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Jürgen Klopp:Sie glauben an ihn

Jürgen Klopp hat mehr als jeder andere Trainer die Gabe, Emotionen zu entfesseln und Gefühle in Tore zu verwandeln. Das Wunder gegen Barcelona ist sein bisher größtes Werk.

Es lohnt sich in solchen Momenten, in denen der Fußball mit "Wahnsinn" nur unzureichend beschrieben werden kann, zu dem Zeitpunkt zurückzuspulen, an dem das Unmögliche auch noch unmöglich war. Jürgen Klopp, Trainer des FC Liverpool, 51 Jahre alt, aufgewachsen im Schwarzwald, saß also vor dem Spiel gegen Barcelona in der Pressekonferenz, und erklärte seine Aufgabe. Man müsse vier Tore schießen, und zwar ohne zwei von drei Stürmern. Man dürfe außerdem kein Tor kassieren gegen diesen Lionel Messi, der im Hinspiel eine außerirdische Leistung gezeigt hatte. "Aber", sagte Jürgen Klopp, "wenn wir schon mal hier sind, dann können wir es auch versuchen."

Man muss, um diese Geschichte zu erzählen, auch noch wissen, dass Manchester City am Abend zuvor durch ein irres Tor gegen Leicester gewann, in der Liga wieder an Liverpool vorbeizog und Jürgen Klopp am Montag auf der Couch gesessen haben muss, mit dem Gedanken: Ich werde mit einer Saison-Niederlage Vize-Meister, ich habe ein 0:3 aufzuholen, obwohl das Hinspiel eines der besten Spiele des Teams war, mein wichtigster Spieler Mo Salah fällt aus - wie ungerecht kann die Welt sein?

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"Die großartigste Vorstellung"

Es wäre zum Aufgeben. Aber weil es Jürgen Klopp ist, geht die Geschichte natürlich nicht so weiter. Denn in Wahrheit ist es ja so: Mit dem Rücken zur Wand, als Außenseiter, an den niemand mehr glaubt, ein mächtiger Gegner, ein legendäres Stadion, in dem die Kraft für Wunder schlummert - Jürgen Klopp wurde geboren für solche Spiele.

"Ich habe den Jungs vor dem Spiel gesagt: Es ist unmöglich, aber weil ihr es seid, ist es möglich", sagte er nach dem Spiel ergriffen von dem, was passiert war. Aber jeder wusste, dass es möglich war, weil er der Trainer ist. José Mourinho, Erfolgstrainer, Zyniker und als Ex-Manchester-United-Coach nicht im Verdacht, Liverpool-Sympathisant zu sein, sagte nach dem Spiel: "Das liegt an ihm. Dieses Spiel ist ein Spiegelbild seiner Persönlichkeit. Er gibt nie auf. Er hat Kampfgeist. Alles, woran ich heute denke, ist Jürgens Mentalität."

Ein Trainer für die Spiele, in denen Emotionen regieren

Jürgen Klopp hat mehr als jeder andere die Fähigkeit, Leidenschaft zu entfesseln und Emotionen in Tore zu verwandeln. Wenn es noch eines Beweises dafür gebraucht hat, dann war es dieses Spiel. Er ist ein Menschenfänger, ein Charismatiker, er hat besser als andere Trainer auf diesem Niveau begriffen, dass Fußball über Gefühle funktioniert und dass man, wenn man es schafft, die Herzen der Menschen zu erreichen, Dinge leisten kann, die unmöglich erscheinen. Wenn er sagt: Wir können das hinkriegen, welchem Trainer der Welt sollen Fußballer das mehr glauben als ihm? Ballt Klopp die Faust, dann ballt er sie mit der Energie der ganzen Anfield Road. Die Fans, die Spieler, sie sehen ihre Hoffnungen personifiziert in diesem zähnefletschenden Kerl mit Kappe und Sechs-Tage-Bart.

Man erkennt das, wenn man ihn mit Pep Guardiola vergleicht, dem zweiten Trainergenie dieser Zeit. Guardiola spielt Fußball mit dem Kopf, er will ihn durchdenken, für alles eine Lösung haben. Er tut das, niemand der sich ernsthaft mit Fußball beschäftigt, wird das bestreiten, auf brillante Art und Weise, und er wird auch in diesem Jahr wahrscheinlich die Liga gewinnen, den berechenbaren Wettbewerb. Vor Klopp.

Aber in den K.-o.-Spielen, der Champions League, wo es auf ein paar Minuten ankommt - da verliert Guardiola. Im vergangenen Jahr übrigens gegen Klopp, weil dieser die Anfield Road entfesselt hat. Dreimal hat Jürgen Klopp mit dem FC Liverpool im Europapokal gespielt. Dreimal hat er nun das Finale erreicht. Das ist natürlich kein Zufall. Wenn es irrational wird, wenn die Emotionen regieren, dann gewinnt immer Klopp. Erfahren musste das auch Thomas Tuchel, im Geiste ein Schüler von Guardiola, als er mit Borussia Dortmund 2017 an die Anfield Road kam. Dortmund führte nach 57 Minuten 3:1, Liverpool brauchte drei Tore. Liverpool schoss drei Tore.

Dass Guardiola Manchester City trainiert, einen Klub, der aus Abu Dhabi finanziert wird, bei dem er sich seine Mannschaft zusammenstellen kann und Klopp den FC Liverpool, bei dem er weiß, dass er sich in großen Spielen auf das Stadion verlassen kann, ist sicher kein Zufall. Und als der jetzige BVB-Trainer Lucien Favre nach dem verlorenen Revierderby die Meisterschaft aufgab, da dachte jeder in Dortmund an Klopp. Der hätte das nicht getan. Nach dem Spiel gegen Barcelona wurde er übrigens nach Dortmund gefragt und sagte, er glaube noch an deren Meisterschaft.

Jetzt steht Klopp im Champions-League-Finale, und Teil seiner Geschichte ist auch, dass er seine letzten großen Finale alle verloren hat. Mit Dortmund 2013 im Champions-League-Finale, 2014 und 2015 im DFB-Pokal, mit Liverpool 2016 in der Europa-League, 2016 im englischen Liga-Pokal und 2018 wieder in der Champions League. Der letzte Titel, den Klopp gewonnen hat, war der deutsche Ligapokal 2014.

Aber natürlich muss es Teil der Geschichte sein, dass Jürgen Klopp nach sechs verlorenen Endspielen versucht, sein siebtes zu gewinnen.

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