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Zum Tod von Kobe Bryant:Symbolfigur der Ehrgeizigen

Alles können, immer vorbereitet sein, keine Schwäche zeigen - das war das Mantra von Kobe Bryant, der immer hart für seinen Erfolg arbeiten musste. Der Tod der Basketball-Legende und seiner Tochter bei einem Helikopterabsturz erschüttert die Sportwelt.

Unwirklich. Das ist das Lieblingswort von Kobe Bryant gewesen, er hat damit so ziemlich alles in seinem Leben beschrieben: Wie ihn die Eltern vor 41 Jahren nach der japanischen Stadt benannt haben, weil sie den Namen als Fleischsorte auf einer Speisekarte gesehen hatten. Wie er als Basketballspieler noch besser als sein Vater Joe geworden ist, der ebenfalls in der nordamerikanischen Profiliga NBA gespielt hatte. Wie er fünf NBA-Titel und zwei olympische Goldmedaillen gewonnen, die viertmeisten Punkte der Liga-Geschichte geschafft und bei seinem letzten Spiel im Frühling 2016 noch einmal 60 Punkte erzielt hat. Alles völlig unwirklich.

Kobe Bryant "Er war wie ein Bruder für mich"
Zum Tod von Kobe Bryant

"Er war wie ein Bruder für mich"

NBA-Stars und Fußball-Legenden, Sängerinnen, Schauspieler und US-Präsident Trump - sie alle zeigen sich schockiert über den Unfalltod des Basketballers Kobe Bryant. Die Reaktionen im Überblick.

Bryant wurde in der Post-Michael-Jordan-Ära das Vorbild all jener, denen die Natur nicht unbedingt sämtliche Voraussetzungen für Erfolg geschenkt hatte. Shaquille O'Neal, mit dem er bei den Los Angeles Lakers sowohl glänzte als auch um die Rolle des Platzhirschs buhlte, war der Dominante, ein selbst ernannter Superheld - aber auch einer, der das Leben und sich selbst nicht ganz so ernst nahm. Bryant, freilich mit athletischem Körper (96 Kilo, 1,98 Meter) und sehr viel Ballgefühl gesegnet, war der Verbissene, der stundenlang und oftmals alleine an Sprungwurf und Finten arbeitete. Der gnadenlos zu sich selbst und bisweilen auch zu Kollegen war, der jedoch genau deshalb so erfolgreich war. Er wurde somit zur Symbolfigur all jener, die sich die Meriten im Leben hart erarbeiten mussten und dem Erfolg so ziemlich alles unterordnen.

Alles können, immer vorbereitet sein, keine Schwäche zeigen - das war das Mantra von Bryant, er gab sich deshalb selbst den Spitznamen "Black Mamba", obwohl er zu den wenigen Menschen auf diesem Planeten gehört, bei dem der Vorname genügt, um sie eindeutig zu identifizieren. "Maximiale Geschwindigkeit, maximale Präzision" nannte er das, im Buch "Mamba Mentality" beschrieb er diese unnachgiebige Jagd nach Titeln und persönlichen Rekorden, zu der es gehört, mit dem Hubschrauber von seiner Villa in Orange County zur Trainingshalle der Lakers in El Segundo zu fliegen. Es war sein primäres Fortbewegungsmittel, und die Polizei von Los Angeles bestätigte am Sonntagmorgen, dass Bryant bei einem Absturz in der Nähe des Strandes von Malibu ums Leben gekommen sei. Bei dem Unglück starben insgesamt neun Menschen, darunter auch Bryants 13-jährige Tochter Gianna. Die Nachricht vom Tod des Basketball-Idols ist für viele Bewohner von Los Angeles: unwirklich.

Bryant kam in Philadelphia zur Welt, wuchs jedoch im italienischen Reggio Emilia auf, weil sein Vater die letzten Jahre seiner Basketballkarriere dort verbrachte. Er war Fan des AC Mailand und wollte unbedingt Fußballprofi werden - sah allerdings auf den Videokassetten, die ihm sein Opa aus den USA schickte, dass Basketball doch auch ein interessanter Sport sein könnte. Im Jahr 1996 wechselte er als einer der Ersten ohne Umweg über das College-System in die NBA.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten wurde Phil Jackson - der in den 1990ern bei den Chicago Bulls aus dem Einzelkönner Michael Jordan den Titelsammler geformt hatte - Trainer der Lakers und führte den Verein zu drei Meisterschaften nacheinander (2000-2002), bei denen indes O'Neal jeweils zum wertvollsten Spieler gewählt wurde. Es folgten Enttäuschungen, das Platzhirsch-Gekabbel mit O'Neal (der den Verein 2004 verließ), die Entlassung von Jackson. Bryant galt als ehrgeiziger Egomane, dem Erfolge nur dann etwas bedeuten, wenn er der Hauptverantwortliche ist. Nur: diese Attribute wurden in den USA nicht negativ bewertet, sondern bewundert. Ihm wurden immer wieder außereheliche Affären nachgesagt, doch seine Frau Vanessa verließ ihn nicht. Auch nicht, als ihm 2003 eine 19-Jährige vorgeworfen hatte, sie vergewaltigt zu haben. Ein Verfahren wurde eingestellt, Bryant einigte sich mit der Frau außergerichtlich.

Bryant gewann später noch zwei Titel mit den Lakers (2009 und 2010), der Kurzfilm "Dear Basketball", mit dem er das Ende der aktiven Laufbahn verkündete, wurde mit einem Oscar prämiert. Als die Lakers ankündigten, beide Rückennummern (8, 24) nicht mehr zu vergeben, sagte Bryant in der Umkleidekabine: "Unwirklich." Was zu Lebzeiten fehlte: eine Statue vor der Arena im Stadtzentrum, mit der Legenden in Los Angeles geehrt werden: Wayne Gretzky, Magic Johnson, Oscar De La Hoya. Mögen sie diese Statue für Bryant möglichst schnell bauen. Er hatte ein gedeihliches, aber viel zu kurzes Leben, vor allem aber war es: unwirklich.

© SZ.de/cku
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