Doping in der Leichtathletik:Nur möglich bei nicht kastriertem Eber mit Hodenhochstand

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Shelby Houlihan

Da ziemlich wahrscheinlich frei von Wildschweinfleisch: Shelby Houlihan bei den US-Meisterschaften 2019.

(Foto: Charlie Neibergall/AP)

Die Vier-Jahres-Sperre gegen die Läuferin Shelby Houlihan bleibt bestehen. Ihr Erklärungsversuch bekommt wohl einen Platz im Kabinett der kuriosen Doping-Ausreden.

Von Johannes Knuth

Doch, doch, einen Funken an Ehre haben die Sportrichter der amerikanischen Mittelstrecken-Rekordhalterin Shelby Houlihan, 28, schon noch gelassen. Sie schließen nicht gänzlich aus, dass Houlihans Version stimmen könnte, wonach der Dopingstoff Nandrolon in ihren Körper gelangt sei, weil sie eine Weizentortilla mit kontaminiertem Fleisch gegessen habe. Das geht aus der Urteilsbegründung hervor, die der Internationale Sportgerichtshof Cas nun veröffentlicht hat.

Es gibt da nur einen klitzekleinen Haken. Der Imbissstand in Portland hätte der Läuferin irrtümlicherweise Schweinefleisch servieren müssen, obwohl Houlihan Rindfleisch geordert hatte. Ach so, und dabei hätte es sich nicht um irgendein Schweinefleisch handeln dürfen, sondern um Wildschwein. Also auch nicht um irgendein Wildschwein, sondern um das eines nicht kastrierten Ebers. Das wiederum gelange in den USA dann doch eher selten in den Lebensmittelkreislauf, mit einer Chance von 1 zu 10 000, sagte ein Sachverständiger im Prozess. Denn dafür müssten die Prüfer an ihren vielen Prüfstellen die nun doch, nun ja, recht voluminösen Hoden des fraglichen Tieres übersehen. Wobei der fragliche Essensstand, von dem Houlihan ihre Tortilla geordert hatte, sein Fleisch offenkundig von einer Farm bestellt, die gar kein Wildschwein verarbeitet.

Die Chance, dass Houlihans Version stimme, bewege sich "sehr nahe Richtung Null", folgern die Richter

Selbst wenn durch Zufall doch kontaminiertes Wildschwein seinen Weg in Houlihans Mahl gefunden hätte, so hätte dieses, folgerte das Cas-Panel scharfsinnig, von einem nicht kastrierten Eber mit Hodenhochstand stammen müssen, der durch die Kontrollen schlüpfte. Ach ja, und der Androgenspiegel dieses Ebers hätte auch noch erhöht sein müssen, was bei sechs Monate alten, nicht kastrierten Ebern mit Hodenhochstand dann doch eher unwahrscheinlich sei. Selbst wenn Houlihan so viel Glück (oder Pech) gehabt hätte, solch ein Exemplar in ihrem Burrito-Mahl zu erwischen - die Nandrolonwerte in ihren Dopingproben waren laut Cas zwei bis drei Mal höher als nahezu alle Werte, die in der langen Geschichte der Menschheit nach Verzehr von nicht kastrierten Ebern protokolliert wurden. Leider unerwähnt bleibt in der peniblen, 44-seitigen Auflistung des Panels, ob diese Aufzeichnungen bis zu den Wildschweingelagen von Asterix und Obelix zurückreichen.

Die Chance, dass Houlihans Version stimme, folgerten die Sportrichter, sei somit gegeben, sei aber "improbable", was man sowohl mit "unwahrscheinlich" als auch "absurd" übersetz. Die Jury überzeugte auch nicht, dass weder Houlihan noch ihr Trainer Jerry Schumacher vom prestigeträchtigen Bowerman Track Club je von der Substanz Nandrolon gehört haben wollen. Ebenso wenig, dass die Athletin eine Haarprobe sowie einen Test am Lügendetektor nachreichte und diverse Zeugen ihren tadellosen Charakter rühmten. Und auch nicht, dass Houlihan beteuerte, immer auf natürliche Weise gewinnen zu wollen, weshalb sie vor zwei Jahren bei der WM in Doha, als sie Vierte über 1500 Meter wurde, nicht einmal die neuen, angeblichen Wunderspikes ihres Ausrüsters trug.

Was ist das nun: Ein tragischer Zufall? Dreistigkeit? Sabotage? In jedem Fall zieht es eine vierjährige Sperre nach sich. Und vermutlich einen Ehrenplatz im Kabinett der kuriosen Doping-Ausreden.

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