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Nationalmannschaft:Löw hat endlich verstanden

Leipzig 15 11 2018 Trainer Joachim Löw Deutschland beobachtet Timo Werner Deutschland Deutschla

Joachim Löws Auge ruht auf dem stürmenden Timo Werner beim Spiel gegen Russland.

(Foto: imago/Moritz Müller)

Dass es einen echten Umbruch in seiner Mannschaft braucht, hat der Bundestrainer erst sehr, sehr spät begriffen. Nun treibt er ihn konsequent voran - doch die Ziele für 2018 sind allesamt verpasst.

Vielleicht nochmal kurz zu Sami Khedira, weil man ja nichts mehr von ihm hört. Sami Khedira, Weltmeister, 77 Länderspiele für Deutschland, hat sich gerade wieder von einem Muskelbündelriss erholt, der - je nach Zählung und Definition - der vierte oder fünfte Muskelbündelriss seiner Karriere war. Er spielt wieder für das Spitzenteam Juventus Turin und vor seiner Verletzung war Khedira ein Spiel lang sogar Kapitän und somit quasi der Chef von Cristiano Ronaldo. Das ist als Leistungs- und Autoritätsnachweis nicht so schlecht, aber die Vorstellung, dass Sami Khedira jetzt wieder bei der deutschen Nationalmannschaft der Chef von, sagen wir, Joshua Kimmich wird - diese Vorstellung ist ein bisschen absurd.

Und weil das so ist, ist Joachim Löw immer noch Bundestrainer und wird es auch erst einmal bleiben.

Das bedarf einer Erklärung, denn die Löwsche Bilanz für 2018 ist, nunja, verheerend. Menschen im Ruhrpott würden sagen: "Beschissen wäre noch geprahlt". Löw ist in der WM-Vorrunde an Südkorea gescheitert, er ist in der Nations League Letzter geworden und ist somit offiziell ein Abstiegstrainer. Löw hat in aller Nüchternheit jedes einzelne Ziel im Jahr 2018 nicht nur verpasst, nein, er hat in beiden gespielten Wettbewerben das schlechtest-mögliche Ergebnis eingefahren.

Warum folgt dann nicht seine sofortige Ablösung? Die kurze Antwort: Es ist eine Kombination aus Alternativlosigkeit (Wer soll es sonst machen?) und gesunkener Erwartungshaltung (ein 1:2 gegen Frankreich ist nun unter Umständen okay) und vor allem der späten, man möchte sagen sehr, sehr späten Einsicht des Bundestrainers, dass er nun - in seinen Worten - scho au wirklich etwas ändern muss.

Bei seiner großen Mea-Culpa-Pressekonferenz nach der Weltmeisterschaft in München, auch bekannt als "große WM-Analyse", war Löw zu diesem Umbruch noch nicht bereit. Er hat sich zwar angemessen selbst gegeißelt ("war fast schon arrogant") aber er sprach viel von atmosphärischen und taktischen Dingen und verkündete als großen personellen Schritt, dass einer seiner Co-Trainer nun in die Scouting-Abteilung wechselt.

Damals dachte Löw noch: Das waren besondere Umstände in Russland und das wird schon wieder. Erst nach dem vernichtenden 0:3 gegen die Niederlande hat Löw gemerkt, dass es nicht einfach schon wieder wird und ihn seine alten Weltmeister garantiert nicht mehr bis zur EM 2020 tragen. Und vermutlich war er einer der Letzten, der das begriff. Sogar Joshua Kimmich (23 Jahre) wies ihn zu diesem Zeitpunkt mehr oder weniger unverschlüsselt per kicker-Interview darauf hin, diesen Leroy Sané, den Löw noch vor der WM unehrenhaft aus dem Kader schmiss, doch bitte endlich mal zu bringen ("Wir haben Sanés Qualitäten gesehen. (...) Der Trainer denkt sich was dabei, wen er aufstellt").

Und so begann der Prozess, der Löw nun im Amt hält. Es ist kein lauter Umbruch, so ist Löw nicht, wenn man nicht gerade Kevin Kuranyi oder Max Kruse ist, wirft der Bundestrainer einen nicht raus, was er übrigens auch bei Khedira nicht offiziell getan hat. Er sagt selbst jetzt noch in der ihm eigenen Art, dass die Rückkehr immer möglich ist ("Die Tür isch offe"), aber es ist unübersehbar, dass die Tür sich für diverse Spieler eher Richtung Schloss bewegt. Jérôme Boateng lässt Löw aktuell zuhause mit der Begründung, er brauche eine Pause. Gleichzeitig findet Bayern-Trainer Niko Kovac, dass dieser Boateng fit genug für ein Topspiel gegen Dortmund ist. Bei Thomas Müller spricht Löw mehr und mehr über dessen soziale Fähigkeiten. Und wenn es um das Gerüst der Nationalmannschaft geht, dann erwähnte Löw bei der Bilanz-Pressekonferenz noch die Achse Neuer-Hummels-Boateng-Kroos-Müller - jetzt spricht er von der Achse Neuer-Hummels-Kroos, wobei es nicht ausgeschlossen scheint, dass auch diese Achse nochmal um einen Spieler schrumpft.

Diese Kleinigkeiten im Duktus zeigen: Es ist bei Löw nun ein Plan für die Zukunft zu erkennen. Der letzte Eindruck ist nicht der eines Piloten, der das Flugzeug auf den Boden zusteuert, sondern eines Kapitäns, der die Maschine gerade im richtigen Moment nochmal hochgezogen hat. Der DFB denkt, dass es nun - um im Bild zu bleiben - wieder aufwärts geht. Ursprünglich hatte der Verband geplant, sich von Löw zu trennen, sollte er aus der Nations League absteigen. Nun hofft er, dass Löw beweisen will, dass er seine Lage wirklich verstanden hat.