Marco Reus Der Bundesliga-Spieler der Stunde

Zwei Tore gegen den FC Bayern: Dortmunds Kapitän Marco Reus.

(Foto: dpa)
Von Carsten Scheele, Dortmund

Da war dieses Bild von Marco Reus, völlig durchnässt, aber glücklich vor der gelben Wand. Die 25 000 Zuschauer auf der größten Stehplatztribüne Europas hatten gerade dem Anlass angemessenes Liedgut angestimmt, nach Gesängen über den aktuellen Tabellenplatz und den Meisterschaftsfavoriten ("nur der BVB") gingen die Fans nun zum dritten Lied über. Der Text war überschaubar kompliziert, er ließ sich auch im Moment größter Glücksgefühle sicher schmettern. Er bestand aus zwei Worten: "Maaarco" und "Reeuuus".

Reus stand da, lauschte, nahm seine Hände, faltete sie vor den Mund. Ein Moment des stillen Genusses.

Reus, 29, ist gerade etwas mehr als nur der Kapitän des Tabellenführers, der sich am Samstagabend endgültig in den Rang des Titelfavoriten gespielt hat. Reus ist gerade der Bundesliga-Spieler der Stunde: Zwei Tore im Spitzenspiel, beim rauschhaften 3:2 des BVB gegen die Bayern, mit insgesamt acht Treffern liegt er in der Torschützenliste weit vorne. Vor allem aber leitet er als Kapitän das in Teilen unerfahrene BVB-Ensemble furios durch die Saison. Qua Amt versuchte er am Samstagabend dann auch, die hereinstürzende Euphorie zu bremsen. "Wenn du sieben Punkte vorne bist, ist es klar, dass wir da oben sein wollen", sagte Reus im Sportstudio. Er sei "stolz auf die aktuelle Situation", aber mal ehrlich, es seien noch so viele Spiele zu spielen: "Also, auf dem Teppich bleiben."

Dabei hatte er viel dazu beigetragen, dass die BVB-Familie an diesem Abend kollektiv ausrastete. Da war dieser Ball von Lukasz Piszczek, den Reus in der 67. Minute auf Höhe des Elfmeterpunkts volley nahm - ein kompliziertes Unterfangen, doch wenn einem so ein Schuss gerade gelingt, dann halt Reus. Der hatte sich gedacht: "Entweder er geht auf die Südtribüne oder ins Tor." Weil es läuft, rauschte der Ball ins Netz und veranlasste ein großes Boulevardblatt noch in der Nacht zur Frage: "Was macht Reus zum besten Reus aller Zeiten?"

Dazu gibt es einige Hinweise, zum einen, und das sagt Reus selbst, sei er schlichtweg reifer geworden. 29 ist der Nationalspieler nun, er wird bald Vater - und darf nach einer oft zitierten Leidensgeschichte seit Anfang das Jahres endlich beständig gesund Fußball spielen. Auch hat Reus oft kundgetan, wie wohl er sich unter Trainer Lucien Favre fühlt, seinem alten Mentor aus Gladbacher Zeiten, den der BVB auch für ihn aus Nizza geholt hat.

Den schwierigsten Ball versenkt Marco Reus

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Favre machte Reus zu seinem Kapitän, stattet ihn im sehr offensiven Mittelfeld mit vielen Freiheiten aus. "Ich spiele auf der Position, auf der ich gerne spiele", sagte Reus, zentral hinter der Spitze. Und Favre vertraut Reus auch, wenn ihm etwas nicht gelingt. Das war gegen die Bayern wieder so, zwischendurch hätte manch anderer Coach den Spieler vielleicht sogar rausgenommen. Diagnose: fehlende Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor. Schon nach zehn Minuten war Reus frei auf Manuel Neuer zugelaufen, brachte am Ende aber nur ein Schüsschen zustande. Nach rund einer Stunde stand er erneut zweimal völlig frei vor dem Bayern-Kasten, Neuer war schon geschlagen. Beim ersten Schuss rettete Joshua Kimmich im Fallen vor der Linie (59.), der zweite verrutschte Reus auf Höhe des Elfmeterpunkts übel (65.). Doch Favre blieb ruhig, der Schweizer weiß, dass der Stehauf-Reus im Herbst 2018 über die Fähigkeit verfügt, Misserfolge abzuschütteln, als wären sie noch im Moment des Scheiterns schon vergessen. Ein Naturell, das auch Bundestrainer Joachim Löw zu schätzen weiß, gibt es beim DFB aktuell doch mehr Misserfolge zu bestaunen als in all den Jahren zuvor. Es wird sehr auf Reus ankommen, wenn es in einer Woche gegen die Niederlande darum geht, den Abstieg aus der Nations League vielleicht noch zu vermeiden - oder wenigstens mit einem guten Gefühl aus dem schlechten Jahr 2018 herauszukommen.

Am Samstag brauchte Reus nur vier Minuten, um die verpatzte erste BVB-Hälfte vergessen zu machen. Wieder stürmte er allein auf Neuer zu, der zögerte, kam dann aber mächtig angerauscht. Reus erkannte das, legte den Ball im letzten Moment nach rechts, so dass Neuer ihn nur noch wegrammen konnte. Der klagte, Reus hätte den Ball "gefühlt Richtung Bande gespielt", der Dortmunder "trete ihm in den Bauch, sozusagen". Pikiert bemerkte Reus, er sei ja nun wirklich nicht für Schwalben bekannt. Auch Neuer gab zu: Ein Elfmeter war es schon. Reus verwandelte sicher (49.), der Ausgleich.

Der Volleyschuss ins Glück war Reus' schwierigste Übung des Abends

Eine Viertelstunde später folgte dann die Szene überhaupt: Der Volleyschuss ins Glück war Reus' schwierigste Übung des Abends, doch ausgerechnet dieser Ball saß, es war erneut der Ausgleich. Mitgetragen vom Reus-Rausch besorgte Paco Alcácer kurz darauf das Siegtor (73.). Dass er wegen eines angeblichen Phlegmas keiner für große Spiele sei, davon ist bei Reus aktuell nichts zu bemerken. Und die Wertschätzung der Mannschaft steigt und steigt. "Er ist einer, zu dem man aufschaut", sagte etwa der junge Flügelspieler Jacob Bruun Larsen. Und als Trainer Favre nach der Leistung seines Kapitäns gefragt wurde, sagt er nur ein Wort: "Süper."

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