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DFB-Reformpläne im Jugendfußball:Elite-Nachwuchs unter sich

Bayerns Talente gegen die des SC Freiburg: Das würde es nach der Reform noch geben.

(Foto: Robert Haas)

DFB und DFL wollen die Talentförderung umkrempeln. Dem Arbeitspapier mangelt es nicht an radikalen Reformplänen - doch es regt sich bereits Widerstand.

Von Thomas Hürner, München

Es hätte nicht überrascht, wenn der Anlass für das im Jahr 2018 gestartete "Projekt Zukunft" ein sehr konkretes Ereignis im damaligen Sommer gewesen wäre. Womöglich hatten sie beim Deutschen-Fußball-Bund (DFB) aber schon früher eine Vorahnung: Schon im Februar 2018 wurde in Kooperation mit der Deutschen Fußball Liga (DFL) eine Arbeitsgruppe gegründet, die Reformideen für die Talentförderung im deutschen Fußball entwickeln sollte - also noch vor der blamablen WM 2018 in Russland, die für die Nationalelf schon in der Vorrunde endete. Es war eine Zäsur in der deutschen Fußballgeschichte, deren Analyse bis heute noch nicht abgeschlossen zu sein scheint. Auf eines aber konnten sich im ersten Impuls viele Beobachter schnell einigen: Konformistische Ausbildung ergibt konformistische Spieler. Ein Mangel an Individualität im deutschen Spitzenfußball wurde kritisiert, der "Typ Straßenfußballer" wurde als vermisst gemeldet.

Es würde also nicht überraschen, wenn die verpatzte WM der Großen trotz des zeitlichen Verzugs einen gewissen Einfluss auf die Arbeitsgruppe von DFB und DFL gehabt hätte. Dem unter der Leitung von Joti Chatzialexiou (Sportlichen Leiter der Nationalmannschaften) und Meikel Schönweitz (Cheftrainer der U-Nationalmannschaften) erarbeiteten Papier mangelt es nun jedenfalls nicht an radikalen Reformplänen: Die Junioren-Bundesligen sollen abgeschafft werden, zumindest in ihrer bisherigen durchlässigen Struktur, die auch kleineren Vereinen ein Kräftemessen mit den Eliteteams aus den Leistungszentren der Profiklubs ermöglicht. Die U19 des FC Astoria Walldorf zum Beispiel tritt nach ihrem Aufstieg in die Bundesliga Süd/Südwest dort gegen Teams des FC Bayern, des VfB Stuttgart oder der TSG Hoffenheim an. Wird das "Projekt Zukunft" umgesetzt, wären Geschichten wie diese Vergangenheit.

In der U19 sollen künftig nur noch die A-Junioren der 56 deutschen Top-Vereine in einer Art Nachwuchsleistungszentrums-Liga gegeneinander spielen, abgekoppelt von jenen Klubs, die für die sogenannte Basis stehen. Auch feste Landesverbandsgrenzen würden in diesem Modell aufgelöst. Der "Ausbildungscharakter" solle gegenüber dem Wettbewerb im Vordergrund stehen, heißt es in dem Papier, aus dem der Kicker als erste Zeitung ausführlich zitierte. Denn Ausbildung komme im aktuellen freien Ligabetrieb der U-Mannschaften zu kurz, die Akteure seien getrieben von kurzfristigen Erfolgen und Existenzkämpfen, wenn es für einen Klub etwa gegen den Abstieg geht. Deshalb sollen die Leistungszentren in ihrem eigenen Zirkel verbleiben, ohne Aufstiege, ohne Abstiege.

Bei den jüngeren Jahrgängen sehen die Reformpläne eine "flexible Spielrunde" ohne Tabelle vor. Die Spieler, heißt es im Konzept, sollen "ausprobieren und etwas riskieren können". Angedacht sind "flexible, situationsbedingte Zusatzregeln", die noch nicht final festgelegt wurden. Im Sinne der Individualförderung ist eine in Drittel aufgeteilte Spielzeit denkbar, in der jeder Spieler eine Mindesteinsatzzeit zu absolvieren hat. Die jungen Fußballer, so die Idee, sollen sich dadurch weiterentwickeln und ihr Potenzial ohne Ergebnisdruck entfalten können. Der Sportliche Leiter Chatzialexiou sagt der SZ, dass "bei allen Überlegungen der Spieler im Mittelpunkt stehen" solle. Für den April 2021 ist eine erste Pilotphase geplant, nach einer Übergangssaison könnte das neue Modell frühestens zur Saison 2022/2023 greifen.

Doch unter jenen, die vom "Projekt Zukunft" größtenteils ausgeschlossen würden, regt sich inzwischen massiver Widerstand. Einige kleinere Vereine aus dem Norden Deutschlands, deren Jugendmannschaften es immer wieder schaffen, die Eliteteams aus den Leistungszentren ernsthaft herauszufordern, haben gemeinsam ein Papier verfasst. Der Inhalt: Verständnis für den Veränderungswillen des DFB, aber Kritik an der genauen Umsetzung - vor allem an der Marginalisierung der eigenen Leistungen für den deutschen Nachwuchsfußball. Auch der Sächsische Fußball-Verband (SFV) lehnt in einem Schreiben an den DFB die Reformpläne ab.

Seitens der Profivereine, die über Leistungszentren verfügen, sind bisher keine öffentlichen Positionierungen zu vernehmen. Eine Stichprobe der SZ unter einigen Erst- und Zweitligisten ergab: Niemand möchte sich derzeit zur geplanten Reform äußern.

© SZ/mok/tbr
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