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Diego Maradona:Er veränderte das Spiel wie kein anderer

Diego Armando Maradona (Argentinien) hebt theatralisch ab, dahinter Karl-Heinz Förster und Torwart Harald Schumacher (b

Diego Maradona stürzt im WM-Finale 1986 über die Deutschen Karlheinz Förster und Torwart Toni Schumacher.

(Foto: imago sportfotodienst via www.imago-images.de; imago/imago images/WEREK)

Diego Maradona wurde gejagt und gefällt, ein Schlächter aus Bilbao trat ihn ins Krankenhaus. Als seine Karriere zu Ende ging, begriff die Fußballindustrie, dass sie Künstler wie ihn besser schützen muss.

Von Thomas Hummel

Als Diego Armando Maradona am 19. April 1989 mit dem SSC Neapel nach München kam, erfuhr auch das stolze bayerische Volk, warum dieser Kerl eine Legende war. Er hatte schon ein paar Kilo zu viel und wurde vor der Partie als "Maratonna" verschmäht. Gegen so einen müsste man doch ein 0:2 aufholen können. Es war das Rückspiel im Halbfinale des Uefa-Cups, es ging um was, doch beim Aufwärmen tänzelte Maradona auf dem Rasen zur Musik aus den Lautsprechern und jonglierte den Ball. Schulter, Kopf, Schulter, Knie, Fuß, Nase. Das allein hätte man noch als Schönspielerei abgetan, was im damaligen Teutonenland die schärfste Beleidigung für einen Fußballer war. So richtig geraunt und geglotzt hat das Olympiastadion in dem Moment, als das Spiel losging.

Maradona und der brasilianische Stürmer Careca führten den Anstoß aus und dachten gar nicht daran, den Ball wie üblich zurückzuspielen. Sie stürmten gleich nach vorne, zwei gegen elf, Maradona lupfte den Ball zwischen drei FC-Bayern-Spielern hindurch, Dribbling, Doppelpass. Vier Bayern-Profis, darunter der heutige Trainer Hansi Flick, stürzten sich auf den Argentinier, Klaus Augenthaler setzte wie immer zur Grätsche an. Sie wirkten leicht panisch. Erst der Fünfte konnte Maradona den Ball abnehmen. Das Spiel endete 2:2, Bayern war raus, und Manager Uli Hoeneß erklärte: "Manchmal kam ich mir vor wie im Circus Krone, am liebsten wäre ich ein paar Mal aufgestanden und hätte applaudiert." Da konnte Maradona pummelig sein wie er wollte.

Auftritte wie diese führten im internationalen Fußball zur Erkenntnis, dass die Menschen wohl wegen Spielern wie Maradona ins Stadion kamen. Oder den Fernseher einschalteten. Fußball wurde in diesen Jahren zu einer lukrativen Unterhaltungsindustrie, es flossen immer mehr Millionen. Der ehemalige 1860-Meistertrainer Max Merkel brachte es auf den Punkt: "Lieber zehn Minuten lang Maradona als ein Leben lang Pflügler." In diesem Satz über den eisernen Bayern-Verteidiger Hansi Pflügler steckt die These, dass vielleicht niemand das Spiel je so verändert hat wie der kleine Mann aus Buenos Aires.

"Wir Stürmer waren praktisch Freiwild"

In den 80ern war Fußball ein grimmiger Sport. Aus dieser Zeit sind einige Sprüche überliefert - wenn alte Helden heute in Talkshows sitzen, hört man sie immer wieder. Es geht ums Gras fressen, ums Dagegenhalten, dem Gegner den Schneid abkaufen, ein Zeichen setzen. Das mit dem Schneid abkaufen funktionierte üblicherweise so: Der größte Rüpel in der Mannschaft, er trug die Bezeichnung "Manndecker", wurde auf den besten Spieler des Gegners angesetzt. Wenn dieser das erste Mal den Ball kriegte, dann gab's sofort was auf die Knochen. Damit der gleich wusste, was hier heute los ist. Der sollte die Lust am Spielen verlieren und wenn ein Tritt nichts half, dann eben ein zweiter oder dritter.

Opfer waren alle, die mit dem Ball umgehen konnten und schnell waren. Marco van Basten musste seine Karriere frühzeitig als Sportinvalide beenden. Rudi Völler fiel 1985 wegen einer Sense von Augenthaler fünf Monate lang aus. Der damalige Bayern-Trainer Udo Lattek kommentierte: "Wir spielen ja nicht Schach." Die Sitten waren rau, die Liste der kaputt getretenen Kicker war lang. Ewald Lienen, dem 1981 ein Verteidiger den Oberschenkel aufschlitzte, sagte einmal in der Zeitung Die Welt: "Wir Stürmer waren praktisch Freiwild. Die gegnerischen Abwehrspieler haben versucht, uns in die Steinzeit zu treten, oftmals mit Billigung der Trainer. Es herrschte Krieg auf den Spielfeldern. Man konnte niemals sicher sein, dass einem nicht die Achillessehne durchgetreten wurde, wenn gerade keiner guckte."

Die Schiedsrichter standen dem Treiben fast machtlos gegenüber. Viele von ihnen waren ältere Herren, die nach dem Krieg aufwuchsen und fanden, man solle sich wegen eines Tritts gegen das Schienbein nicht so haben. Die Hürde für eine rote Karte lag hoch. Wer einen Gegenspieler auf die Tartanbahn trat, dabei aber auch irgendwie den Ball traf, kam zumeist glimpflich davon.

1993 wurde die Grätsche von hinten verboten

Derjenige, der die meisten Tritte abbekam, war Diego Maradona. Denn er war der Beste, mit großem Abstand. Sein Tod am vergangenen Mittwoch mag Diskussionen entfachen, ob ein Drogenabhängiger, Dopingsünder, Steuerhinterzieher et cetera zum Idol tauge. Doch wer ihn je hat spielen sehen, der weiß, dass er mit dem Ball umgehen konnte wie niemand sonst.

Deshalb jagten und fällten ihn die Gegenspieler. Im WM-Achtelfinale 1986 gegen Uruguay pfiff der Schiedsrichter in 90 Minuten 61 Fouls, die meisten an Maradona. Die Südkoreaner zuvor im Gruppenspiel hauten ihn bisweilen um, da sich würde sich heute Neymar mit dem Hubschrauber abholen lassen. Doch Maradona war es egal, er kannte es nicht anders. Er wuchs im ärmlichen Villa Fiorita südlich von Buenos Aires auf und lernte dort, sich zu wehren.

Auch er wusste, wie man provoziert, wenn der Schiedsrichter wegsah. Dann dribbelte er in die Gegenspieler hinein als wollte er sie anstacheln. Bisweilen wiegte er sie im Glauben, sie könnten sich den Ball holen - doch wenn sie es versuchten, Palim, Palim, war Diego wieder schneller. Er sprang dann wie ein Hürdensprinter über die ausgestreckten Beine hinweg. Nur einem entkam er nicht: Andoni Goikoetxea Olaskoaga, der "Schlächter aus Bilbao", der zuvor schon Bernd Schuster für Monate aus dem Spiel getreten hatte, erwischte ihn 1983 schwer. Maradonas Wadenbein brach, das Außenband riss und das Fußgelenk war ausgekugelt. Es drohte sogar ein frühes Karriereende.

Als Maradonas Laufbahn später tatsächlich austrudelte, verschärfte der Fußball zunehmend die Regeln. 1993 sollte die Grätsche von hinten verboten werden, zur WM 1998 wurde die rote Karte für solch ein Vergehen zwingend. Inzwischen sieht man schon fürs Trikotziehen Gelb. Der Schutz der Artisten und Könner steht nun im Vordergrund. Zugespitzt ausgedrückt: Lionel Messi mit all seinen Toren und Slalomläufen wäre ohne Diego Maradona kaum möglich. Auch ein Schlächter von Bilbao ist ihm bislang nicht begegnet.

© SZ/bek
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