Löw in Paris Nur die Laterne fehlt

  • Joachim Löw steht als Bundestrainer vor dem Spiel gegen Frankreich unter Druck.
  • Er gibt sich aber auffällig entspannt, eine Strategie, die er auch schon bei der WM in Russland anwendete.
  • Er kündigt Veränderungen in der Startelf an. Manuel Neuer wird aber weiter im Tor stehen.
Von Saskia Aleythe, Paris

Es war ein Montag im Herbst, als auf dem Podium der Pressekonferenz ein Mann vor den Mikrofonen ein bisschen nervös wurde. Es war ein Stadion in Paris, die Journalisten lauschten, da hatte es tatsächlich jemand aus der Riege der internationalen Presse gewagt, für alle hörbar zu fragen: "Wird das Spiel morgen Ihr letztes als Trainer sein?" Die Kollegen raunten und stießen ein paar ungläubige "Ohhohohos" aus. Auf dem Podium saß: Carlo Ancelotti, Trainer des FC Bayern. Entlassen kaum 40 Stunden später, nach einem 0:3 gegen Paris Saint-Germain.

Mit einer deutschen Mannschaft im Herbst in die französische Hauptstadt zu kommen, ist deswegen natürlich noch kein ausgereiftes Trauma. Und Joachim Löw könnte ohnehin darauf verweisen, dass die Parallelen zum Ancelotti-Aus gar nicht so wild seien: Gespielt wurde vor einem Jahr schließlich im Prinzenpark, gut 15 Kilometer vom Stade de France entfernt, und es war auch deutlich kühler als beim jetzigen Spätsommerwetter. Und überhaupt: Ob nun bald ein anderer sein Amt als Bundestrainer übernehmen würde, wurde Löw in Paris nicht gefragt - sondern schon am Samstag in Amsterdam, nach dem 0:3 gegen die Niederlande.

Für den Zustand des deutschen Teams gibt es ja leicht unterschiedliche Interpretationen, so mancher Spieler hatte sich nach der heftigen Erfahrung in Amsterdam ein bisschen zu sehr am fehlenden Torschussglück festgebissen, andere erkannten die tiefergehenden strukturellen Probleme, die es wohl auch geben muss, wenn man erst ein historisches Vorrunden-Aus als Weltmeister von 2014 erlebt und dann fast nahtlos die nächsten Niederlagen kassiert. Was macht also die Kritik mit Ihnen, Herr Löw? Joachim Löw sagte am Montag in Paris: "Wenn das alles ist, halte ich es aus." Und dann schmunzelte er.

Tatsächlich erlebte man an diesem Nachmittag einen auffällig entspannten Bundestrainer. Er lächelte, er lehnte sich zwischen den Fragen lässig in seinem Stuhl zurück. Angespannt? Er doch nicht! "Kritik muss man annehmen, logischerweise, das ist auch klar", sagte er, "aber damit kann ich gut umgehen, das kann ich gut ausblenden zwischen den Spielen." In einem persönlichen Gespräch mit DFB-Boss Reinhard Grindel sei ihm das Vertrauen ausgesprochen worden. Aber das Allerwichtigste sei nun das Spiel gegen Frankreich, betonte er, nicht die Diskussionen um sein Amt. Es geht schließlich darum, nicht in die Zweitklassigkeit in der Nations League abzurutschen. Und weil er nun in Paris gerade so gut drauf war, schäkerte er auch noch mit dem Dolmetscher, nach seiner Antwort sagte er zu ihm: "Das müssen Sie nicht übersetzen, das ist nur für die Deutschen interessant."

Mit der Lässigkeit ist das ja so eine Sache bei Löw: Beim Turnier in Russland wurde sie ihm übel ausgelegt, stand sie doch für ein Kennzeichnen der Arroganz, mit der sich die deutsche Mannschaft selbst eingelullt hatte und gar nicht in die Verlegenheit kam, Chancen nicht zu verwerten - es gab schlicht fast keine. Allerdings kam diese Pariser Herbst-Lässigkeit nun anders daher, eher wie ein Versuch, die nervöse Meute namens Öffentlichkeit zu beruhigen. Das Auseinanderbrechen des DFB-Teams in der Endphase gegen Holland haben sie akribisch aufgearbeitet, das beteuerten sowohl Löw als auch Torwart Manuel Neuer, der dem Eindruck entgegenwirken wollte, die deutsche Mannschaft sei in mehrere Lager gespalten. "Ich denke, dass wir einen sehr guten Zusammenhalt haben, dass wir viel darüber sprechen", womit er die Partie gegen die Niederlande meinte, "nicht nur in der Analyse, sondern auch ganz normal, wenn wir über den Flur gehen und am Tisch sitzen."

In Sotschi lehnte Joachim Löw auf der Strandpromenade an einer Laterne.

(Foto: dpa)

Und auf diesen Fluren und an jenen Tischen hatte sich wohl auch Löw einen neuen Plan zurechtgelegt, das wollte er zumindest vor dem Spiel gegen Frankreich verkörpern. "Zwei drei wichtige Punkte müssen wir verändern, ich glaube wir haben die Lehren aus dem Spiel gezogen", sagte Löw und wollte wenig Konkretes verraten, "es ist klar, dass es da die eine oder andere taktische und personelle Änderung geben muss." Man wolle mutig und mit Dynamik nach vorne spielen, "auch wenn wir auswärts in Frankreich spielen".

Süle rückt wohl für Boateng in die Startelf

Zur Aufstellung gab er nur eine Sache bekannt: Neuer werde erneut im Tor stehen, trotz Patzer gegen Holland, in der Offensive könnte er sich zudem für Leroy Sané entscheiden, der etwas Anarchie mitbringt. Als die Trainingseinheit im Stade de France begann, nahm sich Löw dann noch Niklas Süle kurz zur Seite, gab ihm ein paar Worte und Klapser auf den Rücken mit, bevor er zum nächsten Ball trabte. Er wird wohl für den verletzten Jérôme Boateng in die Startelf rücken.

Nach einem warmen Montag folgten auch am Dienstag noch reichlich Sonnenstunden in Paris, was für das Wohlbefinden des Bundestrainers nicht das Schlechteste sein dürfte. Wärme mag er ja, seine Genießerpose aus dem Badeort Sotschi, an eine Laterne gelehnt, ist wohl zum berühmtesten Foto von ihm in diesem Sommer geworden. In Sotschi hat die deutsche Elf das einzige Erfolgserlebnis der WM gefeiert, mit dem 2:1 gegen Schweden. Ein, zwei Tore wären ja mal ein Anfang.

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