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Lewis Hamilton:Eine Geschichte über Größe

Lewis Hamilton

"Einige von Euch sind die größten Stars und bleiben noch still mitten in dieser Ungerechtigkeit" - Lewis Hamilton ermahnt die Formel 1.

(Foto: David Davies/dpa)

Ausgerechnet im glattgebügelten Konzernumfeld der Formel 1 ist einer der politischsten Weltsportler herangereift: Lewis Hamilton. Nun mobilisiert der schwarze Weltmeister seine sehr weiße Branche im Kampf gegen Rassismus.

Drei Monate ist es jetzt her, als Lewis Hamilton schon einmal seine Stimme erhob, so laut und klagend wie in dieser Woche. Als er klar erkannte, dass er die Dinge verändern kann, wenn er die Bühne nutzt, die ihm gegeben ist als der politische Rennfahrer, der er ist.

Es waren noch andere Zeiten, damals, vor einem Vierteljahr. Nicht alle Menschen trugen jenseits ihrer Haustür Gesichtsmasken, es war noch nicht die Rede von einer aus der Statistik entliehenen Kurve, die abgeflacht werden sollte, den Begriff des Social Distancing kannten allenfalls Epidemiologen und Historiker. Und vier Rennfahrer saßen auf einem Sofa in Melbourne, in einem Raum ohne Fenster. Ihr Abstand? Nicht ein Meter fünfzig. Kuschelig, eher Schulter an Schulter.

Draußen im Albert Park schien die Sonne, Mitte März, im australischen Spätsommer. Und weil es erst der Donnerstag vor dem geplanten Formel-1-Rennen am Sonntag war, liefen nun vor allem Schulkinder über die Wiese neben dem Fahrerlager, noch nicht die harten Jungs, die Petrol Heads, die frühestens am Freitag kommen, wenn die Motoren wummern.

Manchmal erkennt man die Schieflage der Dinge daran, wie sehr sich die Menschen mit dem Arrangement von Kleinigkeiten mühen, Normalität vorzugaukeln. An jenem Tag waren es die Steriliumspender, die die Veranstalter überall auf der Wiese verteilt hatten und um die die Schulklassen nun desinteressiert, aber nicht desinfiziert rechts und links herumliefen wie eine Herde Antilopen um einen Felsen.

Hamilton prangerte den geplanten Saisonstart an

Das Virus Sars-CoV-2 hatte längst den Planeten erfasst, die USA hatten ihre Grenzen soeben dicht gemacht für Passagiere aus Europa, die Basketball-Liga NBA hatte ihren Betrieb eingestellt. Aber hier, in Australien, wo die Formel 1 ihre Wettfahrten aufnehmen wollte, als ließe sich die Gefahr von den Fingern waschen, fehlte das Bewusstsein für den größeren Zusammenhang. Nur bei Lewis Hamilton nicht. Er lehnte ruhig auf der Couch. Und als er vom Moderator gefragt wurde, wie es sich anfühle, in Australien zu sein, da sagte er: "Ich bin sehr, sehr überrascht, dass wir hier sind. Ich bin schockiert, dass wir hier alle in einem Raum sitzen."

Neben ihm saß der Rennfahrer Sebastian Vettel. Er sah es plötzlich auch ein bisschen so wie Hamilton. Und schon nahm eine hitzige Debatte über Sinn oder Wahnsinn des anstehenden Rennens ihren Lauf.

In der folgenden Nacht wurde die Sause abgesagt, nachdem bekannt geworden war, dass ein Mitarbeiter von McLaren das Virus aus England mitgebracht hatte. Aber eine Frage stellt sich noch heute: Welchen Ausgang hätte die ohnehin knappe Abstimmung der Teamchefs zum Abbruch des Rennens genommen, hätte sich Hamilton nicht schon vorher zum moralischen Klassensprecher aufgeschwungen?

"Cash is King", sagte er noch auf die Frage, welches Argument überhaupt vorstellbar sei für das Festhalten am Saisonstart der Veranstalter in Melbourne. Geld regiere die Welt. Auch damit lag er vermutlich richtig, zumal er mit einem kolportierten Jahresgehalt von 50 Millionen Dollar genau wusste, wovon er sprach.

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