Jupp Heynckes Es ist eine andere Atmosphäre, die Heynckes begegnen wird

Jupp Heynckes ist ein Weilchen raus aus der Branche, aber ein guter Trainer und Mensch zu sein, verlernt man vermutlich nicht, und deshalb wird das jetzt interessant sein zu sehen: wann und wie Heynckes merken wird, dass der Verein, in den er heimkehrt, schon irgendwie der gleiche ist wie damals - aber eben auch ein ganz anderer. Beim letzten Mal hat Heynckes eine vom wirklich schwierigen Louis van Gaal vordefinierte Elf mit ruhiger Hand auf den Höhepunkt hinaufgecoacht, und er hat gerne davon profitiert, dass Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Arjen Robben und Franck Ribéry mit dem Schicksal noch Rechnungen offen hatten. Sie alle rannten gegen den Ruf an, dass sie keine großen Titel gewinnen können; und am Ende hatten sie zusammen den größten Titel gewonnen, den der Klubfußball hergibt.

Robben war damals 29, Ribéry war 30. Und Lahm war noch aktiv.

Jenes Team, das Heynckes am Montag vorfinden wird, steht womöglich am Ende eines großen Sieben-Jahre-Zyklus, der im Champions-League-Finale 2010 begann (dieses Finale wurde übrigens trotz des großen van Gaal verloren, ein Skandal eigentlich). Heynckes soll nichts mehr entwickeln, er soll die Saison seriös zu Ende coachen, was Titel nicht ausschließt. Aber er wird diesmal erst in zweiter Linie "Fußballlehrer" sein müssen (so stellte Hoeneß den Trainer Heynckes vor, als er 2009 dem ungeliebten Jürgen Klinsmann nachfolgte).

In erster Linie wird Jüpp diesmal den Münchner Friedensengel geben müssen. Es wird ihm wohl auch nicht schwer fallen, die von Carlo Ancelotti zuletzt heftig irritierten Robben, Ribéry, Boateng, Hummels und Müller wieder mit einer höheren Jobzufriedenheit auszustatten; und sehr wahrscheinlich wird es ihm dank seiner Jahre in Madrid und Bilbao auch gelingen, die spanischsprachige Fraktion um Thiago, James Rodríguez und Javi Martínez wieder harmonisch in die Kabine einzupflegen. Die Nichtspanischsprachigen im Kader hatten zuletzt ja offenbar den Eindruck, dass Ancelotti die Spanischsprachigen im Kader bevorzuge.

Das ist wohl Jupp Heynckes' spektakulärste Fähigkeit: dass er mit beiden Bossen kann

Obwohl der Verein die Zeit mit Heynckes zurückdreht, gewinnt er, wenn alles gut geht, ein bisschen neue Zeit dazu. Uli Hoeneß, der Operativste unter allen nicht operativen Klubpräsidenten der Welt, besitzt selbstverständlich das Patent auf die Heynckes-Nummer, und er weiß genau, dass die nächste Trainer-Entscheidung sitzen muss. Heynckes verschafft Bayern nun ein paar Monate Zeit zur Marktbeobachtung - und im Idealfall trägt er kraft seines Juppseins sogar zu einem harmonischen Entscheidungsprozess bei.

Denn das ist die vielleicht spektakulärste Fähigkeit des neuen, alten Trainers: dass er, obwohl schwer mit Uli Hoeneß befreundet, keinem Lager angehört. Er kann auch gut mit Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, dessen Verhältnis zu Hoeneß ein ewiges Folklorethema in der Stadt ist. Und speziell in den vergangenen Wochen haben sich die Aussagen der beiden hohen Herren prächtig gegeneinander schneiden lassen. Rummenigge: Kritisiert Lewandowski für sein Interview. Hoeneß: Findet es halb so wild. Rummenigge: Findet den Meistertitel toll. Hoeneß: Findet einen Titel ein bisschen wenig. Rummenigge: Findet die Asienreise richtig und wichtig. Hoeneß: Findet sie grenzwertig. Und so weiter.

Es ist eine andere Ausgangslage und eine andere Atmosphäre, die Heynckes ab Montag in München begegnen werden. Hoeneß ist voller Wucht aus seiner, nun ja, Auszeit zurückgekehrt, und Rummenigge, der den Klub während dieser Auszeit sachlich lenkte, muss erst wieder klarkommen mit dieser Wucht. Der Friedensengel wird also nicht nur dafür sorgen müssen, die Restenergie seiner großen 2013er-Elf zu aktivieren. Er wird auch den beiden großen Bayern ein so gutes Gefühl geben müssen, dass sie sich selber wundern, wenn sie bei der Heynckes-Nachfolge plötzlich eine einstimmige Entscheidung getroffen haben.

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