Jelena Issinbajewa:Die Betrugsaffäre? "Diskriminierung unserer Nation"

Jelena Issinbajewa, aufgewachsen in bescheidensten Verhältnissen in Wolgograd, erst Kunstturnerin, dann als erfolgreichste Stabhochspringerin der Geschichte rasch die "Zarin der Lüfte" genannt, hat nach ihrem Rücktritt also umgehend die nächste Rolle gefunden: oberste Cheerleaderin der Nation. Dabei lebte Issinbajewa selbst lange im Ausland: Den Großteil ihrer Karriere über wohnte sie in Italien und Monaco. Erst für die Heim-WM 2013 in Moskau kehrte sie zurück; nach zähen Athletenjahren holte sie - viel umjubelt - ihr drittes WM-Gold. Danach kündigte sie an: "Jetzt möchte ich ein Baby", und rechnete in jenem August 2013 gleich vor: "Neun Monate ein Baby im Bauch, neun Monate Stillen. Das macht 18 Monate. Also kann ich in Rio dabei sein."

Das Kind, eine Tochter, kam Ende Juni 2014 zur Welt. Mit der Olympia-Teilnahme im August 2016 allerdings wurde es nichts. Denn der systematische Doping-Betrug in Russland, den der erste McLaren-Bericht im Sommer offenlegte, führte zum Ausschluss des russischen Leichtathletik-Verbandes. Issinbajewas Haltung zur Causa? "Wir werden beschuldigt für Dinge, die wir nicht gemacht haben. Ich sehe das als Diskriminierung unserer Nation, weil wir Russland sind."

Funktionäre des Leichtathletik-Weltverbandes bezeichnete sie als "Scheißkerle"

Sie zog mit ihrem Fall bis vor den Internationalen Sportgerichtshof. Sie sei stets sauber gewesen und toleriere die Kollektivstrafe nicht, argumentierte Issinbajewa. Sie fiel durch. Wie sie in dem korrupten System selbst stets sauber geblieben sein sollte, konnte sie nicht überzeugend belegen. Issinbajewa urteilte: "Ich bin um den Start betrogen worden." Die Funktionäre des Leichtathletik-Weltverbandes bezeichnete sie als "Scheißkerle", das Stabgold in Rio stünde eigentlich nur ihr zu und sei entwertet.

Einen Auftritt in Rio hatte sie dann trotzdem. Issinbajewa kandidierte für die Athletenkommission des IOC und schaffte den Einzug. Zugleich wurde sie als Präsidentin des suspendierten russischen Leichtathletik-Verbandes gehandelt. Ihre Kandidatur zog sie jedoch zurück, nachdem sie zur Leiterin der Rusada ernannt wurde, die von der Welt-Anti-Doping-Agentur derzeit suspendiert ist und neu aufgebaut werden soll.

Die Ernennung von Issinbajewa belastet diese Vorhaben schon einmal schwer und offenbart somit, wie wenig ernst es die Russen mit dem angekündigten Zugehen auf den Rest der Sportwelt meinen. Die Personalie hätte nur in Absprache mit der Wada erfolgen sollen, so steht es in deren Auflagen an die Rusada. Die obersten Dopingbekämpfer reagierten deshalb verschnupft auf die prominente Neu-Chefin des zentralen russischen Sportgremiums. Issinbajewas Grußbotschaft an die künftigen Kollegen und Helfer: "Wir tolerieren diese beweislosen Anschuldigungen, wir würden ein Staatsdoping betreiben, künftig nicht mehr."

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