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Hertha BSC:Schlaflos in Berlin

Bruno Labbadia

Schlaflos: Hertha-Trainer Bruno Labbadia.

(Foto: Annegret Hilse/dpa)

Das 0:1 in Bielefeld passt bestens ins Gesamtbild der Hertha. Auf der Suche nach Erklärungen für die erneute Pleite findet Trainer Bruno Labbadia nur Flüche.

Von Javier Cáceres, Berlin

Bruno Labbadia machte am Montag nicht die geringsten Anstalten, sein Innerstes zu kaschieren. Im Gegenteil: Wenn man so will, hatten sich all die Gefühlsregungen, die der Trainer des Bundesligisten Hertha BSC schon am Sonntagabend verspürt hatte, nur verschärft. Mit 0:1 hatte die Hertha auf der Bielefelder Alm verloren; danach war der "Big City Club" nur noch fünf Punkte vom nächsten Gegner 1. FC Köln und damit vom Relegationsplatz 16 entfernt. Die Pleite bei den Bielefeldern fühle sich "fast noch schlimmer an, weil man eine Nacht darüber schlafen konnte", sagte Labbadia. "Wenn man denn überhaupt geschlafen hat", fügte er hinzu.

Herthas Coach hat tatsächlich schon mal ausgeruhter und entspannter ausgesehen als am Montag. Und dass sich der Mangel an Erholung auch auf die Laune auswirkt, dafür war Labbadia durchaus ein Exempel. Mindestens drei Mal entfuhr ihm das Wort "Shit", was zu den eher milden Ausdrücken der Injurien gehört, aber bemerkenswert blieb, als es normalerweise nicht zu den Schlüsselwörtern des öffentlichen Diskurses Labbadias zählt. Es sei "einfach Shit" gewesen, sagte Labbadia, so ein Spiel beim Aufsteiger nicht für sich zu entscheiden, weil es ja auch "einfach Shit" sei, "wenn in der Woche so viele Dinge richtig gelaufen sind und wir es dann nicht umsetzen". Vor allem aber konnte man hellhörig werden, dass er, ohne laut zu werden, das Wort mit dem Zischlaut verwendete, als er in einem nicht ganz vollendeten Satz recht grundsätzlich über die aktuelle Saison räsonierte: "Shit, ey! Wir haben einfach Scheiße viel liegen lassen..."

Genau genommen habe er das schon vor Weihnachten gedacht. Aber es gilt auch jetzt noch, da die Hertha nach insgesamt 15 Spieltagen enervierender stottert als ein nicht zünden wollender Zweitaktmotor. Ins neue Jahr war die Hertha mit einem 3:0-Sieg gegen den seit dem Wochenende nicht mehr chronisch sieglosen FC Schalke 04 gestartet. Doch weil die Hertha im Grunde nur Konstanz zeigt, wenn es darum geht, den Rückwärtsgang einzurasten, passte das 0:1 von Bielefeld (Tor von Reinhold Yabo/64.) bestens in Herthas diesjährige Gesamtwerkschau.

Hertha hatte noch bei bester Laune und gut trainiert

Ratlos sei er nicht, beteuerte Labbadia am Montag. Doch mit den Achseln zucken musste er am Montag schon gewaltig. Denn im Vorfeld hatte er ausschließlich Symptome diagnostiziert, die ihn hoffnungsvoll gestimmt hatten. Die Hertha hatte den Sieg gegen Schalke und also ein Erfolgserlebnis im Rücken; die Mannschaft war bester Laune und hatte gut trainiert; und Labbadia selbst hatte die Belegschaft darauf vorbereitet, dass man die Bielefelder Arminia zu den Mannschaften zählen müsse, die dem Gegner das Fußballspielen gern verleiden. So erzählte es Labbadia am Montag.

Aber am Sonntag war all dies so inexistent, dass man meinen konnte, die Hertha wollte Teil der Bielefeldverschwörung werden. Die Selbstwahrnehmung der Herthaner war am Ende so gestört, dass es nicht einmal empirische Belege für die mangelnde Zweikampfhärte gab, die zu einem Schuldbekenntnis von Niklas Stark geführt hatten. Laut der Statistik, die Labbadia bemühte, waren die Herthaner durchaus zur Sache gegangen, außer eben in den entscheidenden Momenten. Achselzucken: "Es wäre Blödsinn, etwas zu erzählen, wo es keine Erklärung gibt", sagte Labbadia.

Und nun? Zu den mildernden Umständen zählte, dass in Bielefeld der Brasilianer Matheus Cunha wegen Leistenproblemen passen musste, damit war die Hertha um die weitgehend einzige und also entscheidende Dosis Kreativität beraubt. Ob er schon am Wochenende eingreifen kann, war am Montag unklar. Seine Absenz würde die Berliner treffen, denn aus dem kollektiven Spiel heraus hat man bislang keine gestalterische Kraft entwickeln können.

Immerhin: Die Hertha verfügt über Geld und kann auf dem Transfermarkt tätig werden, Finanzinverstor Lars Windhorst sei Dank, der seit Mitte 2018 bereits rund 300 Millionen Euro in die Hertha investiert hat. Allein, der aktuelle Sound dürfte ihm vertrauter klingen, als ihm lieb ist, aus jenen Tagen des nackten Abstiegskampfes, den man in Berlin für überwunden hielt. "Wir sind im Dreck gelandet. Jetzt müssen wir wieder aufstehen", sagte Labbadia am Montag.

© SZ/klef
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