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Corona und Fußball:Ein Trainer ist kein Virologe

Hat in Sachen Corona keine Expertise und gibt das im Gegensatz zu anderen zu: Jürgen Klopp.

(Foto: AP)

Dass der Großrhetoriker Klopp zu Corona nichts sagen will, sollte Vorbild sein für alle Kleinrhetoriker, die zum Virus nichts zu sagen haben, aber zum Virus trotzdem etwas sagen. Nur in einem Punkt möchte man ihm widersprechen.

Kommentar von Holger Gertz

Zum großen Thema Expertentum hat vor einiger Zeit der legendäre Restaurantkritiker Jürgen Dollase das Wesentliche gesagt. Natürlich verstehe er vom Essen mehr als der Koch selbst. "Das ist normal. Ein Ornithologe weiß auch mehr über Vögel als ein Vogel."

An dieser Stelle der Schwenk von Jürgen Dollase zu Jürgen Klopp und damit zur Frage, ob ein Fußball-Experte auch ein belastbarer Viren-Experte sei. Liverpools Trainer ist zuletzt öfter auf das Coronavirus angesprochen worden. Spielabsagen ja, oder nein? Nun hat Klopp aus dem Legendenklub Liverpool eine wahrhaftige Siegmaschine gemacht, er weiß also, wo's langgeht. Klopp sieht wie ein Erklärer aus, neuerdings mit seinem großzügig wuchernden Zehntagebart sogar wie ein Erklärbär - aber was das Virus angeht, ist er genauso blank wie alle. "Menschen wie ich, ohne das nötige Wissen, sollten nichts sagen", verfügte Klopp Mitte der Woche bei einer Pressekonferenz. "Meine Meinung ist wirklich unwichtig." Auch in Leipzig, bei der Journalistenrunde mit Coach Julian Nagelsmann, kam die Debatte auf Corona. Nagelsmann sagte: "Sie fragen doch auch keinen Virologen, wie man gegen Wolfsburg spielt."

Der Happel hätte den Virenherd doch längst ausgeräuchert mit dem Qualm seiner Zigaretten

Während Koch und Gastrokritiker - genau wie Ornithologe und Vogel - im selben Themenbereich zuhause sind, hat der Fußballtrainer mit der Virologie null und nichts zu tun. Dass er dennoch dauernd danach gefragt wird, hängt mit der Unsicherheit der Gegenwart zusammen. Wenn man ehrlich ist, weiß niemand, wie es mit Corona weitergeht, da suchen die Menschen nach Experten, die es womöglich besser wissen als sie selbst.

Und während Politiker, Journalisten, Ärzte von elitekritischen Zeitgenossen eher argwöhnisch betrachtet werden, gilt ein Fußballtrainer nach wie vor als Instanz, er wird von vielen respektiert, sein Wort hat Gewicht, nicht nur sein Wort zum Fußball. "Es stört mich, dass die Meinung von Fußballtrainern bei ernsten Themen wichtig ist", sagt zwar Jürgen Klopp. Aber gerade in Trainerpersönlichkeiten verdichten sich viele positive Attribute, die man dem Fußball noch immer zuschreibt. Es ist irrational, aber ein Fußballtrainer geht als Experte für alles Mögliche durch - solange er charismatisch und erfolgreich ist natürlich. Ernst Happel hätte den Virenherd doch längst ausgeräuchert mit dem Qualm einer Wochenration Belga-Zigaretten. Dem charismatischen, aber erfolglosen Werder-Trainer Florian Kohfeldt dagegen würde aktuell kaum jemand die Lösung der Corona-Krise zutrauen. Möglicherweise wäre es in Bremen, um neue Reize zu setzen, sogar angezeigt, mal einen Virologen zu fragen, wie man gegen Hertha spielt.

Dass der Großrhetoriker Klopp zum Virus nichts sagen will, sollte Vorbild sein für alle Kleinrhetoriker, die zum Virus nichts zu sagen haben, aber zum Virus trotzdem etwas sagen. In einem Punkt möchte man ihm trotzdem widersprechen: "Ich verstehe nichts davon. Das gilt für Politik und Corona. Wieso fragen sie mich?", sagte Klopp. Aber das Augenblicksphänomen Corona ist nicht Politik. Wie irritierend war es während der Affäre Özil bei der WM 2018, als kein einziger der Fußballköppe aus dem deutschen WM-Tross einen gewinnbringenden Gedanken zum Thema formulieren konnte, auch nicht der Bundestrainer Löw. Wie bereichernd dagegen waren Klopps Einlassungen zum Thema Brexit und Populismus. Er habe "kein Verständnis für Politiker, die Lösungen anbieten sollen und stattdessen Stimmungen und Ängste verstärken", sagte Klopp, er war direkt, weitsichtig, formulierte auf den Punkt.

Das Virus, zu dem Klopp mit allem Recht schweigen möchte, sollte nicht dazu führen, dass Klopp als Verfechter einer offenen Gesellschaft auch schweigt. Da muss er hörbar bleiben.

© SZ vom 07.03.2020/schm
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