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Radsport:Chats über Dopingmittel

10 06 2016 Criterium Du Dauphine Libere Tappa 05 La Ravoire Vaujany 2016 Wanty Groupe Gobert

Radprofi Björn Thurau beim Critérium Du Dauphiné im Jahr 2016. Vor zwei Jahren beendete er seine Karriere.

(Foto: Sirotti/Imago)

Im Dunstkreis des Erfurter Blutdopingringes um den verurteilten Sportarzt Mark Schmidt taucht ein weiterer Protagonist des deutschen Radsports auf: Ex-Profi Björn Thurau, der Sohn von Didi Thurau.

Von Johannes Knuth, München

Ein Interview vor acht Jahren, die Karriere des Radprofis Björn Thurau nahm gerade ganz allmählich an Fahrt auf; die Bayern-Rundfahrt stand bevor, der 24-Jährige fuhr für das Team Europcar, eher zweite Radsport-Liga. Aber war das nicht so oder so eine beachtliche Geschichte? Thurau, der Sohn von "Didi", dem "blonden Engel", der mit seiner 15-tägigen Exkursion im Gelben Trikot bei der Tour de France 1977 einen Radsport-Boom in Deutschland losgetreten hatte; später dann gestand, während der Karriere regelmäßig gedopt zu haben - und nun verschrieb sich der Filius demselben Metier. Die Geschichte der Familie Thurau war damals schon länger ein großes Thema, der Sohn am Anfang der Profikarriere will es sauber schaffen, der Vater, der einstige Held, hält das für eine Illusion, was er auch mal mehr, mal weniger offen so sagt.

Der Radsport, beteuerte Björn Thurau damals jedenfalls im Donaukurier, befinde sich auf einem guten Weg, "es gibt viele Kontrollen", er betreibe "eine der saubersten Sportarten". Und die Schatten des Vaters, der belaste ihn gar nicht. In jeder Hinsicht.

Thurau hat seine Karriere vor zwei Jahren beendet, und die bewegte Familiengeschichte könnte nun eine weitere, hochbrisante Wendung nehmen. Die ARD-Dopingredaktion ist einer Fährte nachgegangen, auf die Ermittler im "Aderlass"-Prozess um den Erfurter Mediziner Mark Schmidt gestoßen waren. In dem Verfahren gegen den Arzt in München wurden zuletzt öffentlich Polizeivernehmungen verlesen. Demnach habe Thurau in einem Chat mit einem anderen Radprofi die Lieferung von Dopingmitteln besprochen.

Die Münchner Staatsanwaltschaft hatte bislang stets 23 Blutdoping-Kunden in Schmidts Netzwerk erwähnt, von denen drei namentlich noch nicht bekannt sind. Neben dem einstigen Sprinter Danilo Hondo sollen zwei weitere deutsche Radprofis darunter sein, so die Ankläger. Thurau zählte laut SZ-Informationen aber nicht zum diesem Kreis. Er wäre also, sollte der Verdacht stimmen, ein weiterer Protagonist aus dem deutschen Radsport, der in Schmidts Dunstkreis auftaucht.

Thurau beantwortet eine Anfrage nicht

Die neue Spur führt über die Schweiz. Schmidt, der kürzlich zu vier Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt wurde (und dagegen Revision eingelegt hat), hatte bei den Eidgenossen manchen Kontakt; unter anderem einen Berner Arzt, von dem Schmidt Blutbeutelsets bezogen haben soll und gegen den ein Ermittlungsverfahren läuft. Ein anderer war Pirmin Lang. Der Schweizer war vor allem bei kleineren Straßenradrennen erfolgreich, an der Schwelle zur ersten Radsport-Liga. Die Aargauer Staatsanwaltschaft fand heraus, dass Lang aber nicht nur von Schmidt gedopt wurde, sondern dem Arzt auch Dopingmittel weiterverkaufte, in den Jahren 2012 und 2013. Lang wurde dafür zu 100 Franken Buße verurteilt und zu 500 weiteren auf Bewährung - Athletendoping ist in der Schweiz strafrechtlich nicht verboten, nur der Handel mit verbotenen Substanzen.

Eine der offenen Fragen war, von wem Lang seinen Stoff erhielt. Von Thurau, wie es die Ermittler glauben? Der 32-Jährige lässt SZ-Anfragen unbeantwortet: Ob er, wie es im Münchner Verfahren verlesen worden war, mit Lang über Dopinglieferungen sprach? Ob es sich dabei um Produkte im Wert von 8000 Franken handelte? In welchem Zeitraum, und wofür? Die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) prüft den Fall offenbar, sie dementierte das auf Anfrage der ARD zumindest nicht. Ernst König, der Chef der Schweizer Anti-Doping-Agentur, bestätigte: "Wir haben uns da mit unseren Kollegen von der Nada Deutschland sehr eng ausgetauscht, wir haben die Informationen an die Nada weitergereicht, alles, was wir haben." Und nun?

Thurau sei eher ein Einzelgänger gewesen, findet sein früherer Teamchef

Björn Thurau war schon mit 18 Profi geworden, gleich nach dem Hauptschulabschluss, dem Vater missfiel das sehr, so wie ihm überhaupt sehr viel missfiel. Aber der Sohn hatte nun mal seinen eigenen Kopf, mit 1,93 Metern war er kein ausdauernder Kletterer, eher einer für kleinere Rundfahrten oder Etappen, 2014 gewann er die Bergwertung der Tour de Suisse. Meist aber tingelte er durch Teams der zweiten und dritten Radsport-Liga, vor allem im Herbst der Karriere. Da habe ihn wohl auch ein Vorfall aus dem Jahr 2016 belastet, glaubte Thurau: Er wies damals einen niedrigen Cortisol-Level auf, eine natürliche Schwankung, beteuerte er. Sein belgisches Team, das Mitglied der Bewegung für einen glaubwürdigen Radsport (MPCC) war, belegte ihn trotzdem mit einer Schutzsperre und trennte sich von ihm. "Das hat einem mehr oder weniger zu Unrecht alles verbaut", sagte Thurau damals.

Der größte Fehler aber sei es gewesen, sagte Thurau senior einmal der FAZ, dass der Sohn 2015 das aufstrebende Bora-Team vorzeitig verließ, heute die Heimat des dreimaligen Weltmeisters Peter Sagan und der deutschen Hoffnungen Emanuel Buchmann, Pascal Ackermann und Max Schachmann. Es habe damals nun mal nicht harmoniert, sagte Thurau. Sein damaliger Teamchef Ralph Denk bestätigt das am Telefon: Thurau habe "spektakulär" fahren wollen, das habe aber nicht den taktischen Marschrouten entsprochen. Er sei auch sonst nie "tief drin" in der Mannschaft gewesen, ein Einzelgänger. Ansonsten, sagt Denk, sei er zu keiner Zeit von den Ermittlern der "Aderlass"-Affäre kontaktiert worden.

Die Strafe für Schmidt halte er übrigens für ein "gutes Urteil". Gefängnis, findet Denk, "ist das Einzige, was abschreckt".

Und Thurau? Der arbeitete bis zuletzt unter anderem als Moderator für ein digitales Radsport-Magazin, vor einer Woche stellte er dort noch die neuen Trikots der World-Tour-Teams vor. Zu den jüngsten Vorwürfen nun: Funkstille.

© SZ/aum/klef
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