Hertha BSC "Die merkten: Oh, oh, oh! Da läuft was schief!"

Frank Zander: Singt bei Hertha in der Ostkurve

(Foto: dpa)

Hertha BSC ist mit einer Posse um die Stadionhymne in die Saison gestartet. Sänger Frank Zander über die Aufregung, die Versöhnung und den fragwürdigen Umgang mit den Fans.

Interview von Javier Cáceres

Trotz Sieges hing nach dem Saisonauftakt bei Hertha BSC der Haussegen schief: Die Fans rebellierten dagegen, dass die etablierte, melancholische Hymne des Berliner Barden Frank Zander, "Nur nach Hause gehn wir nicht", ins Vorprogramm der Partie gegen den 1. FC Nürnberg vorgezogen wurde. Beim Einlaufen der Teams ertönte diesmal das Lied "Dickes B" der Band Seeed. Ein Gespräch mit Zander, 76, über Herthas Modernisierungsversuch.

SZ: Herr Zander, der Hymnenstreit bei Hertha BSC ist beigelegt. Ihr Lied "Nur nach Hause gehen wir nicht" wird vor den Hertha-Spielen wieder beim Einlaufen der Mannschaften gespielt. Glücklich?

Frank Zander: Oh ja. Dass mein Lied nicht mehr beim Einlaufen gespielt wurde, hatte mich sehr getroffen. Für mich war das, als hätte man den 24. Dezember auf den 23. verlegt. Schauen Sie doch mal, was in der Ostkurve vor einem Spiel passiert: Wie die Fans ihre Schultern umfassen, als stünden sie vor einem Kampf, auf und ab hüpfen, ihre Schals heben, meine Hymne singen - und die Welt plötzlich in Ordnung ist. Darum ging es doch: Um die gesamte Choreografie, die plötzlich verloren gehen sollte. Nach 25 Jahren! Die Hertha-Hymne ist ja die älteste der Bundesliga.

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Wann haben Sie davon erfahren, dass Ihr Lied vorgezogen werden sollte?

Einen Tag vorher, wie die Fans.

Wie wurde das begründet?

Ich hörte nur so nebenbei, dass da gesagt wurde: Der ganze alte Westberliner Mief muss da raus ... Ich weiß nicht, ob das von Eventfirmen kam oder so etwas. Es kam jedenfalls sehr flapsig daher. Nach dem Motto: Den Zander, den schieben wir jetzt mal nach hinten, das machen wir jetzt mal so, wir lassen uns doch nicht von den Fans sagen, was wir machen.

Und die Fans schmollten.

Die waren not amused, um es vorsichtig auszudrücken. Es herrschte eine ganz merkwürdige Stimmung. Ich war ja gefragt worden, ob ich live singen wollte, und hatte gerne zugesagt. Als feststand, dass das Lied nicht beim Einlaufen ertönen sollte, wurde alles sehr seltsam. Ich stand da allein, anders als sonst ohne Cheerleader, die Fans sangen bei mir aus Protest nicht mit, und als das Lied von Seeed ertönte, pfiffen die einen, und die anderen sangen dagegen an, "Nur nach Hause ...". Persönlich hat mir das für Peter Fox, den Sänger von Seeed, sehr leidgetan. Er ist ein ganz toller Musiker. Aber wir wurden ein bisschen gegeneinander ausgespielt.

Ihr Lied stammt ursprünglich von Rod Stewart, dem britischen Popsänger. Sie haben dessen Song "I Am Sailing" gecovert. Wie kam es dazu?

Meine Version ist auf Ibiza entstanden, am Strand. Wir saßen da mit Gitarre, waren fröhlich, haben Wein getrunken, und als die Sonne unterging, haben wir Sachen von Cliff Richard, den Everly Brothers und so gesungen. Irgendwann kam dann auch "I Am Sailing". Und mir kam diese Blitzidee: "Nur nach Hause ..." Wir haben das dann für eine Berliner Kneipe produziert. Passt da ja gut: "Nur nach Hause gehn wir nicht." Später trat Hertha an mich heran, ob ich nicht etwas für den Klub komponieren könne. Wir dichteten "Nur nach Hause" über Nacht um, und als wir es dann vor den Fans aufführten, hoben die beim zweiten Refrain schon die Schals und sangen mit. Deswegen sage ich immer: Hymnen entstehen. Die kann man nicht schreiben.

Würden Sie sagen, dies ist eine dieser Episoden, die zeigen, dass sich die Klubs von ihren Fans entfremden?

Die Verbindung zu den Fans geht immer weiter auseinander, nicht nur bei Hertha. Die Fans sehen die Jungs mit ihren großen Autos wegfahren, kaum einer geht mal in die Kurve, trinkt ein Bier mit den Fans. Die leben alle abgeschirmt. Und Werbung und Sponsoren werden so wichtig, dass alles andere nach hinten geschoben wird.

Wie kam es nun zur Versöhnung?

Bei Hertha merkten die: Oh, oh, oh! Da läuft was schief! Die ganze Stadt redete über den Fall, in allen Radiostationen wurde berichtet. Bei einem Heavy-Metal-Sender sagte ein Moderator: "Dickes B? Kann ich nicht mitsingen, selbst wenn ich besoffen bin. Und ich bin oft besoffen. 'Nur nach Hause' geht immer, egal wo ich bin."

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Am Montag trafen Sie sich dann mit den Hertha-Verantwortlichen.

Präsident Werner Gegenbauer rief an und fragte mich: Was ist denn los? Wir haben uns an einen Tisch gesetzt, an dem sich so einige wegduckten, als Gegenbauer sagte: "Jetzt muss Papa mal auf den Tisch hauen." Er war entscheidend.

Die Fans machen vor allem Paul Keuter verantwortlich, der in der Geschäftsführung für Kommunikation und Digitales zuständig ist. Er sagt nun: "Frank Zander und seine Hymne gehören zu Hertha wie das Brandenburger Tor zu Berlin. Die Hymne ist unantastbar."

Ja, der hat alles abbekommen. Der hat sich dann gedreht.

Sie sollen nun bei jedem Hertha-Spiel beim Einlaufen der Teams live singen.

So weit das zeitlich für mich möglich ist. Ich hab ja noch ein paar Jobs, die etwas mehr bringen. An der Hertha-Hymne verdiene ich keinen Cent, die Rechte liegen nicht bei mir, ich darf nur die Melodie verwenden.

Hinterlässt der Streit bei Ihnen Wunden?

Nein. Ich bin einer, der nach vorne schaut.