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Bundesliga-Abstiegskampf:Trostlos wie die polare Eiswüste

SC Freiburg - 1. FC Köln

Die Kölner, hier Marius Wolf, kassierten am Samstag fünf Gegentore.

(Foto: dpa)

Im Abstiegskampf hat sogar Schalke noch eine Chance - weil die Konkurrenten netterweise gewartet haben. Ein erbittertes Rennen steht bevor.

Kommentar von Philipp Selldorf

Diejenigen, die ihren Lebenszweck darin finden, über alles und jeden zu hadern und zu mosern, über Post, Bahn und Regierung, die Nachbarskinder und die Mitbürger schlechthin, die ziehen jetzt garantiert auch über den Abstiegskampf der Bundesliga her. Aber ein bisschen recht haben sie ja, diese unangenehmen Leute. Was für ein Abstiegskampf ist das, in dem ein Team am 15. Spieltag das erste Mal gewinnt, und dafür gleich den letzten Tabellenplatz verlassen darf und den rettenden 15. Rang in Reichweite sieht?

Darüber ließe sich nun kulturkritisch räsonieren, doch die banale Wahrheit ist, dass der Wettstreit um den Klassenerhalt weder zur Soziologie noch für ästhetische Ansprüche taugt. Er bildet jedes Jahr seine eigenen Phänomene und Seltsamkeiten aus. So hat das bisher geringe Niveau der Auseinandersetzung einen Profiteur hervorgebracht, der selbst auch noch nicht oft gewonnen hat.

Trotz seines ebenfalls eher dürftigen Kontostands darf sich der SV Werder Bremen (noch) jenseits der imaginären Grenze zum Abgrund wähnen. Jene 15 Punkte, die Werder zurzeit besitzt, hätten in den vorigen Jahren akute Gefahr verheißen. 2017/18 hätte man damit einen Punkt vor dem Vorletzten gestanden - der übrigens Werder Bremen hieß.

Schalkes Konkurrenten haben netterweise gewartet

Damals war der 1. FC Köln am 15. Spieltag Letzter, mit geradezu lachhaften drei Punkten. Die Rettung hat der FC nicht mehr geschafft, doch in der Rückrunde erlebten die Kölner immer wieder Phasen, die wie Ostern für sie waren - sie glaubten sich bereits vor der Auferstehung. Der Sonderspielbetrieb am Tabellenende ist die Quelle extremer Gemütszustände. Bis zum erlösenden Treffen mit Hoffenheim befand sich Schalke 04 in einer sportlichen Depression, die in ihrer Trostlosigkeit mindestens so endlose Dimensionen hatte wie die polare Eiswüste. Mit dem ersten Sieg scheint dieses Gefühl der Verlorenheit schlagartig vergangen und vergessen zu sein. Bis zur nächsten Niederlage.

Für die Schalker war der Abstiegskampf bisher mehr Illusion und Wunschvorstellung als Realität, sie hatten mit ihren vereinzelten Remis-Pünktchen noch gar nicht daran teilgenommen. Eine Partie zu gewinnen, schien ihnen nicht mehr möglich zu sein. Diese Schwelle haben sie jetzt überschritten und sind dadurch in den Wettbewerb um die Ränge 15 und 16 eingetreten. Die anderen Teams - Mainz, Köln, Bielefeld - haben freundlicherweise auf sie gewartet.

Nun steht ein im historischen Vergleich vielleicht weniger ansehnliches, aber umso erbitterteres Rennen bevor, denn diesmal wird das Ende für die Verlierer - abgesehen von den von vornherein aufs Ärgste vorbereiteten Arminen - besonders grausam sein. Der Abstieg mitten in der Rezession der Corona-Krise kann für die Klubs Existenzfragen auslösen.

© SZ/ebc
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