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HSV gegen St. Pauli:"Das macht mich aggressiv"

Hamburger SV - FC St. Pauli

Gar nicht gut drauf: Lewis Holtby.

(Foto: dpa)

Die Hamburger Polizei meldete sich am Sonntagabend via Twitter - mit einer Erkenntnis, die vor diesem Derbysonntag so nicht zu erwarten gewesen ist. "Nahezu störungsfrei" ist der Tag aus Sicht der Ordnungshüter verlaufen. Zwar wurden nach Spielschluss rund um die Reeperbahn ein paar Straßen gesperrt, diese allerdings auch bald wieder aufgehoben. Das Konzept der Fantrennung sei "voll aufgegangen", jubilierte Polizeipräsident Ralf Martin Meyer. Besser als jede Polizeistrategie hatte dabei vermutlich das Spiel zwischen dem Hamburger SV und dem FC St. Pauli auf die verfeindeten Fanlager gewirkt.

Es war ein fußballerisch derart mäßiges Zweitligaspiel, dass sich die Partie wie ein Sedativum auf die erhitzte Stimmung gelegt hatte. Vom "Schnarch-Derby" sprach die Mopo, die Bild fragte: "Und darauf haben wir uns sieben Jahre gefreut?" Der frühere HSV-Stürmer Ivica Olic stellte sogar fest: "Das war das schlechteste Derby, das ich je gesehen habe." Waren die Fans am Anfang noch eifrig dabei, sich gegenseitig mit Verunglimpfungen zu überhäufen, wurde es schon nach 20 Minuten merklich still im Stadion. Später herrschte allgemeine Resignation, die HSV-Fans pfiffen nach Spielschluss sogar. Die Lust am Krawall war den Chaoten unter ihnen vergangen.

Bei Lewis Holtby allerdings hatte das Sedativum seine Wirkung verfehlt. Der HSV-Profi war reichlich bedient nach diesem angeblichen "Spiel des Jahres". Der Hamburger SV hatte sich nach schlechten Ergebnissen von einem Derby-Sieg den dringend nötigen Stimmungsumschwung erhofft - am Ende stand ein 0:0, das Holtby merklich auf den Geist ging. "Jetzt ist alles wieder Scheiße, das macht mich aggressiv", motzte Holtby, wobei zunächst nicht ganz klar war, an welche Adresse das nun ging. An sich selbst? An die Mitspieler? An die Stimmung in der Stadt?

Der HSV schießt keine Tore mehr

Auf Holtby und den HSV kommen jedenfalls unangenehme Tage zu. Vor allem eine Debatte darüber, was sich ändern muss, soll das Ziel des direkten Wiederaufstiegs nicht in Gefahr geraten. Der ist für den hoch verschuldeten Klub alternativlos, allein aus finanzieller Sicht bringt ein Jahr in der zweiten Liga doch mindestens 20 Millionen Euro Verlust. Die Ergebnisse dieser englischen Woche (0:5, 0:0 und 0:0) lassen viele in der Stadt deshalb nervös werden, zumal der HSV am Montagabend auf Platz vier und damit runter von den Aufstiegsplätzen rutschen könnte. "Wir dürfen jetzt nicht alles in Frage stellen", das wäre "Nonsens", sagte Holtby zwar. Um dann allerdings doch zu skizzieren, was gerade alles nicht läuft.

Nach dem blamablen 0:5 vor einer Woche gegen Regensburg hatte Trainer Titz auf internen Druck hin die Philosophie modifiziert, war zumindest ein Stück weit von seiner Offensivtaktik abgerückt, in dem er zwei Sechser vor der wackligen Abwehr installierte - mit dem Effekt, dass der HSV sowohl in Fürth als nun auch gegen St. Pauli keinen Gegentreffer mehr kassierte. Allerdings auch kein Tor erzielte. Verkrampft und ohne jede Leichtigkeit liefen die Stürmer an, gegen St. Pauli ging kein einziger Schuss eines HSV-Stürmers direkt aufs Tor.

Hinten sicher stehen und kreativ nach vorne spielen - beides kann der HSV derzeit nicht kombinieren. Man habe den eigenen Plan verworfen, erklärte Holtby, "wir waren vorne nicht klar genug". So konnte St. Pauli das Spiel des Favoriten mit relativ einfachen Mitteln ersticken, wäre sogar selbst fast noch zum Siegtreffer gekommen, doch Marvin Knoll und Cenk Şahin scheiterten in der Nachspielzeit mit ihren Distanzschüssen. Şahins Geschoss aus 39 Metern musste HSV-Torwart Julian Pollersbeck mit den Fingerspitzen über die Latte lenken - der Favorit hatte am Ende Glück. "Ich habe nicht viel vom großen HSV gesehen", lästerte St. Paulis Mittelfeldspieler Christopher Buchtmann.

Endspiel für Titz in Darmstadt?

Beim HSV wird der Druck auf Trainer Titz weiter steigen. "Unterm Strich ist das zu wenig", mäkelte Sportvorstand Ralf Becker, was auch an die Adresse von Titz ging. In der Hansestadt hält sich das Gerücht, dass Klubboss Bernd Hoffmann schon an einer neuen, prominenteren Lösung für die Trainerbank arbeitet. Der frühere Leverkusener Roger Schmidt soll erster Kandidat sein, wenn der HSV unter Titz nicht bald wieder zu siegen beginnt. Die Auswärtspartie am Freitagabend in Darmstadt könnte schon zum Endspiel werden.

Holtby, der mit Titz befreundet ist, sieht das anders. Sein Tipp für die kommenden Wochen lautet: "Ruhe bewahren, Fresse halten."

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