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Schalkes 4:0 gegen Hoffenheim:Das Ende eines langen Albtraums

FC Schalke 04 - 1899 Hoffenheim

Schalkes Torschütze Matthew Hoppe bejubelt sein Tor zum 3:0 mit Schalkes Ozan Kabak.

(Foto: Guido Kirchner/dpa)

Nach 30 sieglosen Spielen darf Schalke wieder jubeln - das liegt vor allem an Matthew Hoppe, Amine Harit und schwachen Hoffenheimern. Selbst der Klassenerhalt erscheint nicht mehr illusorisch.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Statt der traditionellen, melancholischen Abschiedshymne vom königsblauen S04 erklang nach dem Abpfiff der Partie gegen die TSG Hoffenheim ein Hit aus der seligen Flowerpower-Ära aus den Stadionboxen in Gelsenkirchen. "California Dreaming" war die Widmung an den jungen Mann, der am Samstagnachmittag das Schalker Tal der Tränen erleuchtet hatte. Ein einzelnes Tor in der Regionalliga West hatte der vor anderthalb Jahren aus Kalifornien importierte Mittelstürmer Matthew Hoppe bislang erzielt, nun fügte er drei Treffer in der Bundesliga hinzu und trug damit maßgeblich dazu bei, den scheinbar endlosen Albtraum der königsblauen Gemeinde zu beenden.

Schalkes 4:0-Sieg gegen die TSG 1899 brachte Reaktionen hervor, die von Erlösung und Befreiung zeugten. Verteidiger Ozan Kabak sank so feierlich zu Boden, als wäre eine überirdische Erscheinung über ihn gekommen, andere Schalker begrüßten den Abpfiff mit Urschreilauten aus der Tiefe ihrer geschundenen Fußballerseelen. Nicht mal zittern mussten die von 30 sieglosen Partien bedrückten Spieler um den ersehnten Erfolg - die Hoffenheimer hatten ihnen mit einer desaströsen Leistung therapeutisch wohltuend zur Seite gestanden. "Mir ist bewusst, dass heute in dem Spiel viel für uns gelaufen ist, aber wir werden diesen Sieg nehmen, um darauf aufzubauen", sagte Trainer Christian Gross.

Nicht immer hatte es nach diesem beglückenden Erlebnis ausgesehen, der Führungstreffer kurz vor der Halbzeitpause hatte sich eher überraschend in den Spielverlauf gefügt. Hoffenheim war mit seiner gefährlichen Sturmreihe dem 1:0 deutlich näher gewesen. Aber in der zweiten Halbzeit verblüffte der Tabellenletzte seine Gefolgschaft mit Mut, Entschlossenheit, Angriffsgeist und einer spielerischen Effektivität, die das Team fast ein ganzes Jahr vor seinem Publikum verborgen gehalten hatte.

Wer Matthew Hoppe sagte, der musste am Samstag auch Amine Harit sagen. Der Spielmacher, monatelang weit weg von seinen eigentlich umfangreichen Möglichkeiten, bereitete sämtliche Tore des Angreifers mit feinen Pässen vor und setzte mit dem 4:0 seinem starken Auftritt ein Krönchen auf. Dieses vorbildlich herausgekonterte 4:0 in der 80. Minute beseitigte den letzten Rest Skepsis, der die betroffenen Beobachter gefangen hielt.

Gejubelt haben darüber aber nicht nur die Funktionäre auf der Ehrentribüne, sondern auch ein paar altgediente Ex-Fußballer in Berlin. Die Tasmania aus der Hauptstadt behält ihren 55 Jahre währenden Negativrekord, der mehr als ein halbes Menschenalter das Synonym für fortgeschrittenen Misserfolg in der Bundesliga darstellte. Die Schalker nahmen derweil außer von der historischen Bürde auch von ihrem ungeliebten Tabellenplatz Abschied, den an ihrer Stelle Mainz 05 einnimmt. Der Abstiegskampf in Gelsenkirchen ist aus dem Stadium des leidvollen Stillstands in den offenen Wettbewerb übergegangen, der 4:0-Sieg hat den Beweis erbracht, dass er nicht mehr Illusion und Wunschvorstellung ist, sondern Realität sein kann.

Torwart Fährmann lässt seine Kritiker schlecht aussehen

Außer vier Cheftrainern hat Schalke 04 während der Hinrunde auch schon drei Torhüter eingesetzt. Verletzungen und unterschiedliche Bewertungen durch die unterschiedlichen Cheftrainer sorgten für ständigen Schichtwechsel. Derzeit ist Ralf Fährmann wieder gefragt, seine Erfahrung und nicht zuletzt seine Herkunft als Alt-Schalker überzeugten Christian Gross. Mancher Kenner zweifelte an der Richtigkeit dieser Entscheidung, aber Fährmann hat am Samstag seine Kritiker schlecht aussehen lassen.

Die Schalker hatten zwar gegen ein merkwürdig passives Hoffenheim gut begonnen, sich sogar eine gewisse Überlegenheit angeeignet und durch Sead Kolasinac und Matthew Hoppe zwei ernsthafte Chancen erspielt, dann fing aber auch die Gäste-Elf an mitzuspielen. Prompt machten die Schalker Fehler und in der Hintermannschaft hielten wieder Angst und Schrecken Einzug. Ishak Belfodil hatte in der 23. Minute gleich zweimal das 1:0 vor sich. Fährmann und Verteidiger Matija Nastasic stellten sich erfolgreich in den Weg. Der ersten Großchance folgten aber bald die nächsten. Doch auch Andrej Kramaric und Diadie Samassekou scheiterten am fliegenden Fährmann. "Wir mussten uns in der ersten Halbzeit auf einen absolut überragenden Ralf Fährmann verlassen", hob Gross hervor.

Trotz der Bewahrung des 0:0 war die Häufung heikler Szenen nicht dazu angetan, den Schalkern Mut zu spenden, doch sie fingen sich irgendwie und stabilisierten ihre Deckung wieder. Das 1:0 entsprang einem Konter, der mit einer geradezu meisterlichen Kopfballvorlage von Sead Kolasinac startete. Wie der Präzisionspass fügte sich der Ball in Harits Laufweg. Hoppe vollendete ähnlich kunstvoll mit einem Lupfer über den unentschlossen aus dem Tor geeilten Baumann. Auch beim 0:2 sah der Schlussmann nicht glücklich aus, als er dem Sololäufer Hoppe gegenübertrat. Beim 0:3 war es dann Abwehrchef Kevin Vogt, der mit einem drastischen Fehlpass Hilfestellung leistete. Wie gesagt: Die Hoffenheimer waren den Schalkern ein gnädiger Gegner.

Nicht unwesentlich trug auch der Rückkehrer Kolasinac zur Steigerung des Schalker Niveaus bei. Als er vor dreieinhalb Jahren aus Gelsenkirchen nach London wechselte, war er ein wuchtiger und robuster Linienspieler. Am Samstag zeichnete er sich außer durch die ihm eigene kämpferische und dynamische Haltung auch durch kluges und erwachsenes Pass-Spiel aus, das seine Nebenleute sichtbar positiv beeinflusste. Da scheint der richtige Mann zur rechten Zeit gekommen zu sein.

© SZ/chge
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