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Zum Tod von Kobe Bryant:Vergewaltigungsvorwürfe - der dunkle Fleck in Bryants Vita

Über Tote nur Gutes, heißt es, doch Kobe Bryant würde dem vermutlich widersprechen. Er hätte wohl kein Problem damit, würde man ihn verbissen nennen, gnadenlos sich selbst und auch Kollegen gegenüber. Einer, der alles dem Erfolg unterordnete - und dabei, vor allem für seine eigene Genugtuung, der Hauptverantwortliche für diesen Erfolg sein wollte. Er vergraulte den legendären Center O'Neal, weil der damals mehr Lorbeeren für die drei gemeinsam errungenen Titel bekommen hatte als er. Bryant war erst zufrieden, als er 2009 in den erlesenen Kreis derer aufgenommen wurde, die sowohl zum wertvollsten Spieler einer Saison als auch zum wertvollsten Spieler einer Finalserie gewählt wurden. Danach vergrätzte er Mitspieler wie Dwight Howard, Jeremy Lin und Pau Gasol und pochte trotz nachlassender Leistungen darauf, der bestbezahlte Spieler der Liga zu sein.

Los Angeles ist nur an der Oberfläche die Stadt der Reichen und Schönen und Unfehlbaren. Die meisten Bewohner verbringen einen Großteil ihrer Zeit damit, Fehler zu begehen oder abgelehnt zu werden beim Versuch, etwas aus sich zu machen. Bryant blieb, bei allem Talent, ein Arbeiter, mit dem sich auch Leute auf den billigeren Plätzen unterm Hallendach identifizieren konnten. So gewann er die Herzen, die er nie hatte gewinnen wollen, und er einte eine Stadt, die sich aus Hunderten von Stadtteilen zusammensetzt, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der gemeinsame Nenner war der Respekt für Kobe.

Über Tote nur Gutes, heißt es, doch weil Bryant, wie schon erwähnt, dieser Regel vermutlich widersprechen würde, darf nicht unerwähnt bleiben, dass er sich durchaus schlimme Fehltritte geleistet hat: So soll er im Jahr 2003 im US-Bundesstaat Colorado eine Hotel-Angestellte vergewaltigt haben. Es kam zum Prozess, aber nie zu einer Verurteilung. Doch Bryant räumte selbst ein, dass die Frau das, was er für einvernehmlichen Sex gehalten hatte, auch anders hätte empfinden können. Es bleibt ein dunkler Fleck in Bryants Vita; seine Frau Vanessa, mit der er vier Töchter hat, blieb trotz allem immer bei ihm.

Die Leute vor der Arena sprechen am Sonntag auch über diesen Fall und darüber, wie sehr sie der Sturz des Engels damals geschmerzt habe. Sie reden darüber, wie Bryant im Jahr 2011 einen Schiedsrichter während einer Partie mit einem homophoben Schimpfwort beleidigt hatte. Dass er, der Platzhirsch bei den Lakers, andere hochkarätige Zugänge abgeschreckt und dadurch womöglich mehr Titel verhindert habe. Dass der Klub beide Rückennummern, die er trug (er hatte nach den Skandalen von "8" auf "24" gewechselt), nicht mehr vergeben werde, Bryant die Halle nach der Zeremonie jedoch verlassen habe, weil ihn das Spiel der Lakers danach nicht mehr zu interessieren schien.

Einer, der aus seinen Möglichkeiten das Maximale gemacht hat

"Ich sage immer, was ich denke - und ich mag Leute, die ihre Meinung ehrlich mitteilen", sagte er einmal. Er dürfte die offenen Erzählungen der Fans, auch über Verfehlungen, deshalb zu schätzen wissen. Er hat sich durchaus gewandelt, gegen Ende seiner Karriere war Altersmilde zu spüren, während seiner Abschiedstournee wurde er sogar in Hallen gefeiert, in denen er zuvor höchst unbeliebt war. "Es ist verrückt, dass einer wie ich vom Bösewicht zum Helden wird", sagte er nach der letzten Partie in der Umkleidekabine: "Dabei hat doch jeder Mensch beide Seiten in sich." Zu dieser Altersmilde gehört vielleicht auch, dass er, der Überehrgeizige, dem sportlichen Rivalen LeBron James gratulieren konnte, als dieser ihn in einer der prestigeträchtigsten NBA-Statistik überflügelte. Es war eine der letzten Nachrichten, die Bryant verschickte, und man kann es als Ironie des Schicksals sehen, dass er just am Samstag aus den Top Drei der ewigen Scorerliste fiel, am Tag vor seinem Tod.

Was Kobe Bryant bis zuletzt nicht konnte: abschalten, ausruhen, genießen. Auch nach der aktiven Karriere stand er jeden Tag um vier Uhr morgens auf, arbeitete an seiner Fitness und kümmerte sich dann ums Geschäft. Er hatte zum Karriereende das Sonett Dear Basketball verfasst, es handelt von jenem Moment, in dem eine Partie auf diese eine Aktion reduziert wird, die über den Ausgang entscheidet. Er verpflichtete den Regisseur Glenn Keane und den Musiker John Williams, daraus einen Kurzfilm zu machen - und gewann als erster Profisportler einen Oscar.

So wollen sie ihn in Erinnerung behalten in L. A.: als einen, der aus seinen Möglichkeiten das Maximale herausgeholt und das Optimale gemacht hat, in welchem Bereich und auf welche Weise auch immer.

© SZ vom 28.01.2020/sonn
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