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Skilanglauf:Ein Ausraster, der nachhallt

Langlauf: Alexander Bolschunow attackiert seinen Kontrahent Joni Mäki

Mit Stock und Körper: Alexander Bolschunow attackiert Kontrahent Joni Mäki

(Foto: Jussi Nukari/Lehtikuva/imago)

Die Langlauf-Szene ist entsetzt über die Attacke von Alexander Bolschunow gegen seinen finnischen Gegner. Der Vorfall legt die Gräben zwischen dem russischen Sport und der restlichen Konkurrenz offen.

Von Volker Kreisl

"Bye-bye" hatte Joni Mäki noch Alexander Bolschunow zugerufen. Der finnische Langläufer war sich in der Senke vor dem Ziel sicher. Er hatte die besseren Skier unter den Füßen, und er konnte sich auf seine Stärke im Sprint verlassen. Mäki, 26 Jahre alt, zählt zwar nicht zur engeren Weltspitze, aber explosiv antreten kann er schon, und Erfahrung hat er auch. Nur, das Wiedersehen mit Bolschunow kam dann eher als geplant. Und es wurde ziemlich ungemütlich.

Provokationen, Rempeleien, auch Zweikampfszenen hat es im Langlauf auf der Zielgeraden schon immer gegeben, aber die Aktion von Bolschunow gegen Sprintgegner Mäki überbot das Bisherige bei Weitem. Und weil Bolschunow dabei eindeutig den Part des Aggressors innehatte, entschloss er sich nach gut 24 Stunden doch zu einer Entschuldigung. Ziemlich förmlich zwar, per schriftlicher Verbandsmitteilung, aber immerhin. Fraglich ist dennoch, ob Mäki jetzt von seiner Meinung über Bolschunow abrückt, die er laut der schwedischen Zeitung Aftonbladet so formulierte: "Hinter seiner Stirn muss etwas gehörig schieflaufen."

Von dem Bodycheck ging der Finne zu Boden und trug eine Handverletzung davon

Der Zielsprint um Platz zwei in der Staffel der Männer beim Weltcup in Lahti hatte tatsächlich nach Mäkis Gruß in der Senke so richtig Fahrt aufgenommen. Mäki rutschte wie erhofft zunächst davon, aber nach dem folgenden Anstieg hing Bolschunow wieder an seinen Fersen, und dann ging es schon linksherum Richtung Ziel, auf die Gerade. Mäki schuftete, Bolschunow aber wirkte stärker. Dann wechselte der Finne in die Außenspur und bremste dabei den Russen aus, laut Beurteilung von Rennleiter Pierre Mignerey war es aber gerade noch zulässig: "Er war vorne und konnte seine Spur frei wählen." Bolschunow sah das wohl anders. Jedenfalls holte er zu einem Faustschlag aus, der aber Mäki verfehlte, genauso wie der nachschwingende Skistock. Auf dem Weg ins Ziel dann sah der Russe offenbar Rot, er raste in voller Fahrt auf den schon ausschnaufenden Mäki zu und versetzte ihm einen Bodycheck, von dem der Finne zu Boden ging und eine leichte Handverletzung davontrug.

Ein Sportler wird provoziert, vergisst sich und lässt sich zu einer Attacke hinreißen, das kommt vor. Doch die Rammfahrt von Lahti könnte noch länger das Klima im Langlauf belasten. Die Sache hätte ja schlimmer ausgehen können, mit einer schwereren Verletzung. Bolschunow ist zwar erst 24 Jahre alt, hat aber Erfahrung. Er ist nicht irgendein sehr guter Langläufer, sondern der beste in diesen Tagen. Er hat den Gesamtweltcup 2020 gewonnen und er führt auch 2021. Er wird sich noch lange auf Zielgeraden messen und sollte eigentlich ein Vorbild sein.

Doch Bolschunow zeigte zunächst keine Einsicht, stattdessen verwiesen seine Verbandskollegen auf Mäkis grenzwertigen Spurwechsel, als könne dieser eine solche Attacke auch nur annähernd rechtfertigen. "Die Finnen sollten auch bestraft werden", sagte Trainer Jegor Sorin. Und Russlands Verbandspräsidentin Jelena Välbe versuchte, die Sache herunterzuspielen. Dem Langlauf-Portal xc-ski.com sagte sie: Ja, Sascha hätte nicht mit den Stöcken herumschlagen sollen, aber: "Er hat ihn nicht getroffen, das Ganze wurde hochgepusht." Im Übrigen sei Bolschunow eine ruhige Person, "es muss schon viel passieren, damit er ausbricht".

Der Großteil der restlichen Langlaufwelt jedoch blieb entsetzt und billigte auch die Disqualifikation der ersten russischen Staffel. Norwegens Trainer Eirik Myhr Nossum erklärte im Sender NRK: "Das war weit über die Grenze, eher wie beim Boxkampf von Connor McGregor gestern Abend." Mäkis Staffelkollege Perttu Hyvärinen verwies darauf, dass dies nicht Eishockey sei, sondern Langlauf, wo man nur eine dünne zweite Haut anhabe: "Da kann man sich schlimm verletzen."

So eindeutig ist dieser Fall, so klar das Verletzungsrisiko, dass nach dieser und vielleicht weiteren Sanktionen sonstige Diskussionen überflüssig wären, hätte nicht Verbandschefin Välbe selbst noch einmal ganz weit ausgeholt. Die dreimalige Langlauf-Olympiasiegerin sagte: "Ich weiß, wir sind überall und an allem schuld." Passiere eine solche Situation, "dann werden immer wir bestraft und nicht die anderen". Auch Staffelläufer Jewgeni Below erklärte nun in Lahti: "Immer wieder gibt es Situationen, in denen nur wir Russen bestraft werden und nicht die anderen."

Dies ist zwar ein übertriebener Vorwurf, zumal anlässlich einer eindeutigen, per Fernsehen dokumentierten Ziel-Karambolage, und doch - ein bisschen Wahrheit steckt in der Klage Välbes und Belows. Es wäre jedenfalls keine unnatürliche Reaktion, wenn Langläufer und auch andere Sportler Argwohn gegen die Leistungen der Russen hegen - und auch gegen ihr System. Denn dieses hatte bei den Olympischen Spielen in Sotschi 2014 für einen der größten Dopingskandale des Wintersports gesorgt. Ein Systembetrug, der möglicherweise bis heute noch nachwirkt, und in dessen Folge nur durch lückenlose Aufdeckung aller Vorgänge wieder Vertrauen beim Rest der Konkurrenz entstehen könnte - wonach es aber nicht aussieht.

Im russischen Langlauf jedenfalls stehen bis auf wenige nun die Vertreter einer neuen Generation im Vordergrund. Jewgeni Below war in der Sotschi-Affäre zunächst vom IOC gesperrt worden, der Sportgerichtshof Cas aber sprach ihn dann wegen mangelnder Beweise frei. Belows Nachfolger sind in dieser Saison besser denn je. Ein System wurde aufgebaut mit drei eigenständigen, konkurrierenden Trainingsgruppen, die jeweils von einem eigenen Nationaltrainer betreut werden. Bei der Tour de Ski kamen sie zuletzt in Mannschaftsstärke in die Top Ten. Gerne würden die Gegner weltweit diese außerordentlichen Leistungen wohl anerkennen. Aber so einfach geht das halt nicht.

© SZ/bkl/ska
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