Joachim Löw Ein Emotionsloser unter Emotionslosen

  • Joachim Löw will sich erst einmal Zeit nehmen, um über seine Zukunft als Bundestrainer zu entscheiden.
  • Auch wenn der DFB ihn gern im Amt halten würde: Es ist nun einmal so, dass Löw bei dieser WM wichtige Signale nicht gesehen hat.
  • Er selbst muss nun entscheiden, ob er mit der Belastung dieses Turniers Bundestrainer bleiben will.
Von Philipp Selldorf, Kasan

Zumindest wird niemand auf der Welt dem deutschen Bundestrainer nachsagen, dass er ein schlechter Verlierer wäre. Jogi Löw, 58, verlor keine Zeit mit Haareraufen oder anderen dramatischen Gesten, mit dem Trösten der Spieler, die ohnehin nicht zu trösten waren, oder mit erster Hilfe für seinen Assistenten Thomas Schneider, der sich in den Schatten der Bank verdrückt hatte, als wollte er im Getümmel unerkannt entkommen. Stattdessen steuerte Löw zügig links weg, um dem Kollegen Shin Tae-yong die Hand zu schütteln und zum Sieg zu gratulieren. Dieser erwiderte die Freundlichkeit, indem er beinahe zärtlich den Arm um Löws Hüfte legte, als sei man schon seit Jahren miteinander vertraut, was man aber nicht ist.

Doch Shin ist ein großer Verehrer des deutschen Fußball-Lehrers, tags zuvor hatte er ihn als "besten Trainer der Welt" bezeichnet. Nun war Löw zwar immerhin noch ein Verlierer auf höchstem Niveau, doch wie es um seine Stellung als Trainer bestellt ist, das weiß man nicht, das weiß er womöglich selbst noch nicht.

Löw tritt zurück, hieß es unten in den Gängen der Kasan-Arena, aber das war eine dieser Falschmeldungen, die sich im Fall von Notständen selbst produzieren; das gab es auch schon, bevor das digitale Zeitalter über die Menschheit hereinbrach. Die erste handfeste Information zur kardinalen Frage überbrachte Löw selbst: Im ZDF verkündete er, dass er etwas Zeit brauchen werde, um sich mit seiner Zukunft als Bundestrainer zu beschäftigen.

Als er ein paar Minuten darauf im Pressekonferenzraum des Stadions erneut mit der Frage konfrontiert wurde, hatte die Zeit zur Besinnung logischerweise noch nicht gereicht: "Ich bin geschockt, dass wir verloren haben", antwortete Löw, obwohl er sehr gefasst wirkte, "wie's weiter geht, darüber muss man in Ruhe sprechen."

Dass Löw "wirklich riesengroße Enttäuschung" fühlte, dass er angeblich sogar "maßlos" enttäuscht war, das musste er den Leuten schon mitteilen, sonst hätten sie's womöglich nicht geglaubt. Löws Beherrschtheit war zwar auch Ausdruck seiner Professionalität und seines nicht eben überschäumenden Temperaments, sie verriet aber auch einiges über diese seltsam emotionslose und beinahe taube Mentalität der Deutschen bei diesem WM-Turnier. Energie und Hingabe, zwei der elementaren Komponenten bei dieser Weltmeisterschaft, haben den Deutschen in Russland von Anfang an gefehlt.

Löw hat die Signale nicht gesehen

Dieses Turnier war irgendwie schon misslungen, bevor es angefangen hatte. Auf dem Weg nach Moskau passierte die erste irreparable Panne, als das Gros der von den 2014er-Weltmeistern dominierten Mannschaft meinte, die schlechten Testspiele in Österreich (1:2) und in Leverkusen gegen Saudi-Arabien (2:1) seien unerhebliche Randerscheinungen gewesen. Man habe geglaubt, "auf Knopfdruck hochfahren" zu können, sobald es ernst werde, sagte auch Jogi Löw. Das war der große Irrtum, und natürlich war es auch der Irrtum des Trainers, dass er diese Signale nicht gesehen oder nicht richtig gedeutet hatte.

Am Mittwochabend sprach Löw von einer gewissen "Selbstherrlichkeit", die seine vertraute Elf bei der ersten Partie gegen Mexiko auf den Platz getragen habe - ein vernichtendes Wort. Als Sami Khedira, seit 2010 ständiger Nationalspieler und noch im Trainingslager in Eppan für "unentbehrlich" erklärt, mit der Selbstherrlichkeitskritik konfrontiert wurde, reagierte er irritiert und ärgerlich: "Es hat doch jeder gesehen, dass es viel, viel zu wenig war."