50 000 Zuschauer in Köln:Vier Tore für das volle Stadion

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Schlussjubel: Trainer Steffen Baumgart (Köln) zieht den Hut vor den Fans 1. FC Köln - Borussia Mönchengladbach 27.11.20

Hut ab: Trainer Steffen Baumgart wird in der Südkurve gefeiert.

(Foto: Moritz Müller/Imago)

In einem wilden rheinischen Derby zwischen Köln und Gladbach gewinnt der FC so hoch wie seit 25 Jahren nicht mehr. Doch Unbehagen bereitet die trotz Corona ausverkaufte Arena - erste Stimmen aus der Politik bereuen die Entscheidung.

Von Milan Pavlovic, Köln

Die Frage ist, wann die Forderung aufkommt, Steffen Baumgart ein Denkmal neben dem Müngersdorfer Stadion zu setzen. Der Trainer des 1. FC Köln wurde am Samstagnachmittag aufgefordert, zur Südkurve zu gehen, um dort von den Fans gefeiert zu werden nach dem wilden, umwerfenden 4:1 (0:0) im rheinischen Derby gegen Borussia Mönchengladbach. Der Rostocker zog seinerseits seine Kappe vor den Anhängern. Kurz danach war er schon wieder sachlich, als er sagte: "Wir freuen uns heute über das Ergebnis. Aber wir wissen, wo wir herkommen", deshalb müsse man auf dem Boden bleiben.

Eines machte ihn allerdings stolz: "Gladbach ist, dabei bleibe ich, eine der besten Mannschaften in Deutschland. Die musst du niederringen - und das haben wir geschafft." Zumal dem 1. FC Köln erstmals seit einem Vierteljahrhundert vier Treffer gegen die Borussia gelangen.

Es war die unerwartete Wendung eines Tages, von dem niemand wusste, wie er sich entwickeln würde. Der Sport stand dabei zunächst im Hintergrund, und auch die Pandemie spielte erst mal eine befremdliche Nebenrolle. Die örtlichen Straßenbahnen wackelten auf ihrem Weg zur Arena im Rhythmus der rumpelnden Gesänge, bekloppte Fans aus dem Gäste-Lager zündeten im Stadion zwei furchterregend laute Böller, und auch sonst saßen und standen die 50 000 Zuschauer eng an eng. Geimpft und genesen zwar, aber auch bei explodierenden Inzidenzen und vollen Intensivstationen. Der gesundheitspolitische Sprecher der CDU in NRW, Peter Preuß, sagte dann auch noch im Deutschlandfunk, die Genehmigung wäre mit dem Wissen von heute nicht mehr erteilt worden. Wobei man sich natürlich fragte, was genau vor ein paar Tagen noch anders war.

Auf den ersten Blick hatte das Aufeinandertreffen der ewigen Rivalen die Züge eines normalen Derbys. Aber spätestens die wiederholten Mahnungen des Stadionsprechers, die Anti-Corona-Masken bitte auch am Platz zu tragen (was oft nicht passierte), erinnerten an die außergewöhnlichen Nebengeräusche dieses 93. Bundesliga-Aufeinandertreffens. Während landesweit die Zuschauerzahlen reduziert wurden, durfte Köln noch einmal mit voller Kapazität empfangen.

Gladbach gegen Köln, so lautete im März 2020 das erste Corona-Geisterspiel

Das verlieh dem Spiel eine kuriose Note: Gladbach gegen Köln, so hieß im März 2020 das erste Corona-Geisterspiel (sieht man einmal von der Tausendschaft unbelehrbarer Gladbacher ab, die außerhalb des Stadions wie ein gigantischer Fanknäuel vor einem geschlossenen Tor sangen). Nun könnte es sein, dass dieses Duell auf unabsehbare Zeit das letzte in der Bundesliga mit vollbesetzten Rängen war. "Ich glaube nicht, dass das passieren wird. Der Fußball hat gute Konzepte" gegen die Corona-Krise, sagte Baumgart - aber womöglich ist er da zu optimistisch. Er fährt ja auch garantiert nicht mit der Bahn zum Stadion, in der es noch enger zugeht als später auf der Tribüne.

GER, 1.FBL. 1. FC Koeln vs. Borussia Moenchengladbach / 27.11.2021, Rheinenergie Stadion, Koeln, GER, 1.FBL. 1. FC Koeln

Viele Menschen, wenige Schutzmasken: Gladbacher Fans in Köln.

(Foto: Nordphoto / Meuter/Imago)

Die Partie drehte die Aufmerksamkeit rasch aufs Sportliche. Der FC startete forsch gegen seinen Angstgegner, gegen den Köln in dem vergangenen zehn Heimspielen nur zweimal hatte gewinnen können. Baumgarts Team war gewohnt gierig bei der Jagd auf zweite Bälle. Die Gladbacher hatten vom Papier her die feineren Füße mitgebracht. Trotzdem wirkten die Kölner ab der 25. Minute nicht nur energischer, sondern auch zielgerichteter. Einen Eckball verlängerte Hector brillant zu Modeste (35.), der aus fünf Metern zum Kopfball kam - Gladbachs Keeper Yann Sommer reagierte ausgezeichnet und lenkte den Ball über das Tor.

Das schien die Gäste wachzurütteln. Bei einem ersten guten Konter kam Patrick Herrmann mit dem Vollspann zum Abschluss, Kölns Ersatztorwart Marvin Schwäbe zeigte eine Glanzparade (42.). Eine Minute später kam Denis Zakaria nach einem Eckball frei zum Schuss, der vom Pfosten abprallte. Waren die Kölner verschreckt? Keinesfalls. Sie kamen wie elektrisiert aus der Kabine. Selbst die verletzungsbedingte Auswechslung ihres Kapitäns Jonas Hector schockte das Team nicht. Nach einer feinen Kombination über den linken Flügel legte Linksverteidiger Benno Schmitz den Ball zurück auf Dejan Ljubicic, der zum 1:0 (55.) traf.

Beide Teams treffen zweimal das Aluminium - Gladbach hat zweimal Pech, Köln zweimal Glück

Wie in der ersten Halbzeit war das genau das, was Gladbach weckte. Zweimal rettete Schwäbe für den FC, einmal der Pfosten (gegen Pléa, 62.), doch als Patrick Hermann zum 1:1 traf (74.), "schien die Partie zu kippen", wie Baumgart und Gästetrainer Adi Hütter fanden. Doch auch jetzt verhöhnte der Spielverlauf alle Erwartungen. Das hatte mit den gewagten offensiven Wechseln zu tun, die Baumgart noch vor dem Ausgleich vorgenommen hatte - und mit Blackouts bei den Borussen.

Die Kölner bekamen von ihrem Angstgegner gleich zwei unerwartete Geschenke: Zunächst spielte der eingewechselte Gladbacher Florian Neuhaus einen grotesken Fehlpass, den sich der eingewechselte Mark Uth angelte. Dessen Flachschuss sprang vom Innenpfosten ins Netz (77.). Nicht einmal 90 Sekunden später legte Gladbachs Innenverteidiger Nico Elvedi ein weiteres Leckerchen in den vorweihnachtlichen Präsentkorb: Er stoppte den Ball am Fünfmeterraum ungewollt für Ondrej Duda, eine Chance, die der Slowake nicht auslassen konnte - mit Dank an Yann Sommer, der den nicht allzu harten Schuss unter seinem Körper durchflutschen ließ.

Und weil eine letzte Pointe fehlte: Sebastian Andersson, eingewechselt natürlich auch er, setzte eine butterweiche Flanke des eingewechselten Louis Schaub mit einem artistischen Kopfball an die Latte, von wo der Ball auf die Linie und dann ins Tor titschte. "Ein 4:1 war das nicht", sagte Steffen Baumgart, um klarzumachen, wie knapp das Spiel lange war. Er hatte Recht. Und lag dennoch völlig daneben.

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