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WM in Katar:Die Leichtathletik steckt im ewigen Zwiespalt fest

Nur Marita Koch (DDR) und Jarmila Kratochvílová (Tschechien) liefen über 400 Meter schneller als Salwa Eid Nasser aus Bahrain.

(Foto: AP)

Auch bei dieser WM lieferten Athleten an manchen Abenden ein Gewitter an Fabelleistungen - doch das Anti-Doping-System ist viel zu störanfällig. Man kann niemandem trauen.

Kommentar von Johannes Knuth

Nun steht also endlich fest, was man von den Leichtathletik-Weltmeisterschaften halten darf, die gerade in Doha zu Ende gegangen sind. Es waren "die qualitativ hochwertigsten aller Zeiten", wie der Weltverbands-Präsident Sebastian Coe in einer Mitteilung verkündete. Auch die Bedingungen fand Coe "unübertroffen" - wobei er in seinem Wort zum Sonntag zufällig die Langstreckenwettbewerbe vergaß, die nachts im Ambiente eines Dampfbades stattfanden. Aber das bisschen Hitze muss einem ja nicht die Bilanz verhageln. "Organisatorisch ist alles wunderbar gelaufen", assistierte Jürgen Kessing, der Präsident des deutschen Verbandes; er sei in Doha auch immer wieder angenehm überrascht worden. Wenn er nur sehe, "wie die Kataris stolz sind, dass sie deutsche Produkte haben, von den Autos bis zu Aufzügen und Sanitäranlagen - da gibt es exzellente Verbindungen, die man weiter pflegen kann". Wäre das auch geklärt.

In einer Sache hatte Coe freilich recht: An manchen Abenden zog ein Gewitter an Fabelleistungen auf, das einem die Sinne betäubte. So gut waren viele Darbietungen, dass die neuen Gesichter des Sports schon wieder in den alten Zwiespalt rutschten. Man kann niemanden ohne einen aktenkundigen Positivtest überführen. Man kann aber auch niemandem blind trauen, der sich dopingumwitterten Trainingsnestern anschließt oder Fabelrekorde aus den Hochzeiten des Turinabol-Konsums ins Wackeln bringt, wie über 400 Meter der Frauen. Dafür sind die Anti-Doping-Radare der Verbände noch immer zu störanfällig.

Der Weltverband hat seine Ermittlungsarbeiten seit zwei Jahren an eine Integritätseinheit ausgelagert, die Athletics Integrity Unit. Sie hat in dieser Zeit mehr als 600 Dopingfälle verhandelt, weltweit, darunter waren und sind Dutzende Hochleister. Das ist verdienstvoll, und doch mündet das bestenfalls in Fangquoten einstelligen Prozentbereich. Und die Realität? Eine anonymisierte Studie aus Lausanne befand zuletzt, dass bei den Weltmeisterschaften 2011 und 2013 allein 18 Prozent der Teilnehmer Blutdoping betrieben hatten. Eine andere Forschungsgruppe hatte für 2011 eine Doping-Gesamtquote von mindestens 30 Prozent errechnet. Das ZDF berichtete vor der WM über anhaltenden Chemiebetrug in Kenia, die ARD über dubiose Vorgänge in Marokko. Bei den Amerikanern, mit 29 Medaillen der mit Abstand erfolgreichste Verband in Doha, spurteten einst gesperrte Veteranen (Justin Gatlin, Michael Rodgers) neben Christian Coleman, 23. Der neue 100-Meter-Weltmeister war einer Sperre vor der WM nach drei verpassten Tests gerade noch entkommen.

Der Weltverband hat in Doha wieder Athleten nachträglich geehrt, die nach positiven Nachtests der Konkurrenz im Medaillenranking aufgerückt waren. Die polnische Hammerwerferin Anita Wlodarczyk erhielt zum WM-Start ihre Goldmedaille, die sie im Grunde schon 2013 gewonnen hatte. Als sie im Stadion die Hymne spielten, um den süßen Moment ein wenig nachzustellen, waren die Ränge fast leer. Was wohl vom Bildergewitter von Doha in sechs Jahren noch übrig ist?

© SZ vom 08.10.2019/schm
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