Diego Maradona:Ihn traf die zerstörerische Kraft des Fußballs

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Maradona-Plakat in Buenos Aires

Ein Plakat Maradonas in Buenos Aires

(Foto: PHOTOSPORT/imago images)

Maradona kam aus einem Slum und wurde wie der Heiland verehrt, wie soll ein Mensch damit fertigwerden? Seine Geschichte ist eng mit Himmel und Hölle des Fußballgeschäfts verbunden.

Kommentar von Peter Burghardt

Natürlich war Diego Maradona auf dem Fußballplatz ein Genie, das ist die Grundlage seiner verrückten Geschichte. Wer sich nicht mehr so genau erinnert, möge sich im Gedenken an ihn sofort seine beiden Meisterwerke beim 2:1-Sieg im Viertelfinale der Weltmeisterschaft 1986 gegen England ansehen, es ist glücklicherweise alles im Netz verewigt. Bei seinem zweiten Tor trickste der Argentinier die halbe gegnerische Mannschaft aus, ein Jahrhundertsolo und damals verstanden als eine feine Revanche für die Schlacht um die Falklands alias Malvinas. Und das erste Tor schoss er nicht, er boxte es. "Die Hand Gottes" sei es gewesen, erläuterte der Schelm und erteilte seinem Schwindel damit eine unschlagbare Absolution.

Fortan bewegte sich Maradona zwischen Himmel und Hölle, inmitten irdischer Phänomene wie "Kaiser" Franz Beckenbauer oder "König" Pelé und doch über ihnen. Seine Heiligsprechung schritt weiter voran, als er mit dem SSC Neapel Italien eroberte, vorbei an den Geldschränken aus Mailand, Turin und Rom. Großartige Fußballspieler gab und gibt es immer wieder, gestylte Männer wie den Portugiesen Ronaldo, die niemals zu schwitzen scheinen. Multimillionäre, die nebenbei als Unternehmer Karriere machen. Zum neuen Messias auf dem Feld wurde sein Landsmann Lionel Messi, aber niemand ist wie Diego Armando Maradona, dessen Jünger seine Zaubertore auf Video mit Tango unterlegten und sogar eine Maradona-Kirche erfanden.

Ist es Blasphemie, so über ihn zu reden? Darf man einen Menschen dermaßen überhöhen? Besser nicht, aber es ist fast unvermeidlich, wenn einer ein Spiel, das Milliarden von Menschen lieben, dermaßen geprägt hat. Der Fall Maradona zeigt die faszinierende, manchmal unheimliche und zerstörerische Kraft des Fußballs.

Es gab Zeiten, da war Maradona wahrscheinlich der bekannteste Mensch der Welt. Wie soll das ein einfacher Mensch verkraften? Noch dazu traf die Vergötterung einen Mann aus Argentinien, bekannt als Reich der verschwendeten Möglichkeiten, das sich in all seinen Krisen nach Idolen sehnt und tragische Legenden wie Che Guevara und Evita Perón verehrt. Und vor allem: Der göttlich geniale Fußballer Maradona war so abgründig menschlich. Er endete als Wrack.

Der Ruhm macht die Helden reihenweise kaputt, siehe auch andere abgestürzte Idole wie Helmut Rahn, George Best oder den Brasilianer Garrincha, dabei waren die kaum halb so berühmt wie Maradona. Heutzutage sind die Stars von Beratern umzingelt und medienaffin erzogen. Maradona hingegen kam aus einem Slum und wurde wie der Heiland angebetet, er hatte die falschen Freunde, den falschen Manager, den falschen Lebenswandel. Jenseits der Linien des Fußballfelds zog sich Maradona weißes Pulver in die Nase, dopte, soff und ruinierte sich in einer Weise, wie es, als Land, nicht mal das autodestruktive Argentinien schafft. Doch auch das trug zu seinem Mythos bei. Maradona, der einstige Goldjunge mit der Nummer 10 auf dem Trikot, schlug dem Tod so viele Haken, dass man ihn irgendwann für unsterblich hielt.

Nur werden sogar Unsterbliche eines Tages begraben, leider, selbst Muhammad Ali und Diego Maradona. Wer Sinn für Mystik hat, dem sei noch gesagt, dass Maradona am gleichen Datum wie sein Freund Fidel Castro gestorben ist, beide an einem 25. November. Vergessen wird man Diego Maradona nie, da können noch so viele Talente aus den Fußballschulen kommen. Diego ist tot, Maradonas Kunstwerke bleiben.

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