Kevin Großkreutz in Darmstadt:Nun also Außenseiterfußball mit blutigen Knien

Er musste sich über solche Sachen in diesem Sommer Gedanken machen, es ging ja nicht anders. Er war verletzt, ging laufen oder ins Fitnessstudio. Er sprach mit alten Mitspielern, mit seinem früheren Kapitän in Dortmund, Sebastian Kehl. Die Dortmunder Fans malten Plakate. Kölner Fans, seine Freunde, kamen in sein Dortmunder Restaurant. Sogar Schalker Fans schrieben ihm. Die meisten rieten ihm, sich nicht zu verändern. Irgendwann dachte er: Da kann ich ja nicht so viel falsch gemacht haben.

Es gibt zwei Reaktionen auf den Fußballer Großkreutz. Die einen rümpfen die Nase und fragen: Geht's noch? Die anderen schlagen ihm auf die Schulter und singen. Er hat sich vorgenommen, jetzt für seine Schulterklopfer da zu sein. Er will ihnen etwas zurückgeben. "Die Menschen erwarten viel von mir", sagt er, "ich will sie glücklich machen."

Ehrlicher Fußball, das ist ein großes Thema in diesem Sommer, in dem Regionalligisten gegen eine China-Auswahl spielen sollen und Stürmer für hundert Millionen Euro den Verein wechseln. Ehrlicher Fußball, das wird mit Typen wie Großkreutz verbunden. Er findet Helene Fischer super, sagt er, doch er mochte nicht, dass sie im DFB-Pokalfinale in der Pause sang: "Das hat im Fußball nichts zu suchen." Er findet, dass es den Verbänden nur ums Geld geht, dass Eintrittskarten zu teuer sind, 50 Euro, "das geht nicht". In Darmstadt kosten die Plätze halb so viel.

Großkreutz hatte im April ein paar Angebote. Darmstadt, das passt, haben seine Jungs gesagt. Torsten Frings rief an, dem Großkreutz schon von der Südtribüne zujubelte, als BVB-Fan. Er überzeugte ihn von Darmstadt, das steht auch für ehrlichen Fußball. Zwar ist das alte Stadion des Absteigers am Böllenfalltor etwas umgebaut worden, es sieht jetzt nicht mehr ganz so romantisch marode aus, neue Tribünen stehen vor den alten. Doch der Klub steht immer noch für Außenseiterfußball mit blutigen Knien. Tradition und laute Fans, sagt Großkreutz, das reiche ihm.

Geile Stadien gebe es auch in der zweiten Liga

Er schaut nicht mehr zurück auf Titel und Länderspiele. "Geile Stadien" gebe es auch in der zweiten Liga, Darmstadt, Dresden, Union Berlin. "Viele Menschen, die einem zujubeln oder auswärts gegen dich sind", das ist es, was ihm der Fußball noch geben kann.

Bleibt die Frage: Kann er dem Fußball auch noch etwas geben?

Sportlich ging es für Großkreutz nach der WM eher bergab. Er wechselte nach Istanbul, aber war nicht spielberechtigt, verlor seinen Rhythmus. In Stuttgart wirkte er oft behäbig, nicht mehr wie ein sechsmaliger Nationalspieler. Er würde gern bis 34 spielen, er hat seinen Fitness-Rückstand aufgeholt. Doch seine Spielweise zehrt am Körper. Und funktioniert der Fußballer Großkreutz noch, wenn er nicht mehr länger laufen und kämpfen kann als die anderen? Werden ihn die Fans noch lieben oder hassen, als einen unter vielen?

In Darmstadt, auf dem Weg zum Parkplatz, posiert Großkreutz am Fanshop mit einer Familie für ein Foto, Vater, zwei Söhne, Tochter. Als er zu seinem Sportwagen geht, der noch ein paar Straßen weiter zu hören sein wird, fragt die Tochter: "Wer war das?" "Ein Weltmeister", antwortet der Vater.

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