Leichtathletin Shanice Craft Weltmeisterin, nur aus Versehen

Als erste Werferin gewinnt Shanice Craft bei der U-20-WM zwei Medaillen in unterschiedlichen Disziplinen. Im Diskuswerfen liefert sich die Deutsche schon seit Jahren Duelle mit der Konkurrenz - schockiert hat sie in Barcelona aber vor allem die Kugelstoßerinnen.

Von Saskia Aleythe

Kugelstoßen ist für Shanice Craft eigentlich nur ein Hobby. Einmal pro Woche nimmt sie die Kugel in die Hand, wenn überhaupt. Bei der U2-0-Weltmeisterschaft in Barcelona tritt die 19-Jährige trotzdem als einzige Deutsche in den Ring, stemmt das Wurfgerät kurz in die Höhe. Dann legt sie es in die Kuhle zwischen Kopf und Nacken, holt Schwung und presst das Geschoss nach einer rasanten Drehung von sich. Es ist ihr erster Versuch, 17,15 Meter weit. Der Stoß reicht für Shanice Craft, um Weltmeisterin zu werden. Einfach so.

Gleich doppelt erfolgreich: Shanice Craft.

(Foto: Getty Images)

"Ich war sprachlos, weil ich es nicht glauben konnte", sagt Craft kurz darauf über ihren Blick zur Anzeigentafel. Noch in der Vorwoche hatte ein Virus ihr Trainingspensum eingeschränkt, sie musste Antibiotika nehmen. Erst kurzfristig fiel die Entscheidung, im Kugelstoßen an den Start zu gehen. "Das Kugelstoßen läuft nur nebenher", sagt Craft, "deswegen freue ich mich umso mehr, dass ich hier die Spezialisten geschlagen habe."

Die Spezialisten waren vom Stoß der 1,85 Meter großen Athletin sichtlich geschockt. Als Topfavoritin hatte sich die Chinesin Yang Gao Hoffnungen auf den Titel gemacht, erst im April erzielte sie mit 17,07 Metern eine neue persönliche Bestleistung. Craft kam mit einer Bestweite von 15,67 Metern nach Barcelona. Der Chinesin blieb mit mehr als einem halben Meter Rückstand auf Craft aber nur die Silbermedaille. Geschlagen von einer Frau, deren Paradedisziplin eigentlich das Diskuswerfen ist.

Der Diskuswettbewerb folgte wenige Tage später. Im Diskus wolle sie eine Medaille holen, hatte Craft vor der WM gesagt. Die Qualifikation gewann Craft mit einem Wurf auf 55,75 Meter, knapp vor ihrer ewigen Konkurrentin Anna Rüh, die die Weltjahresbestenliste der Juniorinnen mit 63,14 Metern anführt. Würde Craft auch im Diskuswerfen den Titel holen?

Zwei Medaillen in zwei Disziplinen

Es war zunächst die Amerikanerin Shelbi Vaughan, die das Feld anführte, sie warf sich im vierten Versuch an die Spitze. Erst im letzten Durchgang wurde sie von Rüh und Craft noch übertrumpft - mit Rüh als Siegerin. Die Neubrandenburgerin warf mit 62,38 Meter fast zwei Meter weiter als Craft. "Doppelweltmeisterin" kann sich Craft also nicht nennen, bei der U-20-WM hat sie dennoch Historisches erreicht: Noch nie konnte in dem seit 1986 ausgetragenem Wettbewerb eine Werferin in zwei Disziplinen Medaillen gewinnen.

Rüh und Craft, das ist eine lange Geschichte der Rivalität, eine positive, wie beide betonen. "Ich brauche die Herausforderung, um richtig gut zu sein und mag die Duelle mit Anna", sagt Craft. Noch im vergangenen Jahr hatte sie bei der U-20-WM auf dem Treppchen ganz oben gestanden, dennoch ist es Rüh, die bisher die konstanteren Leistungen zeigte. Sie wird von Dieter Kollark trainiert, der einst Franka Dietzsch zu drei WM-Titeln führte.

"Ich bin ja noch jung"

Im Mai schaffte Rüh die Olympia-Norm von 62 Metern, bei den deutschen Meisterschaften Mitte Juni gelang das auch Craft und so wurde der Wettbewerb überraschend zu einem Zweikampf um das Olympia-Ticket. Hinter Nadine Müller und Julia Fischer auf den vorderen Rängen ging es für Rüh und Craft um den dritten Platz, der noch für eine Olympia-Nominierung berechtigen würde. Erst im letzten Durchgang zog Rüh an Craft vorbei. Sie fährt nun zu Olympia.

"Ich bin ja noch jung und kann viel erreichen", sagte Craft, "und ehrlich gesagt finde ich Rio de Janeiro sowieso viel spannender als London." In Brasilien finden 2016 die nächsten Olympischen Spiele statt.