Bundesliga:Leipzig verfehlt die angepeilte Reisehöhe

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Bundesliga - RB Leipzig v Bayer Leverkusen

Christopher Nkunku ist noch einer der besseren dieser wechselhaften Leipziger Saison.

(Foto: ANNEGRET HILSE/REUTERS)

Mal schlecht, mal gut, mal schlecht - die Saison von RB verläuft konstant inkonstant. Dafür gibt es einige Gründe, manches hat auch mit Trainer Marsch zu tun. Die Bilanz in der Liga ist nach dem 1:3 gegen Leverkusen jedenfalls so mau wie noch nie.

Von Javier Cáceres, Leipzig

Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass an diesem Sonntagabend für RB Leipzig gegen Bayer Leverkusen nichts mehr drin war, so kam er in der 88. Minute. Der Videoschiedsrichter hatte noch einen Handelfmeter für Leipzig ermöglicht, Dominik Szoboszlai trat an, ein Spieler mit ausgewiesen feinem Fuß. Doch der Ungar setzte den Ball an den Pfosten. Das bedeutete, dass das Ergebnis von 1:3 (0:2) unverändert blieb, und dass der Vorjahreszweite Leipzig auf Tabellenplatz acht zurückfiel. Drittens war es die Schlusspointe eines Spiels, das nur vier Tage nach dem starken 5:0 in der Champions League in Brügge womöglich sinnbildlicher für diese Leipziger Gänseblümchen-Saison stand, als man im ersten Moment meinen konnte.

Was Leipzig fehlt? Konstanz in den Leistungen

"Ich kann es schwer erklären, dass wir einmal 'ne gute Leistung zeigen, dann wieder 'ne schlechte, dann wieder 'ne gute Leistung ...", sagte Mittelfeld-Kämpfer Konrad Laimer, als zupfte er beim Rückblick auf die bisherige Saison ein Blütenblättchen nach dem anderen ab. Und weiter: "Das geht einem langsam auf den Zeiger, sag' ich mal. Wir sollten langsam mal anfangen, eine gewisse Konstanz reinzubringen." Womit der Österreicher natürlich konstante Erfolge forderte. Denn konstant ist RB ja schon, nur eben: konstant inkonstant.

Erst ein einziges Mal gab es in dieser Saison für Leipzig zwei Pflichtspielsiege nacheinander - als man nach einem Halbzeitrückstand gegen den Minusrekord-Tabellenletzten Greuther Fürth die Partie noch drehte (4:1) und danach im Pokal in Babelsberg ein zähes 1:0 schaffte. Ansonsten erreichte RB nach keinem Erfolgserlebnis die angepeilte Reiseflughöhe - so auch jetzt nicht nach dem Kantersieg in Belgien, der zumindest die Aussicht auf ein Weiterspielen in der Europa League wahrte.

"Die Leistung, die wir in Brügge gezeigt haben, konnten wir heute nicht zeigen, das ist definitiv so", sagte Co-Trainer Achim Beierlorzer, der am Sonntagabend erneut seinen Corona-infizierten Chef Jesse Marsch vertrat. Leipzigs große Hoffnung, Leverkusen mit einem Sieg zu überholen und auf den bedeutungsvollen vierten Platz zu springen, fiel in sich zusammen.

Die ewige Frage, ob der "Spirit" gefehlt habe, lief diesmal ins Leere. Mehrere Indikatoren belegten, dass es den Leipzigern nicht an den Grundtugenden gemangelt hatte: Sie waren in puncto Laufleistung ebenbürtig (115,8:115,5 Kilometer) und hatten leichte Vorteile bei der Zweikampfquote (51:49 Prozent) - in dieser Statistik-Disziplin sind sie sogar das bisher beste Team dieser Bundesligasaison.

Leverkusen spielt durchdachter als RB

Doch fußballerisch überlegen, strukturierter und durchdachter traten in der geisterleeren Leipziger Arena die Leverkusener auf. Ihre Tore durch Wirtz (21.), Diaby (34.) und Frimpong (64.) fielen quasi zwangsläufig, weil sie bei nahezu jedem Angriff bis in die Küche der Leipziger vordrangen und noch mehr Treffer hätten erzielen können. Leipzigs defensive Unordnung resultierte letztlich auch aus einem intensiven, aber nicht sauber orchestrierten RB-Pressing.

Beierlorzer wiederum begründete die Probleme auch mit der Stärke des Gegners. Er gab zu bedenken, dass Leverkusen wegen der atemberaubenden Schnelligkeit seiner Angreifer eine der besten Kontermannschaften der Liga ist, die von ihrem neuen Coach Gerardo Seoane zudem eine deutliche Partitur an die Hand bekommen und in dieser Saison bereits 13 Umschalt-Tore erzielt hat.

Doch auch bei Leipzig passierte am Sonntag Bemerkenswertes: Mitte der zweiten Halbzeit wurden Kevin Kampl und Konrad Laimer, die beiden zentralen Mittelfeldspieler und damit das Herzstück des eigenen Spiels, vom Platz geholt. Beierlorzer verwies darauf, man habe unter der Woche ein schweres Spiel gehabt und "frische Beine" bringen wollen. Dennoch überraschte die Aussage, zumal Leverkusen nach dem Europa-League-Einsatz vom Donnerstag sogar einen Tag weniger Pause hatte. Denn bei Leipzig darf eine englische Woche eigentlich kein Argument sein, weil der von Marsch seit seinem Amtsantritt im Sommer forcierte Pressing-Stil auf einer über jeden Zweifel erhabenen physischen Vorbereitung beruhen muss.

Der US-Trainer hat sich auf die Fahnen geschrieben, den von Vorgänger Julian Nagelsmann installierten, stärker an Kontrolle und Ballbesitz orientierten Fußball-Ansatz zu überarbeiten. Nagelsmanns Kalligrafie ist inzwischen wirklich nicht mehr zu erkennen, aber die neue Handschrift ist noch nicht zu entziffern. Marsch trägt deshalb bisher schwer am Erbe seines renommierten Vorgängers. Der Druck, der auf ihm lastet, lässt nicht nach.

Erstaunlich war auch, dass Stürmer Bryan Brobbey nach nur 43 Minuten ausgewechselt wurde - was vielleicht kein Exempel am schwächsten Glied der Kette sein sollte, aber doch danach aussah. Brobbey ist 19 Jahre alt. "Es ist hart, aber wenn ein Trainer das Gefühl hat, er müsste reagieren, dann ist das halt so. Dann muss der Spieler das akzeptieren", sagte Beierlorzer: "Bryan hat in Brügge toll gespielt, nächste Situation, und wir haben Union vor der Brust. Weiter geht's, das ist die Devise".

Nur: Wie es weitergeht, das ist auch nach diesem 1:3 die Frage. Auf Bitten der Mannschaft hatte Marsch zuletzt bereits seine Kommunikation angepasst. Er spricht zwar sehr gut Deutsch, aber auf Englisch kann er sich noch präziser und besser ausdrücken, darum wendet er in der Kabine nun wieder seine Muttersprache an. Mit den Fakten kann Marsch jedenfalls nicht zufrieden sein:. Mit 18 Punkten aus 13 Spielen steht Leipzig so schlecht da wie noch nie in der Liga.

Die Champions-League-Plätze sind noch nicht außer Reichweite, aber sie zu verfehlen, wäre nicht nur ein sportlicher und wirtschaftlicher Rückschlag, sondern das würde auch die Vereinspolitik berühren. Leipzig war und ist gerne ein Standort, an dem junge Talente den nächsten Karriereschritt gehen sollen. Doch dass sich in der laufenden Saison irgendein Spieler weiterentwickelt, darauf wartet man bislang vergebens.

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