Coming-out von Justin Fashanu:Erst Ende September gab es einen homophoben Zwischenfall. Das Team reagierte solidarisch

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Die meisten Briten haben kein Verständnis für einen schwulen Fußballer. Sogar sein Bruder John, der die einzige Konstante in seinem Leben ist, distanziert sich von ihm. "Damals herrschten harsche traditionelle Ansichten, wie ein Fußballer zu sein habe und wie er sich verhalten soll", sagt Tatchell. "Die meisten Menschen waren noch immer sehr homophob." Der Menschenrechtsaktivist ist aber überzeugt: "Ich glaube, Justin hat die richtige Entscheidung getroffen. Es war gut, dass er selbst es öffentlich machte."

Nach seinem Coming-out verlässt Fashanu England. Er fängt wieder neu an: mal in Neuseeland, mal in Schweden, mal in den USA. Er spielt in unterklassigen Ligen, versucht sich als Trainer. Dann zeigt ihn ein 17-jähriger Amerikaner an, Fashanu habe ihn nach einer Feier vergewaltigt. Der Fußballer kehrt überstürzt nach London zurück. Medien berichten, Scotland Yard ermittle nun auch in England gegen ihn, später stellt sich heraus, dass dies eine Lüge war. Am 2. Mai 1998 besucht Fashanu eine Bar, Gäste berichten, er habe ausgelassen gewirkt. Am nächsten Morgen findet man ihn tot in einer Garage. Justin Fashanu wird nur 37 Jahre alt. Im Abschiedsbrief steht: "Schwul und eine Person des öffentlichen Lebens zu sein, ist hart."

Justin Fashanu tat vor 30 Jahren etwas, für das die Gesellschaft noch nicht bereit war. Doch wäre sie es heute? In den USA lebt Collin Martin, der derzeit bekannteste aktive homosexuelle Fußballer. Ende September verließen seine Mitspieler vom Zweitligisten San Diego Royal empört den Platz. Der Grund: Ein Gegner hatte Martin homophob beleidigt. Die Justin-Fashanu-Foundation berät seit einem Jahr homosexuelle Fußballer; ein Coming-out traue sich keiner von ihnen zu, heißt es. Vor einigen Wochen veröffentlichte die Stiftung einen anonymen Brief: "Ich fühle mich gefangen und ich habe Angst, dass es die Dinge nur schlimmer machen wird, wenn ich die Wahrheit sage", schreibt darin ein Premier-League-Spieler. "Wie fühlt es sich an, so zu leben? Es kann ein absoluter Albtraum sein, und es wirkt sich zunehmend auf meine mentale Gesundheit aus."

Justin Fashanu Norwich City 1981

Mit 19 Jahren bereits in der Premier League: der hochbegabte Justin Fashanu debütierte 1979 bei Norwich City.

(Foto: Tony Duff/Allsport/Getty Images)

Fashanus Freund Tatchell glaubt, die Ängste der Spieler seien womöglich übertrieben. Die Medien würden inzwischen positiv über Sportler berichten, die ein Coming-out haben. "Schwul oder heterosexuell, das kümmert die Fans kaum", sagt der 68-Jährige. "Zumindest solange die Spieler Tore schießen." Tatchell hofft, dass bald ein Premier-League-Spieler den Mut aufbringt, offen über seine Homosexualität zu sprechen. 30 Jahre nach dem Coming-out von Fashanu sei es dafür an der Zeit.

Hinweis der Redaktion: Wir berichten in der Regel nicht über Selbsttötungen, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Grund für unsere Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach Berichterstattung über Suizide. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

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