radikal präzise, dass sie wie im Computer generiert wirken, seine Doppelpässe sind bisweilen zu schnell fürs Auge.

Das alles macht aus Götze noch nicht das, was man von ihm vor sechs, sieben Jahren erwartete. Matthias Sammer nannte ihn "das vielleicht größte deutsche Fußballtalent aller Zeiten". Joachim Löw umflorte Götzes Endspiel-Tor gegen Argentinien als "Jahrhunderttor". Heute sagt BVB-Chef Hans-Joachim Watzke: "Mario ist auf dem Weg zurück, aber ob er je die Erwartungen erfüllt, die damals projiziert wurden, das wage ich zu bezweifeln." Die Scorer-Punktzahlen seines Freundes und Kollegen Reus oder des jungen Sancho hat er weder beim BVB noch bei seinem Intermezzo beim FC Bayern erreicht.

Langwierige Verletzungen haben Götze immer wieder zurückgeworfen, die psychische Verletzung obendrein, es in München nicht geschafft zu haben. Er hat dann, zurück im heimischen Dortmund, eine Myopathie überstanden, eine komplizierte Muskelstoffwechsel-Erkrankung, für die der gemeine Fußballfreund weniger Verständnis hat als für Beinbrüche und Muskelfaserrisse. Götze hat die bisweilen peinliche Internet-Vermarktung durch seine früheren Berater ebenso verkraftet wie die gut gemeinte Unterstützung durch seinen wenig fußballaffinen Vater, einen angesehenen Informatik-Professor. Auch den Shitstorm einiger besonders lautstarker Dortmunder Fans, als er 2016 aus Bayern zum BVB zurückkehrte, hat er weggesteckt.

Wer all das aushält und mit 26 Jahren um seinen sechsten Meistertitel kämpft, ist kein Gescheiterter. 2020 läuft sein Vertrag in Dortmund aus. Wie man hört, wollen beide Seiten gerne verlängern. Der Klub allerdings zu angepassten finanziellen Konditionen. Irgendwas ist eben immer im Leben des Mario Götze.

© SZ vom 27.04.2019/chge
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